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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 189

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Der Mörder
Date
1925-08-01
Page
Seite 189 (sequence 3)
Language
German
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MENORAH 189 Sehr bald wurde ich mir bewußt, daß ich als Einzelner der ungeheuren Organisation, die sich Staat nennt, jener Organisation, deren Exponent, der mörderische Offizier, mich getroffen hatte mit unbarmherziger Hand, keinen nennenswerten Schaden zufügen könnte. Doch ich erkannte, daß ich nützliches Mitglied seiner Gegenorganisation nur dann sein würde, wenn meine Fähigkeiten wüchsen. So nahm ich alle Entbehrungen, die das Leben für einen völlig mittellosen, einsamen Menschen übrig hat, willig auf mich und machte den Schritt aus der engen Begrenztheit eines russisch-jüdischen Dorfes in die von Möglichkeiten strotzende Welt, die die Stadt des Westens dem geben kann, der bereit ist, aus ihr alles zu nehmen, dessen er zu seinem Ziele bedarf. Ich hungerte mich die steilen Treppen westlicher Bildung hinan. Nächtelang schlich ich durch die Straßen der Städte, deren Antlitz keinen Strahl der Güte für mich hatte, um das bißchen Brot zu erbetteln, das der nächste Tag von mir forderte, monatelang diente ich unwürdigste Dienste, um ein Vierteljahr mühseligen Studiums mir zu sichern, in eiskalten Obdachlosenquartieren, im Hohn und Spott der vom Leben Ausgeschlossenen und ihr .Verfluchter Jud!' brannte mich nur im Anfang. Bald geiselte ihr Hohn mich zu neuer Anstrengung auf, wenn ich, am Rande der Verzweiflung, an die nächtliche Brücke über dem barmherzigen Fluß dachte, und aus ihren hohnverzerrten Mienen sah ich die Maske des Offiziers. Da schrie ich auf, wie ein gequältes Tier aufschreit, und wollte mich auf den Nächstbesten stürzen, aber ein Faustschlag streckte den Schwachen auf seinen Strohsack. So trug ich das Leben eines räudigen, von aller Welt gehaßten Hundes, bis einmal die armselige Habe eines Obdachlosen gestohlen wurde. ,Der Jud hats gestohlen!' tönte es im Chor dem Aufseher entgegen und ehe ich sprechen konnte, wurde ich mit Schlägen in die Dezembernacht hinausgetrieben. Damals froren mir zwei Finger ab." Der Angeklagte hob die linke Hand empor. Drei Finger und zwei Stummel standen vor den Augen der Richter. „Ich erwachte in einem Spital. Die beiden Finger hatte man mir abgeschnitten. Ich bedauerte diesen Verlust, denn ich fürchtete, sie könnten mir fehlen, wenn ich sie brauchen würde im Augenblick meiner Vollendung. Ein Geistlicher wollte mich bekehren. Ich setzte ihm Widerstand entgegen, aber nur, weil ich in ihm einen Vertreter jener Gesellschaft sah, welcher der Offizier angehörte, der Gesellschaft der Herrschenden. Man warf mich aus dem Flospital, ehe meine Wunden vernarbt waren, denn was fängt man mit einem halsstarrigen Juden in einer Gesellschaft von Leuten an, die bereit sind, für die Zeit, da sie der materiellen Segnungen der Kirche bedürfen, ihr als Gegenleistung ihre Seele zur Verfügung zu stellen?" Der Vorsitzende des Gerichtshofes, ein kleiner, etwas geschniegelter Herr mit den Abzeichen eines Obersten, unterbrach hier den Angeklagten mit einem in Kommandoton hervorgebrachten Ersuchen, keine Ausfälle gegen irgend eine anerkannte Institution zu machen. Feinberg lächelte leicht und sagte mit einer Verbeugung: „Sie sind im Recht, Herr Vorsitzender. Angriffe sind unwesentlich für den, der nicht siegen will. Ich stand zur katholischen Kirche in keinem Verhältnis, weder in einem positiven noch in einem negativen. Wir