Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Von unseren jungen Künstlern
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 M E N O R A H nung ist uns beiden zum Erlebnis worden. Wir scheiden in Freundschaft. Wie lange sie hält, das macht nichts aus. Man wird einwenden, das sei eine bedenkliche Methode. Mag sein. Aber sie hat sich bewährt. In den letzten zehn oder mehr Jahren sind nicht wenige junge Künstler ihre erste Strecke mit mir gegangen, eine Handvoll davon hat sich seither rühmlich durchgesetzt. Und wäre es auch nur einer, dem ich so den Anfang erleichtern durfte — nicht etwa durch das, was ich für ihn getan oder über ihn geschrieben habe, sondern nur durch mein Vertrauen aul seine Sendung — die Methode hätte ihren Wert erwiesen. Man müßte sie zur allgemeinen Parole machen: Mehr Sorgfalt, mehr Liebe für unsere jungen Künstler! .. . Nicht anders war es mit dem jungen Fechenbach. Ich erinnere mich noch gut — es ist auch noch gar nicht so lange her — an unsere erste Begegnung in seinem Atelier. Eine hochgelegene Kammer in der Vorstadt, durch eine Bücherstelle in zwei „Appartements" geteilt, in die Schlafslatt und in den größeren Raum, der als Empfangsraum, als Wohnzimmer und als Werkplatz dienen mußte. Das war mir nicht neu, die jungen, in die Fremde verschlagenen Künstler pflegen so zu hausen. Aber bemerkenswert erschien schon die kluge und klare Ökonomie, womit die Regie im Räume geführt war, und die blitzblanke Sauberkeit. Hier wohnte kein Flausenmacher, sondern ein ordnungsliebender und zielbewußter Mann. Es war zu erwarten, daß der Sinn seines Haushaltes sich irgendwie in seiner Arbeit wiederfinden werde. Vom Fenster sah man auf einen Güterbahnhof im unfreundlichen Herbstwetter. Der Regen war eben vorübergegangen, aber das Licht des späten Nachmittags blieb blaß und müde. Und dieses Licht traf das Bild auf dem schmalen Wandtischchen, das für mich bereit gestellt war. Vor dem Balkon einer Mansarde öffnet sich der Ausblick in eine Florentiner Hintergasse. Man bekommt von der entgegenstehenden Häuserzeile gerade noch die obersten Etagen und die dachlosen Firste zu sehen. Darüber ein südlich schwüler Himmelsstreif, dessen verdämmernde Beleuchtung auch unten die Farben aufschlürft — nichts weiter. Man kann sich kaum ein einfacheres und weniger herkömmliches Thema vorstellen. Auch schien die Art der Auffassung und Darstellung keineswegs ungewöhnlich. Und doch konnte ich von diesem Bild nicht so schnell loskommen. Vielleicht deshalb, weil es als der erste größere Versuch einer Künstlerjugend so bescheiden erschien. Welche rare Naivität bei einem Fünfundzwanzigjährigen in unserer Zeit, dachte ich. Und da war ich auch schon gefangen. An den äußeren Vorzügen des Werkes konnte es nicht liegen. Denn solche hatte es kaum. Die Komposition mit ihren rein geführten aber doch zu regelrechten Überschneidungen der Vor- und Hinterbühne, mit dem nur matt betonten Kontrast des dunklen Stubenraumes und der erhellten Gassentiefe, das schwimmende Kolorit und die dumpfe Beleuchtung, das alles zeigte keine eigenwillige Kraft, eher sehr behutsame Vorsicht. Aber es zeigte schon den sanften, lauteren Charakter des Künstlers und brachte auf das Beste: auf die streng gezügelte, tief verschlossene Stimmung des Bildes. Scheue, schamvoll schwärmende Sehnsucht! Eine längst vergessene deutsche Künstlerjugend schien in diesem jungen Juden wieder aufgerollt. Das war mir schon bei dem ersten Anblick seines Bildes in den Sinn gekommen. Und als sich später die Gelegenheit bot, fand ich es in den Briefen deutscher Künstler aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts reichlich bestätigt. Fast auf jeder Seite gab es eine Stelle, die den Bruder im Geiste, Hermann