Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Der erste Abgeordnete der Juden im österreichischen Parlament
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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M E N O R A H 231 irgendwie in den Vordergrund zu drängen. Der überaus einflußreiche Rabbiner von Beiz hatte sich für die Kandidatur Schreibers besonders eingesetzt. Als sich nun im Lande die Nachricht verbreitete, daß der Krakauer Row zum Abgeordneten gewählt sei und nach Wien ins Parlament des Kaisers fahren werde, da tanzten die Juden auf der Straße, und die Feste, die damals selbst im kleinsten jüdischen Dorfe gefeiert wurden, dauerten mehrere Tage. Der Krakauer Row war Abgeordneter! Wer vermag heute die Erschütterung nachzufühlen, die eine solche Nachricht in den gedrückten, galizischen Juden auslösen mußte! — Der Krakauer Row ein Abgeordneter?! Simon Schreiber blieb auch im Wiener Parlament der Krakauer Row. Er lehnte es ab, öffentlich in Hof- und Staatsaktionen das Wort zu ergreifen. Er verschmähte es, irgendwie an den Lehrinhalten und Lebensformen des überlieferten Judentums herumzudeuteln, um es den Andersgläubigen geschmackvoller zu machen. Er blieb der Krakauer Row, er schützte in erster Linie die Rechte seiner Juden, nahm Gesuch über Gesuch entgegen und intervenierte für sie beim Kaiser, beim Minister, beim Sektionschef, beim Richter, beim Polizeikommissär, überall, wo die Maschinerie der brutalen Staatsgewalt irgendwie das Schicksal eines armseligen Dorfjuden mit Kaftan und Pejes in ihren Rädern zu zermalmen drohte. Das war der Abgeordnete Schreiber, der Krakauer Row. Zwei von den vielen Anekdoten, die über ihn aus diesen Tagen erzählt werden, seien hier wiedergegeben. Rabbiner Halberslamm aus Neu-Sandec, der bereits oben erwähnt wurde, hatte einmal gegen ein jüdisches Individuum, das fortgesetzt Sicherheit und Leben seiner Brüder gefährdete, den Cherem (Bannfluch) aussprechen müssen. Die Behörde wollte hiefür den angesehenen Rabbiner mit einem längeren Arrest bestrafen und bestand darauf, daß der greise Mann die Haft sofort antrete. Schreiber überbrachte persönlich dem damaligen Justizminister Unger ein Gesuch, in dem er den Minister bat. die Verfügung der Behörden aufheben zu wollen. Der Minister fuhr ihn an: „Was wollen Sie von mir? Der Papst in Rom hat nicht mehr die Macht zu bannen, wie darf es sich dann so ein Rabbiner herausnehmen?" Schreiber ließ sich nicht abschrecken und reichte beim Kaiser ein Majestätsgesuch ein und ging in Audienz. Franz Josef empfing ihn freundlich. Der Krakauer Row erbat sich vom Kaiser zunächst die Erlaubnis, den traditionellen Segensspruch beim Anblick eines Regenten sagen zu dürfen: „Gelobt seist du, \inser Gott, der von seiner Herrlichkeit mitgeteilt hat an einen Sterblichen . . ." Während des Segens hielt Schreiber die Augen geschlossen, er erhob seine Hände und das Majestätsgesuch glitt auf den Boden, ohne daß er es merkte. Als er seine Augen wieder öffnete, stand der Kaiser vor ihm, das Gesuch in der Hand. Er hatte es aufgehoben und es war bereits erledigt. Das alles ist viel weniger interessant als ein Bericht über diesen Vorfall, den er an einen seiner Söhne sandte. Es ist vielleicht die wunderbarste Äußerung, die uns von diesem jüdischen Menschen erhalten geblieben ist. Er soll in diesem Briefe ungefähr geschrieben haben: ,,Als ich vor dem Kaiser stand, war meine Furcht vor ihm so groß, daß ich es nicht verspürte, als das Papier meiner Hand entglitt. Und dabei war ich doch nur vor dem König. Wie greß müßte erst unsere Furcht vor dem König der Könige sein, wenn wir beim Gebete seinen Namen aussprechen und vor ihm stehen. Und wir stehen und sprechen und beten ohne Andacht und wissen nicht, daß wir vor i h m sind . . ." Diese und ähnliche Interventionen und Bittgänge hat Schreiber in der uneigennützigsten Weise auf sich genommen. Er war hiefür bei den Ministern bekannt, im Gegensatz zu manchem anderen Abgeordnetenkollegen, der es verstand, daraus so manchen Nutzen zu ziehen. Einerlei, ob er für einen reichen oder armen Juden vorgesprochen hatte, Schreiber lehnte in jedem Falle ab, dafür Geschenke, sei es in welcher Form auch immer, anzunehmen. Einmal sollten die Mauten im Brodyer Bezirke an eine Pachtgenossenschaft vergeben werden. Eine Gruppe von reichen, gesetzestreuen Juden baten Salomo, den Sohn des Abgeordneten, um die Intervention seines Vaters beim Minister und versprachen, ihn an den Erträgnissen zu beteiligen, falls sie die Maut erhalten sollten. Schreiber, der die Zusage des Ministers ohne weiteres erreicht hätte, ging sofort zu seinem Sohne und sagte ihm: ,,Ich will nicht, daß du dich daran beteiligst und ich werde nicht bitten INNERES DER „ALTEN SYNAGOGE" IN KRAKAU Aus: Die öslen-.-unsar. Monarchie in Wort und Ril.l gehen . . . Ich habe noch viel zu wenig für Juden getan und die Welt wird sagen: Seinen Schloimele hat er sich versorgt ..." Als er wieder einmal zum Minister ging, diesmal um die religiösen Rechte der gesetzestreuen Juden zu verteidigen (1883), antwortete ihm der Ministerpräsident Taaffe: „Herr Rabbiner, es ist ganz ausgeschlossen, daß ich nachgebe, ich werde da nichts machen." Darauf sagte der Krakauer Row: „Herr Ministerpräsident, dann will ich es lieber nicht erleben" — und er starb sechs Tage später. OSKAR NEUMANN: VERHEISSUNG Die Fremde soll dir nicht mehr Heimat sein und wurzeln wird dein Herz in Mutter-Erde, aus der man dich einst riß bei Flammenschein. Schon zittert in der Luft ein neues .Werde'1 . . . Schon flammt in jungen Seelen auf das Lied, das von der Heimkehr singt und neuen Wegen. Und über toten, morschen Trümmern zieht des jungen Lebens kraftumwogter Segen . . . Schon reift der Arm und zimmert rauschdurchglüht den stolzen Bau in wachsendem Gestalten. Und an der Scholle, die lenztrunken blüht, zoird eine junge Sehnsucht Wache halten . . .