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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 196

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Die Jahrtausend-Ausstellungen der Rheinlande
Date
1925-08-01
Page
Seite 196 (sequence 5)
Language
German
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196 MENORAH nicht niederdrücken. Es ist gewiß jammerschade, daß Sie nicht dabei sein können, aber der neue Weltbürger wird auch so seinen Einzug in die Welt halten, und ich gratuliere Ihnen schon heute zu Ihrem neuen Enkelkinde, gnädige Frau. Wenn Ihre Enkel werden wie Ihre Kinder, dann haben Sie sich, weiß Gott, nicht zu beklagen." ,,Ich danke Ihnen, Herr Stationsvorstand," lächelte die Frau, „aber es fahren doch zuweilen Draisinen nach Dz. — könnt' ich nicht eine solche benützen?" „Um Gottes willen, gnädige Frau!" rief der Stationsvorstand erschrocken aus, ,,in einer Draisine! Da erkälten Sie sich ja auf den Tod! Wissen Sie, daß wir heute zehn Grad Reaumur haben? Wie wollen Sie als Erfrorene Ihrer Tochter beistehen? Spaß beiseite, gnädige Frau, es gehen heute, am Sonntag, keine Draisinen nach D., wirklich nicht. Ganz abgesehen davon, daß Sie auch in einer Draisine nicht mehr zum Schnellzug zurechtkämen", fügte er hinzu, indem er einen Blick auf die Uhr warf. ,,Auch dann nicht, wenn Sie eigens für mich eine hinschicken, Herr Stationsvorstand? Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, tun Sie's mir zuliebe, wenn Sie nur irgend können! Ich trage natürlich gern die Kosten, und die Leute sollen ein gutes Trinkgeld bekommen. Ich bitte Sie, Herr Stationsvorstand, lassen Sie mich nicht verzweifelt nach Hause zurückkehren." ,,lch gebe Ihnen mein Ehrenwort, gnädige Frau, daß eine Draisine Sie nicht rechtzeitig hinbringt," versicherte der Stationsvorstand. „Es tut mir so leid, aber da ist wirklich nichts zu machen. Es gäbe nur eines — einen Extrazug, und der käme nicht mehr zurecht." Da mußte die arme Mutter sich fügen. Sie seufzte, dankte dem Stationsvorstand für seinen guten Willen und ging. Zuerst ins Telegraphenbureau. „Zug nicht mehr erreicht," telegraphierte sie, „kann erst mittags abreisen. Erbitte Telegramm über Befinden nach P., gemischter Zug. Frau Sch. holen lassen. Kalte Umschläge auf den Kopf. Innigst Mutter." Frau Sch. war eine alte Freundin unserer Familie, die in unserer Nähe wohnte. Dann ging sie nach Hause, wieder den kurzen Weg, packte ihren Koffer, traf alle Anordnungen, blickte jeden Augenblick auf die Uhr. Jetty brachte ihr etwas zu essen, aber sie konnte keinen Bissen hinunterwürgen, da packte sie ihr einen Imbiß ein. Sie war so verstört, daß Vater und die Kinder sich fürchteten, sie allein reisen zu lassen. Da kam gerade ein junger Fabrikant zu Vater, ein Freund des Hauses. Der hörte, was vorgefallen war und erbot sich sofort, Mutter nach Wien zu begleiten. Da diese aber das Opfer nie angenommen hätte, wurde vereinbart, daß er eine plötzlich notwendig gewordene Geschäftsreise nach Wien vorschützen sollte. Das geschah auch, und zur Erleichterung der ganzen Familie reiste Mutter mit W. ab. Um sechs Uhr nachmittags kam ein Telegramm an Vater. „Gratuliere. Eine reizende Enkelin. Mutter und Kind wohl. Gruß. L." Das Telegramm wurde nach P. geschickt und erreichte Mutter, die erleichtert aufatmete. Sie gab Herrn W. das Telegramm und sagte: „So, lieber Freund, tun Sie mir aber jetzt den Gefallen und kehren Sie um. Sie sehen, ich bin jetzt ganz ruhig, und ich verspreche Ihnen auch, daß ich etwas essen werde. Sie können mich also ruhig allein fahren lassen. Ich danke Ihnen tausendmal. Grüßen Sie Ihre und meine Leute." Diese Episode bringt mir eine andere in Einnerung, die ich mich nicht enthalten kann, jetzt wiederzuerzählen. Zwei Monate später, zu Ostern, überwältigte mich die Sehnsucht nach meinen Eltern und Geschwistern. Passah nahte, da war es immer so schön bei uns — und da es sich so glücklich traf, daß auch mein Mann gerade schulfrei war, trafen wir voller Freude die Vorbereitungen zur Abreise. Jung und glücklich wie ich war, hatte ich aber den Wunsch, die Eltern zu überraschen. Da hatte mein Mann eine ausgezeichnete Idee. Er schrieb Mutter, daß er für zwei Tage zu seinen Eltern reise, aber Mutter gern sehen und sprechen möchte, ob sie nicht für eine Stunde — so lange hatte sein Zug dort Wartezeit — nach Dz. kommen würde. Anna und das Kind müßten natürlich dies- Im Jahre 1912 gründeten in New York zweihundert jüdische Frauen einen medizinischen Hilfsdienst für Palästina. Aufregende Nachrichten über die unhygienischen Verhältnisse unter der dortigen Judenschaft, hatten Entsetzen und Hilfsbereitschaft wachgerüttelt. Die Worte des Propheten Jeremias klangen ihnen im Ohr: „Ist denn keine Salbe in Gilead? Oder ist kein