Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Die Synagoge in Heidingsfeld
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
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204 MENORAH SYNAGOGE IN HEIDINGSFELD: INNENANSICHT Hinter diesem Portalhäuschen liegt das Lehrerhaus, das dem Typ der mainischen Kleinstadthäuser entspricht. Die Synagoge überragt selbst Häuser von für den Ort beträchtlicher Höhe (vergleiche das Lehrerhaus und die Häusergruppe links auf der Abbildung); der talnuidischen Bestimmung über die Höhenmaße der Synagoge wird der Bau also gerecht. Die tatsächlichen Verhältnisse werden von der Straße gesehen durch die niedrige Mauer, im Hofe von dem kleinen Portalhäuschen wirkungsvoll unterstützt. Die Gefahr einer unharmonischen Überhöhung wird durch den sockelartigen rustikal behandelten Unterbau beseitigt. In ästhetischer Beziehung genügt das Äußere des Bauwerkes durchaus den Anforderungen, die man an eine Kleinstadtsynagoge stellen darf, die ohne Überschwang einem besonders auszuzeichnenden Gebäude eigenartige Formen geben soll. Während das Innere der Frauensynagoge nur geweißte Wände und glattes Gestühl aufweist, ist die Männersynagoge reicher behandelt. Die Spiegeldecke, die sie nach oben abschließt, ist mit einfachem Rokokostuckwerk geschmückt, das leicht farbig behandelt ist; jedoch hier, wie auch an anderen Stellen, scheint eine spätere Restauration manches Ursprüngliche zerstört zu haben. In der Mitte der Südostseite erhebt sich der Schrein zum Aufbewahren der Pentaleuchrollen, der Thora, der Ar au n H a~ kaudesch; er ist durch einen portalähnlichen Unibau ausgezeichnet. Auf zwei Säulen, die auf Podesten stehen, ruht ein verkröpftes Gebälk, das mit zwei Reihen Girlanden verziert ist. In der Mitte der oberen befindet sich eine Cartouche mit der hebräischen Jahreszahl (1780), die vermutlich das Erbauungsjahr angibt'). Über dem Gebälk erhebt sich im Mittel die Doppeltafel mit den hebräischen Anfangsbuchstaben des Zehnworts, von einer Krone überragt. Die Wangen dieser Tafel leiten zu den Vasen hin, die ' ) Der stilistische Befund erlaubt diese Annahme. über dem verkröpften Gebälkteil stehen, in denen sich die Säulen nach oben fortsetzen. Durch diese Anordnung wird der Thoraschrein an beiden Seiten eingefaßt und gleichzeitig über die Wandfläche hinaus in den Raum vorgebaut, nach oben läuft Clin die Krone aus. Weniger glücklich ist die Verbindung mit der Wandfläche selber, auf die er aufgsetzt zu sein scheint. Man beachte auch das Fenster hinter dem Schrein, über dessen Ursprung und Bedeutung Aktenforschung7:') und ausgiebige Bauuntersuchung') erst genauere Aufschlüsse geben könnten. Die Möglichkeit, daß die Schreinarchitektur ursprünglich eine Wandbemalung umgab, wäre ins Auge zu fassen. Diese wäre um so nötiger gewesen, als die Verbindung mit den seitlich, oberhalb der Säulenpodeste angebrachten Konsolen, auf denen jeweils eine Vase steht, völlig fehlt. Ähnlich verhält es sich bei der Verbindung dieser Konsolen mit dem umlaufenden Gesims für die Seelenlichter am Versöhnungstag. Die heutige Farbengebung an diesen Stellen ist neu und keineswegs in der Auffassung der Enlstehungszeit gehalten, die ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts •zu setzen wäre. Da kein Grund vorliegt, den Schrein als eine spätere Zutat aufzufassen, dürfte das Erbauungsjahr durch die oben genannte Jahreszahl 1 780 gegeben sein. Es scheint verfehlt, die Schreinarchitektur für einen altarähnlichen Aufbau zu halten, wie dies das Inventar') tut. Ein Altar verlangt einen raumbegrenzenden Abschluß durch ein Bildwerk, das nicht unbedingt durch einen Umbau hervorgehoben wird und werden muß. Selbst dort, wo ein meist portalähnlicher Umbau vorhanden ist, dient er lediglich als Rahmen für ein den Raum in der Blickrichtung abschließendes Bildwerk. Ist hinter diesem noch ein Raum oder ein Umgang vorhanden, so wird er seitlich zugänglich gemacht. Der Thoraschrein aber ist em Gebäudeteil für sich, der meist in Form einer Apsis über die Wand der Synagoge hinausgeht oder in Form einer Nische in diese Wand eingelassen ists). Wenn das Innere dieses Gebäudeteils auch nicht zum Betreten eingerichtet ist, so wird die Fiktion seiner Selbständigkeit deshalb niemals aufgegeben. Bei feierlichen Gebetsstücken, besonders an den ernsten Festen, und bei der Zeremonie der Abholung und Einstellung der Thorarollen wird der Schrein als raumerweiternde (in gewisser Weise als besonders geheiligte) Fortsetzung der Synagoge betrachtet. Die Schreinarchitektur verlangt also eine portalähnliche Umrahmung, die von der Synagoge aus zum Innern des Schreins überleitet. Gerade in Heidingsfeld ist der Baumeister dieser Aufgabe in adäquater Weise gerecht geworden. Die Täuschung, daß es sich um ähnliche praktische und ästhetische Anforderungen wie beim Altar handle, ist auf einen anderen Umstand zurückzuführen. Der Versuch, die Synagoge mit dem ganz anderen Zwecken dienenden Tempel in Jerusalem zusammenzubringen, hat bereits in talmudischer Zeit zur Bezeichnung „Heiligtum im Kleinen" für die Synagoge geführt. Entsprechend wurde der Thoraschrank, auch heiliger Schrank genannt, mit dem Aller - heiligsten gleichgesetzt und analog der Anordnung im 1 empel mit einem Vorhang verdeckt. Der Vorhang bleibt ein loses Einrichtungsstück, das in verschiedenen Exemplaren vorhanden ist, die ausgewechselt werden. Die Schreinarchitektur kann also nicht ausschließlich als Umrahmung für den je nach Bedarf') vor- ') Beim Besucli de> Verfasseis war dies feiertagshalber unmöglich. 7 ') Sind vom Gesamtarchiv der deutschen Juden begonnen worden. "> Vgl. Band VII. VIII der Mitteilungen der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kimstdenkmäler. ") Der Wechsel richtet sich jeweils nach den Tagen; es gibt einfache Vorhänge für die Woche, kostbare für den Sabbat und besonders wertvolle für die Feiertage. Für einzelne Gelegenheiten, /. B. die Beschneidung oder für den Neumondsbeginn u. s. f. sind zuweilen besondere Exemplare vorhanden. Auch die Farben und die Dekorationen und Inschriften sind verschieden. Mitteilungen der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Band III IV. In Heidingsfeld sind eine Reihe prächtiger Vorhänge, des 17. und 18. Jahrhunderts vorhanden.