Fechenbach, ankündigen wollte. Da war auf die vielfältigste Weise vom schönen Maß der Selbstbescheidung, von der allen Teilen gleich gewidmeten Arbeit, vom Zauber des Helldunkels, von der Einfalt und Tiefe des Gefühls die Rede. Und dieses Gefühl, auf das in jenen Briefen zuletzt doch alles auslief, fand ich dem Sinne unseres Künstlers am nächsten ausgedrückt bei Caspar David Friedrich. Da stand zu lesen: „Des Künstlers Gefühl ist sein Gesetz. Die reine Empfindung kann nie naturwidrig, immer nur naturgemäß sein." Und weiter, von der alten Unrast, die zwischen Deutschland und Italien stets die Heimat sucht: „Ich kann mir es jetzt recht schön denken, nach Rom zu reisen und dort zu leben. Aber den Gedanken, von da wieder zurück nach Norden, könnte ich nicht ohne Schaudern denken." Endlich eine Impression, die nicht der Sache, aber der Stimmung nach, ein Bild des jungen Fechenbach wiedergeben könnte: „Ich trat soeben aus einem dunklen, finstern Wald und befand mich auf einer ziemlichen Anhöhe. Vor mir im Tfiale, von fruchtbaren Hügeln umgeben, lag sie gar freundlich da, die niedliche Stadt, und im Abendglanze blinkt der neugedeckte Schieferturm. Durch die üppige blumenreiche Wiese schlingelte sich die Elster, gar lieblich zu schauen. Und hinter den Hügeln lagen Berge und hinter den Bergen ragten Felsen hervor; und so lag Fels an Fels gereiht bis weit hinaus in luftige Ferne. Voll hoher Freude stand ich lange da und sah hinaus in die schöne Gegend ..." Kein Zweifel — der junge Fechenbach wurzelt durch seine solide und saubere Stellung zum Flandwerk, durch seinen geraden, so gar nicht problematischen Charakter, durch seine schlichte Anschauung und durch seine milde Gemütsweise im Kreis jener Deutschen um Caspar Friedrich. Mit ihnen teilt er auch die Treue für die umhügelte Heimat, wo er — in Mergentheim — geboren ist, die Liebe für Italien. Aber derart umstrickt von den holdesten Fesseln, träumt er, zum Ernsteren aufgerichtet, den uralten Traum vom Lande der Väter, dem letzten Ziel seiner Sehnsucht. Das ist die Stimme des Blutes, ist nach den Schwärmereien des Jünglings schon männliche Bekennerschaft und ein Teil seiner tiefen Religiosität. So erscheint sein Künstlertum nun doch wieder als ein Problem. Wird man mich verstehen, wenn ich sage, es sei das Problem des deutschen Juden in der Kunst? Die Serie von Holzschnitten zur Bibel, mit der er sich beschäftigt, werden darüber die nähere Klarheit bringen. Ein Prospekt zeigt an, daß für das erste Buch Mosis 1 35 Blätter geplant sind. Die Leitverse für die Illustrationen sind schon gewählt. Die Bilderfibel greift aus der fließenden Fülle der Begebenheiten alle sinnfälligen Szenen bis zum Tode Josefs heraus, die Darstellungen von der Schöpfung des Lichtes bis zur Geschichte Noahs liegen bereits vor. Der vorgefaßte, in allen Teilen vorbedachte Plan und die strenge Reihenfolge seiner Durchführung bekunden auch hier die erstaunliche Selbstzucht eines blutjungen Künstlers, der auch ein so außerordentliches Unternehmen nicht anders als auf ordentlicher Grundlage aufbauen kann. 1. „Es werde Licht!": Ein Blitz durchbricht das hebräische Wort, trifft einen Riesenball und laßt ihn mit vielen Strahlen aufsprühen. 2. „Eine Wölbung werde mitten im Wasser": Uber dem nächtlichen Gebirge sammeln sich die beleuchteten Wolken. 3. „Es sammle sich das Wasser an einem Orte, auf daß das Trockene sichtbar werde": In der schweren Dämmerung brandet das Meer an einer Palmenküste. 4. „Gott machte die beiden großen Leuchten und die Sterne": Der Sonnenball und die Mondsichel, beide noch glutflüssig, formen sich im Weltenraume. 5. „Gott schuf die großen Seetiere und jeden beschwingten Vogel": Zwei fliegende Fabeltiere und zwei schwimmende Fische