Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Zur Moses Mendelssohn-Ausstellung in Dessau
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 216 (sequence 2)
- Language
- German
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216 MENORAH OKM. VON l-'K[SCM. GKST. VON MULl.KK (S't U lTGART) KIOKN'IUM UI'.K Hl hl.. L>. |UL). C1KM. UKRI.tN Mit einem kleinen, in der „Theatralischen Bibliothek" erschienenen Briefaufsatz, der die Grundidee von Lessings muligem Jugendwerk „Die Juden" gegen den Göttinger Professor Michaelis verteidigte, führte sich Mendelssohn — wenn auch anonym — in die deutsche Publizistik ein, und kurz darauf erschien (1755), allerdings ebenfalls anonym, ohne sein Vorwissen von Lessing zum Druck befördert, sein erstes philosophisches Werk, die „Philosophischen Gespräche". Hier setzte die eigentliche Ausstellung ein und überspannte von hier aus in einer fast lückenlosen Darbietung von Mendelssohns Werken — natürlich zumeist in Erstausgaben — seine gesamte literarische Produktion. Durch geschickte Anordnung wurde der Besucher auf die Höhepunkte und interessanten Momente dieses Schaffens hingeleitet. Man sah die Rezension aus den „Litteraturbriefen", die ebenso geschickt wie mutig die Vorliebe Friedrichs des Großen für die französische Sprache tadelte; sah die Abhandlungen „Über die Evidenz in mathematischen Wissenschaften", mit der Mendelssohn im Jahre 1 763 vor Kant den Preis der preußischen Akademie der Wissenschaften errang, deren Mitglied er ein paar Jahre später nur durch den Widerspruch des philosophischen Königs nicht werden konnte. Man bemerkte den Phädon, jenes Werk, in dem der Anhänger der Leibniz-Wolffschen Philosophie in der dem platonischen Vorbild entlehnten anmutigen Form seine Ideen über die Unsterblichkeit der Seele vortrug und sich damit europäische Berühmtheit gewann. Es liegt eine gewisse Pikanterie darin, daß dieses Buch, von dem allein die Dessauer Ausstellung zwölf Ausgaben, darunter auch die von David Friedländer veranstalteten, vorlegen konnte, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde — in Wien konfisziert worden war. Man sah ferner all die Schriften, die im Verlauf des widrigen, von L a v a t e r heraufgeführten Disputes über Mendelssohns Stellung zu Christentum und Judentum entstanden waren, und die neben dem Ärger und den Verlegenheiten, die sie dem vorsichtig zurückhaltenden Manne schufen, doch das Gute hatten, daß Mendelssohn von der mehr indirekten Einwirkung auf die jüdische Welt zu ihrer bewußten Beeinflussung überschwenkte. Was in diesem Zusammenhange entstand, die Pentateuch- und Psalmenübersetzung, aus denen die Juden im Grunde mehr das reine Deutsch als das reine Judentum lernten, die für die preußischen Gerichtsbehörden hergestellte Übersetzung der „Rilualgesetze der Juden", die von Mendelssohn angeregte berühmte Emanzipationsschrift des preußischen Kriegsrates Christian Wilhelm von Dohm „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" und die Schriften wieder, in denen er zu bestimmten Gedankengängen dieses Standard-Works der Judenemanzipation Stellung nahm: die Vorrede zu Manasse ben Israels an Cromwell gerichteter Schrift „Rettung der Juden" und vor allem das bis heute viel umkämpfte Buch „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" — all das bot die Dessauer Ausstellung. Mit einem Blick auf Mendelssohns philosophisches Testament, seine Theodicee, die „Morgenstunden" und auf sein Nachlaßwerk „An die Freunde Lessings", in