Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Von unseren jungen Künstlern
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 209 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORA H 209 Von unseren jungen Künstlern (HERMANN FECHENBACH) Indem ich es unternehme, den Anfängen Hermann Fechcnbachs nachzugehen, muß ich zunächst, um recht und rein verstanden zu werden, etwas Allgemeines über mein Verhältnis zu den jungen Künstlern vorbringen. Das führt Bekenntnisse von privatem und intimem Charakter mit sich, die ich sonst lieber bei mir behalte. Aber da es der Sache, einer sehr zarten und teuren Saite der Kunst, nämlich ihrer ernsthaft strebenden oder feurig irrenden Jugend dient, wird man die Ausnahme wohl entschuldigen. Es ist für den Kritiker nicht einerlei, ob er es mit alter oder mit gegenwärtiger, zumal um ihr Dasein und ihre Klärungen ringender Kunst zu tun bekommt. Denn in dem einen Falle, vor den längst schon abgeschlossenen Werken und Schicksalen, muß er, wie leidenschaftlich auch mitgenommen, ein objektiver Richter der Werte, im andern Falle muß er ein Flelfer sein. Wie widersinnig wird seine Rolle, wenn er gegen die halbflüggen Beginner gleich mit dem schweren Geschütz seiner an Großem und Größtem erworbenen Maßstäbe loszieht! Wie lächerlich für ihn und wie traurig für die, welche seinem Urteil wohl oder übel ausgeliefert sind. Nein, er verkennt seine höhere, man könnte sagen: sittliche Verantwortlichkeil, wenn er mit der jungen Kunst geradeso verfährt wie mit der alten. Denn diese kann er nicht mehr verhindern und er kann ihr auch nichts mehr zuleide tun. Jene aber ist noch auf ihrem harten Wege. Sie braucht seine Nachsicht nicht, wohl aber seine ehrliche, herzhafte Teilnahme. Er muß, wann er ihr begegnet, jeden Eigendünkel lassen und sich hingeben können. Er muß den Mut und die Kraft haben, mit ihr zu leben. Und das ist mehr, als die dreimal Weisen meistens können. Ich bin so weise nicht. Bei meiner Beschäftigung mit den alten Meistern werde ich mich wohl hüten einen Fehler zu begehen. Aber bei den Jungen halte ich es geradezu für meine Pflicht. Da denke ich: Du mußt auf jeden Fall eine Strecke mit. Geht's schief, dann hast du immer noch Zeit auszuspringen. Aber eine Weile mußt du ohne Frage zu ihnen halten. Vielleicht brauchen sie das, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Und vielleicht sind sie, wo sie dir zu irren scheinen, auf dem besten Wege. Denn in der Kunst sind die Irrtümer von heute die Wahrheiten von morgen. Sie schafft, wo sie nur stark genug ist, das Unvorhergesehene. Welche Anmaßung, ihr Vorschriften machen zu wollen, welcher Kleingeist, der mit tausenderlei Bedenken und Vorbehalten anrückt, die ihr doch nur die Lust vergällen, die Luft verpesten können. Woher plötzlich dieser Hochmut? Oder ist es nur Angst? Dieselbe Gilde, die heute einen Rembrandt oder Manet maßlos rühmt, hat beide zu ihren Lebzeiten ebenso maßlos beschimpft. Man wird es immer wieder erzählen müssen: Ein tonangebender Zeitgenosse meinte von den weiblichen Akten Rembrandts, der Künstler habe mit ihnen das klassische Ideal der Frauenschönheit zu einer Kuhmagd erniedrigt. Und als im Salon von 1867 Manets „Olympia" zum erstenmal zu sehen war, mußte die Polizei das Bild vor den Stöcken und Schirmen des empörten Pariser Publikums schützen. Heute gelten die Akte des Holländers als Meisterwerke lebenswahrer, lebenswarmer Gestaltung und die „Olympia" hängt im Ehrensaal des Louvre. Die Kritiker schäumen Begeisterung. Aber dem neuen, unsicheren Schaffen gegenübergestellt, sind sie bereit, das üble Spiel ihrer geistigen Vorfahren zu wiederholen. Man wird jedenfalls dafür sorgen müssen, daß sie ihre Stöcke und