Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Der erste Abgeordnete der Juden im österreichischen Parlament
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 229 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 229 DER ERSTE ABGEORDNETE DER JUDEN IM ÖSTERREICHISCHEN PARLAMENT Rabbiner Simon Schreiber aus Krakau Studie von Robert Weiß nach mündlichen Mitteilungen des Herrn Wilhelm Bernhard Schreiber, Sereth Jüdische Abgeordnete, genauer Abgeordnete jüdischer Abstammung, hatten fast zu allen Zeiten an den Beratungen des Wiener Parlaments teilgenommen. Aber der erste Abgeordnete der Juden, der erste, der sich die Wahrung der Interessen und Rechte seiner Volksgenossen zur vornehmsten Aufgabe setzte, war Rabbi Simon Schreiber aus Krakau. Wer in den Siebzigerjahren den Wiener Parlamentssaal an einem der „großen Tage"- betrat, konnte ein seltsames Bild beobachten. Beim rechten Flügel des Hauses, in den ersten Bänken des Polenklubs, saß ein Mann in langem Kaftan aus schwarzer, schimmernder Seide, groß, stattlich, das Haupt bedeckt mit einer hohen Samtkappe. Unter ihr lange, feierliche Schläfenlocken. Lang und graumeliert der Bart. Ein charakteristischer Judenkopf: der Krakauer Row. Inmitten der tobendslen Parlamentssitzungen saß er ruhig und wissend auf seinem Platze. Von Zeit zu Zeit kam einer der Abgeordneten und sprach auf ihn ein. Die Bewegungen des christlichen Kollegen ließen aut die Ehrfurcht schließen, die er vor dem Wissen und vor der Persönlichkeit des jüdischen Abgeordneten hatte. Im Parlament, dem auch der Antisemitenführer Schönerer angehörte, zirkulierte damals ein hübscher Scherz, der nebenbei auch seine boshafte politische Spitze hatte: Beim Namensaufruf kam stets — trotz des Alphabets — Schreiber vor Schönerer. So hieß es einmal auch: „Herr Abgeordneter Schreiber" — „Hier!" — „Herr Abgeordneter Schönerer" — „Fehlt!" — „Kunststück, es ist kaner „schönerer" nach dem Schreiber . . ." Simon Schreiber wurde im Jahre 1821 in Preßburg geboren. Die Stadt, die damals noch zu Ungarn gehörte, war der geistige Mittelpunkt der ungarländischen Judenheit. Auch aus anderen Ländern, aus Rußland, Polen, aus Böhmen, Mähren, Deutschland, kamen in Preßburg jede Woche junge Schüler an, die selbst die Mühsal der langen Fahrten in der Postkutsche gerne auf sich nahmen, wenn sie an den Lehrvorträgen des „Chasam Saufer" teilnehmen konnten. „Chasam Saufer" ist eigentlich ein Buchtitel. Aber so wie wir Juden dem Namen des Autors wenig und dem Werke alle Beobachtung schenken, so geschah es auch dem Autor einer der wichtigsten halachischen Werke der neuesten Zeit. Er hieß und heißt noch heute nach seinem Buche. Sein eigentlicher Name war Moses Schreiber. Er war der Vater des späteren Abgeordneten Schreiber. Auch die Mutter brachte reiche Anlagen mit. Sie war die Tochter eines nicht weniger berühmten Mannes dieser Zeit, des Rabbi Akiba Eger aus Posen*). Der junge Simon wuchs so in einer Atmosphäre heran, die ausschließlich von jüdischem Wesen und Dienst bestimmt wurde. Seine Kindheit war gewiß nicht sonnig, vielleicht nicht einmal heiter. Wer weiß, ob er seiner reichen Begabung hätte ein hervorragendes Wissen hinzugesellen können, wenn er nicht frühzeitig in den Pflichtenkreis des jüdischen Lebens eingeordnet worden wäre? So aber fiel bereits der fünfjährige Knabe auf: beim „Lernen" durch eine ganz ungewöhnliche Geistesschärfe und beim Gebet durch eine seltsam innige Frömmigkeit. Als Knabe soll er bereits philosophisch-kabbalistische Werke zu erklären verstanden haben. Hiezu kam noch Witz und Schlagfertigkeit, die oft ganze Versammlungen von Gelehrten verblüffte. Der kleine Simon durfte bereits als fünfjähriger Knabe den Lehrvorträgen seines Vaters beiwohnen, wenn der „Chasam Saufer" den Wochenabschnitt zu erläutern pflegte. Denn „Chumisch mit Raschi" lernte Simon schon damals. So erklärte einmal der „Chasam Saufer" das Siegeslied der Juden am Roten Meer und besprach die Stelle im zweiten Buche Moschehs, Kap. 1 5, Vers 2, „D i e s ist mein G o 11". Raschi sagt in seinem Kommentar bekanntlich, daß Gott damals allen Juden, vom Fürsten bis zum letzten Lastträger, wahrnehmbar erschienen sei „und sie zeigten auf ihn mit dem Finger; eine Magd ani Meer sah, was die späteren Propheten nicht sahen . . ." Als dies der kleine Simon hörte, unterbrach er den Lehrvortrag seines Vaters und plapperte: „Weißt du, warum damals eine Magd mehr sehen konnte als später ein Prophet? Weißt du, Vater, wenn du einen Schüler mit einem Brief schickst, klebst du ihn zu; sendest du eine Magd, läßt du ihn offen. Warum? Der Bocher versteht, da muß der Brief geschlossen sein; die Magd ist dumm, der Brief bleibt offen. So war es auch am Roten Meere. Die Magd konnte alles sehen, weil sie nichts verstand. Der Prophet weiß und so darf er nicht alles sehen .. ." Ein anderes nicht minder amüsantes Beispiel seines Witzes wird seiner späteren Schülerzeit nacherzählt. Damals war es ein häufiger Brauch, daß reiche Kaufleute aus allen Gegenden Ungarns nach Preßburg fuhren, um sich aus den besten Bachurim der Jeschiwah einen Schwiegersohn auszusuchen. Solch eine „Prüfung" wurde von den Kameraden des Erwählten natürlich gefeiert und es wurde eine Kommission bestellt, die sogenannten „Schatzbochrim", die den inneren Wert des Bräutigams zu bemessen hatten. Auf Grund dieser „Schätzung" mußte der zukünf- •I *) Yergl. den Aufsatz von S. Kaatz: „Rabbi Akiba Eger auf dem alten Markte in Posen** in Heft 1 1 des II. Jahrganges der ..Menorah". RINGPLATZ IN KRAKAU. (KRAKOW Aus: Dir öst.jrr.-ungi.r. Mon.,rclü.- in Wort und Bild