dem er seinen Lebensfreund gegen den erschrecklichen Vorwurf des Spinozismus, d. h. für ihn Atheismus, verteidigte, nahm man Abschied von Mendelssohns letzten Werken. Zu den Druckwerken gaben die Darstellungen der bildenden Kunst eine hochwillkommene Ergänzung. Man muß anerkennen, daß es der Ausstellungsleitung gelungen war, eine Graphikennammlung von einer seltenen Reichhaltigkeit zusammenzustellen und Bildnisse von Moses Mendelssohn aus den verschiedensten Perioden seines Lebens, von verschiedensten Künstlern und in manchmal auffällig verschiedenen Auffassungen zusammenzubringen. Am bemerkenswertesten war eine Rötelzeichnung von C h od o w i e c k i, eine Guaschmalerei auf Elfenbein von einem unbekannten Künstler, ferner ein recht stilisiertes Bild aus dem Besitz der Dessauer jüdischen Gemeinde, eine Denkmünze, die auf der Rückseite ein Abbild des Phädonkupfers von I. W. M e i 1, den Totenschädel mit dem Schmetterling trägt. Als das bekannteste, vielleicht beste Moses Mendelssohnporträt ist wohl das von Johann Frisch gemalte, von J. G. Müller- Stuttgart gestochene anzusehen, das die von den Mendelssohnianern Isaac Daniel I t z i g und David Friedländer geleitete jüdische Freischule in Berlin dem neuen König Friedrich Wilhelm II., dem Neffen und Nachfolger Friedrichs des Großen, im Jahre 1 787 gewidmet hatte, und mit dessen Vertrieb — in der Form des Stichs — sie noch nach Jahrzehnten ihren kümmerlichen Einkünften aufhelfen mußte. Nicht vertreten war auf dieser Ausstellung die Marmorbüste, zu der Mendelssohn ein Jahr vor seinem Tode (4. Jänner l 786) dem Hofbildhauer Tassaert, dem Lehrer Schadows, gesessen hatte, und die, ursprünglich Eigentum derselben jüdischen Freischule, nach manchem Hin und Her in das Depot der jüdischen Gemeinde in Berlin gekommen, nunmehr eine Hauptzierde des Museums der Berliner jüdischen Gemeinde bildet. Das vor dem Bahnhof in Dessau stehende Denkmal, das dort zur hundertjährigen Wiederkehr seines Todestages enthüllt wurde, ist allerdings ein nicht sehr befriedigender Ersatz für die Büste von 1 assaert. Aus der Vielgestaltigkcit der bildlichen Darstellung blieb jedenfalls dem Betrachter ein Gesamteindruck, ähnlich dem, wie ihn Johann Caspar Lavater in seinen Physiognomischen Fragmenten in überschwänglicher Weise festgehalten hat, und man empfand mit ihm: „In dieser Tiefe des Auges sitzt eine sokratische Seele." Mehr aber noch als durch die Werke und die Porträts, sozusagen am persönlichsten wurde der Ausstellungsbesucher durch die schriftlichen Reliquien von Mendelssohn und seinem Kreis gefesselt. Da sah man Briefe, die Mendelssohn in seiner schönen, großen, klaren hebräischen Kursive — als Moses von Dessau — an seine Braut Fromet Gugenheim in Hamburg richtete, man sah den Brief, in dem er sich freimütig gegen den Erbprinzen von Braunschweig, seinen und Lessings Gönner, über das Christentum aussprach, man sah die Originalübersetzung des 45. Psalmes. Man konnte auch das Original des „General-Schutz- und Handlungs-Privilegiums mit den Rechten christlicher Kaufleute", das Mendelssohns Witwe und Nachkommen im Jahre 1 787 „wegen der bekannten Verdienste Ihres Mannes und Vaters" verliehen worden war, bestaunen, und erinnerte sich dabei der geistvollen Bittschrift, mit der im Jahre l 763 der Marquis d'Argens das Schutzprivileg für Mendelssohn selbst — nicht aber für seine Nachkommen — von Friedrich dem Großen erwirkte, und die da lautete: „Un philosoph mauvais catholique supplie un philo-