Arzt da? Warum ist denn die Tochter meines Volkes nicht geheilt?" Zwei geschulte Pflegerinnen wurden nach Palästina gesandt, um die Verhältnisse in Augenschein zu nehmen und ihre Vorschläge zur Abhilfe zu unterbreiten. Die beiden Hadässahschwestern fanden bei den Entbindungen fürchterliche Zustände vor. Dementsprechend war auch die Sterblichkeit bei Müttern und Säuglingen eine überaus hohe. Die Hadassali setzte deshalb bei der Wöchnerinnenfürsorge ein und organisierte sofort einen Kurs für Hebammen und Pflegerinnen, um sich Helferinnen heranzuziehen. Man begann ferner dem Trachom bei Schulkindern entgegenzuarbeiten, jener verheerenden Augenkrankheit des Orients, die hauptsächlich eine Folge des Schmutzes ist. Diese Anfänge wurden durch den Ausbruch des Weltkrieges grausam unterbrochen. In Palästina mußten fast alle Wohlfahrtseinrichtungen ihre Tätigkeit abbrechen, weil die Mittel zu ihrem Unterhalt nicht mehr genügend aus dem. Auslande zuflössen. Das Elend im Lande war unbeschreiblich geworden, als die zionistische Kommission dort 1917 einlangte. Sie bat die amerikanischen Juden um ärztlichen Beistand und im Frühjahr 1918 war endlich die Organisation der jüdischen Ärzte Amerikas mit Hilfe der Hadassah so weit, daß sie zusammen einen Stab von 45 Ärzten, Zahnärzten, Sanitätern und Krankenpflegerinnen absenden und ihn mit allem ausrüsten konnten, was zu seiner Hilfsarbeit nötig war. Binnen kurzer Zeit eröffnete die Hadassah Spitäler und Kliniken in allen größeren Städten Palästinas, in Jerusalem, Jaffa, Tiberias, Tel Aviv, Haifa und Safed und stationierte auch in einigen Kolonien Ärzte und Pflegerinnen. Heute unterhält die Hadassah gegen dreihundert Betten. Aus allen mal des unsichem Wetters wegen zu Hause bleiben. Gesagt, getan. Herzklopfend kam ich in Dz. an, wo wir umsteigen mußten. Mutter stand natürlich knapp vor dem Zug — wann hätte sie auch je versagt, die Gute, Selbstlose? — und spähte nach uns aus — ich sage absichtlich „uns". Es war ausgemacht, daß mein Mann aussteigen und mit Mutter in die Bahnhofrestauration gehen und ich mit dem Kinde nachkommen sollte. Aber wie Mutter meinen Mann begrüßt und er ihr dankt, daß sie so lieb gewesen sei, zu kommen, sie unterm Arm faßt und weiter führen will, bleibt sie stehen, blickt suchend in den Wagenabteil, den mein Mann soeben verlassen hat und sagt unsicher: „Hast du sie wirklich nicht mitgebracht? Wüßt* ich's doch, da sind sie schon!" fährt sie freudig erregt fort. Worauf mein Mann sagt: „Nie im Leben überrasche ich Sie mehr, Mutter!" (Fortsetzung folgt.) feilen des Landes kommen die Kranken in die Spitäler der Hadassah, so daß ihre Räume längst wieder unzureichend geworden sind. Auch die Araber nehmen die Institutionen der Hadassah viel und gern in Anspruch und Freundschaft und Dankbarkeit verbindet arabische Patienten mit ihren behandelnden Ärzten und Pflegerinnen. Auch der Gesundheit und Wohlfahrt der Kwuzoth hat sich die Hadassah angenommen. Die Kwuzoth hatten vielfach die kläglichsten sanitären Verhältnisse und viele von ihnen waren wehrlos der Malaria ausgesetzt. Die Hadassah begann eine Campagne gegen das Sumpffieber. Soweit ihre Mittel reichten, arbeitete sie an der Petrolisierung der Sümpfe und unterstützte ihre Trockenlegung. Dank ihrer unermüdlichen Aufklärung in Wort und Schrift machte sie die Kenntnis prophylaktischer Mittel allgemein. An 57 Plätzen des Landes hat sie heule Apotheken eingerichtet, überall ist eine Pflegerin, die auch geburtshilflich geschult ist. An vielen Orten ist auch ein Arzt stationiert. Die Hadassah übernahm die medizinische Kontrolle der Kinder. Und jedes bedürftige Kind genießt von seiner Geburt an ärztliche Fürsorge. Im Juni 1921 eröffnete sie ihre erste Säuglingsstation in der Altstadt von Jerusalem für die ärztliche Beaufsichtigung der Säuglinge und die Beratung der Mütter. Durch alle diese Fürsorgemaßnahmen ist die Sterblichkeit unter den Säuglingen in Jerusalem beträchtlich vermindert worden. Die Wirksamkeit dieser Hilfe aber wurde erhöht seilidem Mrs. Kesselmann eine zweite Säuglingsstation der Hadassah begründete, diesmal außerhalb der Altstadt. Erfüllt von der Nützlichkeit und Vorbildlichkeit dieser Säuglingsstation stiftete der amerikanische Philanthrop Nathan Strauß im Jahre 1924 eine dritte solche Hilfsstelle unter der Bedingung, daß sie im arabischen Viertel Jerusalems eröffnet werden sollte. Unter den einfachen arabischen Frauen treibt der Aberglaube in der Wartung und Kleidung der Säuglinge die schädlichsten Blüten und es war ein schweres Unterfangen, sie zu anderen Methoden erziehen zu wollen, als sie sie von ihren Urgroßeltern übernommen hatten. Die junge Hadassahschwester in dieser Station, „Die Hadassah"

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