nahmen einfach voneinander keine Notiz — mit Ausnahme dieses mißglückten Bekehrungsversuches, den ich ihr gerne verzeihe —; es lag mir also jeder Angriff fern. . . . Ich wurde, wie ich erwähnte aus dem Hospital entlassen, was mich um so weniger betrübte, als ich zu dieser Zeit zum erstenmal mit revolutionären Kreisen in Berührung kam. Der Gedanke, nun am Kampfe teilhaben zu können, entzündete mich derart, daß ich bald einer ihrer eifrigsten Agitatoren wurde, bis ich erkannte, daß ich zur Tat selbst noch nicht reif war. Noch fühlte ich nicht jenes Selbstvertrauen in mir, das Ausgangspunkt jeder Tat sein muß, die mehr will als einen Augenblickserfolg. Die Stimmung des Augenblickes, die mich einschläfernd umfangen hielt, zerschlug ich mit Aufbietung aller Kraft und zerschlug mit ihr alles, was als allzu billiger Erfolg mich hätte lähmen können. Ich sah wieder deutlich und scharf in den Raum und in die Zeit geschnitten meinen Weg vor mir und hinter allen Fahnen und Phrasen tauchte das blutige Haupt meines Vaters empor und die Fratze des Mörders. P1NCHAS LITWINOWSKI (Palästina) LACHENDER KNABE Ich lernte damals eine Russin kennen, ein junges Mädchen, das in mir den zu sehen meinte, den es in den Tränen sehnsüchtiger Nächte erwartete. Ich sprach mit ihr und verkehrte mit ihr wie mit allen Genossen dieser Zeit, bis ich mir eines Tages eingestehen mußte, daß mir diese Studentin mehr zu werden begann als die andern Genossen. Eine lange Nacht ging ich durch die Straßen und bekämpfte mein Herz, bis ich es am Morgen besiegt hatte, da ich endlich erkannte, daß es zu klein wäre für Haß und für Liebe, da ich erkannte, daß nur einem Gefühl ein Mensch sich voll und ganz hingeben könnte, wenn er nicht verkommen wollte an die Halbheit der Unschlüssigkeit. Da sie aber nicht von mir ließ, ging ich zur Polizei und zeigte kalten Blutes dort an, daß sie das Asylrecht verletze. Sie wurde als lästige Ausländerin ausgewiesen und ich konnte, ohne von meinem Herzen gestört zu werden, zielbewußt weiterarbeiten. Ich wußte, daß nur die Zeit Gefühle töten könne, die noch nicht allzu tief verankert sind. Neue Kämpfe um das Brot des Tages, um die Möglichkeit, weiter zu studieren — ich hatte begonnen, mich mit Sprengmiltelchemie zu beschäftigen — brachten meine Gesundheit so herunter, daß ich fürchtete, aus ihr unheilbare Hemmungen auf meinen Weg aufkeimen zu sehen. Ohne zu überlegen, schloß ich mich einer Einbrecherbande an und beteiligte mich an einem Einbruch in eine Bank. Mein Anteil an der Beute war so groß, daß ich ohne Sorgen meine Studien vollenden konnte. Nun stand ich vor der Entscheidung. Der Augenblick war gekommen und ich mußte zum Sprunge ansetzen, mußte endlich losspringen. Die Genossen der Kampfgruppe rielen mich und ich folgte ihrem Ruf. Ich erhielt den Auftrag, nach Rußland zu gehen. An der Grenze aber wurden meine Papiere als falsch erkannt und ich entging nur mit Mühe dem drohenden Gefängnis. Dieses Mißgeschick machte mich ungeduldig. Mählich war in mir der heiße Wunsch groß geworden, die Tat zu beschleunigen, ein Wunsch, der zum tiefen Verlangen wurde, je näher ich der russischen Grenze gekommen war. Ich hatte wache Träume geträumt; ich hatte mich bei der Ausführung meines Auftrages gesehen, der, wäre er geglückt, den Anstoß zum Sturze des Gegners, das Feuerzeichen der Revolution hätte geben müssen. Enttäuscht und entmutigt reiste ich nach Paris und traf dort — die Studentin Nadja, die ich damals verraten hatte. Dieses Zusammentreffen bestürzte mich. Mit Aufwendung aller meiner

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