Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Die Jahrtausend-Ausstellungen der Rheinlande
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 195 (sequence 4)
- Language
- German
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M E N O R A II 195 FRAUENWELT Un s e r e Mutte Von A. K. (5. Fortsetzunsr.) 5. Kapitel. MUTTERS HILFSBEREITSCHAFT. Es war selbstverständlich, daß wir Mutter in allen Nöten zu Rate zogen und um Hilfe baten. Ihre Bereitschaft uns beizustehen, kannte keine Grenzen, immer unternahm sie, Avas wir verlangten, auch wenn es an das Unmögliche grenzte. An sich dachte sie in solchen Fällen nie. Unser ältester Bruder Leopold besuchte die Wiener Handelsakademie und war bei einer Lehrerfamilie untergebracht. Da kam eines Nachmittags, in der zweiten Hälfte Dezember, ein Telegramm von Poldys Pflegeeltern, „Leopold nicht unbedenklich erkrankt, Anwesenheit wünschenswert." Es kam nur der Abendzug in Betracht. Mutter packte augenblicklich ihren Koffer. Mitten in diesen Vorbereitungen kam eine befreundete Dame zu Besuch. „Um Gotteswitien, Klara," rief sie aus, als sie hörte, um was es sich handelte, „du wirst doch nicht im Ernst daran denken, selbst nach Wien zu fahren! Bedenke doch, daß du im Eisenbahnwagen von den Wehen überrascht werden kannst!" „Ich habe noch vierzehn Tage Zeit," erwiderte Mutter, „ich würde vergehen vor Angst, ich muß fahren, der liebe Gott wird mir schon beistehen!" „Laß heute abends deine Schwägerin Babette fahren, telegraphiere dringend mit Drahtantwort," riet die Freundin, „dann kannst du, wenn es absolut nötig sein sollte, morgen mit dem ersten Zug fahren!" Aber Mutter ließ sich nicht abhalten, sondern reiste mit dem Abendzug ab. Vater begleitete sie natürlich, da alle seine Vorstellungen und Bitten nichts fruchteten, und Tante Babette nahm er ebenfalls mit, damit Mutter sich mit der Pflege nicht überanstrenge, -vielleicht brauchte sie selber gar eine Pflegerin. GKicklicherwfeise hatte Poldy nur eine ganz gewöhnliche Halsentzündung und war nach zwei Tagen wohler, nach vier Tagen gesund. Die Reise hatte auch für Mutter keine üblen Folgen — nur wollte Poldy unter keinen Umständen mehr bei seinen Pflegeeltern bleiben, die sich so gedanken- und rücksichtslos erwiesen hatten und zog im zweiten Semester aus. Am eisten Jänner, etwa eine Woche nach Mutters Heimkehr, kam Jenny zur Welt. Ein paar Jahre später. Es war an einem trüben Februarsonntag; die Familie saß am Frühstückstisch. Am Sonntag verweilte man etwas länger bei den Mahlzeiten, da yater nicht in Geschäften fortging. Die Kleinen, die die jüdische Volksschule besuchten, waren längst expediert, denn es war fast dreiviertel auf acht, nur die beiden Gymnasiasten Gottlieb und Leo, sowie die beiden Schülerinnen d[er evangelischen Schule, Minna und Jenny und die erwachsene Jetty, die Älteste im Hause, waren anwesend. Da kam ein 1 elegramm. Im ersten Augenblick glaubte man natürlich an eine geschäftliche Depesche; Vater nahm sie entgegen und las sie durch. Aber Mutter war schon von einer bösen Ahnung erfüllt. Sie war erst seit zwei Tagen wieder in B., hatte drei Wochen bei Rosa geweilt, die eben ihr zweites Kind, Else, bekommen hatte; aber sie wußte, daß ich meiner schweren Stunde entgegensah. Freilich hatte das noch ein Weilchen Zeit. Doch es wurde ihr schwer ums Herz und sie blickte dem Gatten über die Schulter. „Anna ganz wohl, bittet aber Mutter doch sehr bald zu kommen. Gruß L." lautete die Depesche. Mutter erbleichte. Die Knie wankten ihr, sie mußte sich hinsetzen. „Mein Gott!" flüsterte sie; „mein armes Kind! Und so allein!" „Erschrick doch nicht so," mahnte der Vater; „du warst doch dreizehnmal in der gleichen Lage und auch allein, und es ist dir gottlob immer gut gegangen. In Wien ist man nicht verloren." Aber sie hörte ihn nicht mehr. R.asch warf sie einen Blick auf die Uhr. Dreiviertel auf acht. Um acht ging der Schnellzug. Wenn sie den noch erreichte! Sie streifte rasch die Pantoffeln von den Füßen und zog die Schuhe an, die sie nicht zuschnürte, sondern nur festband. „Jetty, rasch, Mantel, Hut, Pelzgarnitur und Handschuhe", sagte sie. „Kleid und was ich sonst brauche, schickst du mir per Post nach. Ich laufe übers Feld den kurzen Weg zur Bahn. Kinder, behüt' euch Gott. Jetty, dir brauche ich wohl keine Verhaltungsmaßregeln zu geben. Bleibt alle gesund!" Und sie küßte den Mann und die Älteste im Fluge, den anderen winkte sie zu, ging rasch durch die Küche, rief den beiden Dienstboten „Adieu, seid brav!" zu, und wie der Wind war sie draußen, im Schlafrock, dünnen Strümpfen, halbgeschlossenen Schuhen und flog über das tiefverschneite Feld zur Bahnstation hinab. Aber sie kam zu spät. Es bangte ihr schon davor, als sie, auf cler Straße angelangt, in die der Feldweg mündete, keinen Wagen hörte, keinen Fußgänger traf. Als sie atemlos, erhitzt, mit brechenden Knien auf den Perron trat, war der Zug fort. Langsam ging sie zum Stationsvorstand, mit dem die Familie befreundet war. „Ich bitte Sie, Herr Stationsvorstand," bat sie ihn nach flüchtiger Begrüßung, „helfen Sie mir, beweisen Sie mir, daß Sie uns ein wahrer Freund sind!" Überrascht blickte der alte Herr die Erschöpfte an, führte sie zu einem Sessel und fragte sie freundlich: „Womit kann ich Ihnen dienen, liebe gnädige Frau? Sie wissen, daß es mir eine Freude ist, Ihnen gefällig zu sein." Mutter erklärte ihm in fliegender Eile, um was es sich handelte. „Ich kann nicht auf den gemischten, auf den Bummelzug warten, lieber Herr Stationsvorstand," sagte sie, „der geht erst mittags ab und ist vor morgen früh nicht dort. Wäre es nicht möglich, daß Sie mich mit einem Lastzug nach D. fahren lassen? Der Schnellzug wartet doch dort auf den Zug aus K. — vielleicht komme ich noch zurecht! Da wäre ich nachmittags um vier Uhr dort. Bedenken Sie, lieber Herr Stationsvorstand, mein Kind in Nöten verlangt nach mir und vergebens!" Und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Der Stationsvorstand erwiderte: „Liebe gnädige Frau, wie gern täte ich Ihnen den Gefallen, obwohl es gegen die Instruktion ist! Aber der nächste Lastzug geht erst um neun Uhr ab und hält sich noch in den beiden Zwischenstationen auf — es ist leider keine Möglichkeit, den Schnellzug noch zu erreichen. Sie müssen mit dem Mittagszug fahren. Force majeure, gnädige Frau, da läßt sich nichts machen. Lassen Sie sich nur ■ 1.YONE1. FEININGER BLAUE MARINE