Schirme in der Garderobe abgeben, bevor man sie zu den Werken der Jungen läßt. Es ist nicht Hochmut, es ist die Angst um ihren Ruf, den ein Fehlurteil leicht ins Wanken bringen könnte. Und es ist Mangel an Liebe, die jede Jugend braucht, um gerade gedeihen zu können; auch die Jugend der Kunst. Hätten sie diese Liebe, sie hätten auch Ehrfurcht und Demut, die besten Begleiter jeder Kunstbetrachtung. Wenn ich mich recht erinnere, ist es mir bei den vielen Begegnungen mit jungen Künstlern immer gleich merkwürdig ergangen. „Tlitihalkuin, <l<r Meister i„ allerlei Fr:- und lusemnerk" Au- II. k........ lTitir„U„h Di. Uil»l Ich habe die ineisten überschätzt. Nur wenige haben dem ersten Urteil auch späterhin standgehalten, aber keiner hat es überboten. Und das kam in der Regel so. Er war ins Zimmer gekommen, mit einer Mappe Zeichnungen oder mit einem ganzen Pack umgerahmter Bilder. Er schien erschöpft und meinte doch erst allerhand sagen zu müssen, um sich einzuführen. Aber er begriff bald, daß das nicht nötig sei und daß wir uns einstweilen ohne viel Worte besser verständigen würden. Dann zeigte er seine ersten Versuche. Mein erster Eindruck — ich rede nur von den Echten, nicht von Schaumschlägern — war: Ist das neu und schön! Und nun freuten wir uns beide. Aber das dauerte nicht lange. Denn schon war auch der böse Spuk da, den wir nun einmal bei solchen Gelegenheiten nicht ganz loswerden können. Der unausrottbare Schulmeister will immer wieder sein Recht. Er entdeckt überall lahme Stellen oder gar offenkundige Fehlgriffe. Er scheidet das „Richtige" vom „Unrichtigen". Lind tut das, trotzdem schon ein besseres Gefühl aufkommen will, das diese Frage nicht so wichtig nimmt. Denn dieses Geiühl weiß, daß aus Korrektheit niemals Kunst geworden ist. Aber damit nicht genug. Was ein rechter Schulmeister ist, läßt so schnell nicht locker. Er hat ja seinen famosen Rückhalt an allem schon Dagewesenen und der muß jetzt heraus. Die ganze Kette künstlerischer Vollbringungen vom Trecento bis Kokoschka wird im Geiste aufgerollt, wird emsig abgesucht und durchgeprüft, bis es endlich geglückt ist, ungewollte Ähnlichkeiten oder gar bewußte Abhängigkeiten festzustellen. Ein höchst fatales Glück, fragwürdig für beide Teile. Denn wem ist schließlich mit diesem hochnotpeinlichen Verfahren genützt? Dem Kunstjünger ganz gewiß nicht. Und dem Schulmeister? Der ist jetzt nur auf dem besten Wege, einfach unausstehlich zu werden. Aber da höre ich neben mir ein junges Herz schlagen. Ich brauche dem Besucher nicht in die Augen zu sehen, ich weiß, sie sind weit offen, der Sehnsucht voll. L^nd da ist auch schon all der gelehrte Plunder vergessen. Die Blätter auf dem Tisch, die Bilder längs der Wand sind wieder eine reine, reiche Welt des Neuen und Schönen, die wir mit gemeinsamer Freude bereisen. Ein feiner Rausch ist über uns gekommen, die Seligkeil des jungen schaffenden Lebens. Der Künstler hat das Wort, auch im Kritiker, der jetzt die Gabe, die sich ihm bietet, nicht mehr als Objekt für sein gleichgültiges Urteil, sondern nur als Gnar'e empfindet. Die leidigen Bedenken sind verflogen, geblieben ist die teilnehmende Besonnenheit. Sie sieht jetzt überall nur die glücklichen verheißenden Keime, und auch wo ihr Zweifel kommen wollen, ist sie bescheiden, behutsam geworden, bereit, sich eines Besseren belehren zu lassen. Die Rollen sind gewechselt. Was für ein Stümper, muß ich denken, ist doch der patenteste Kunstrichter neben einem solchen Prachtkerl, cler's nicht im, Kopf, aber in der Hand und im schönheitsdurstigen Auge hat! Er bittet selbstredend nech um Entschuldigung wegen der „Störung", die er verursacht hat. Aber ich muß ihm wahrhaftig danken. Die Begeg-