Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Der Mörder
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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188 M E N O R A H i trunkener Soldaten entgegen, die ganze Breite der Straße einnehmend. Scheu drückten wir uns an die Häuser, um sie vorbei zulassen. Die Betrunkenen warfen uns Schimpfworte zu und als wir nicht antworteten, ergriffen sie plötzlich einen hinter uns Gehenden und schlugen ihn nieder. Wir begannen zu laufen und liefen bis zu unserem Hause. Ich warf, ehe wir es betraten, einen Blick zurück und sah zwei Juden in der Mitte der Straße liegen und einen dritten, einen laufenden, auf den ein Soldat eben schoß. In fieberhafter Eile schloß mein Vater das Haustor und die Fensterläden. Wir fühlten uns im Augenblick geborgen, wiewohl wir wußten, daß dem Fußtritt selbst eines Einzelnen das Tor nicht widerstehen könne, geschweige der Gewalt eines Haufens. Bald hernach begann die Jagd auf Juden. Man plünderte die Branntweinschenke, schlitzte der schwangeren Besitzerin den Bauch auf und legte ihr den Fötus in die Arme. Johlend umtanzten die Trunkenen die blutige Leiche, im Feuerschein eines Heuschobers. Die Menge schwoll an; aus dem Lager kamen fortwährend neue Soldaten, manche in Abteilungen, von ihren Offizieren geführt, andere in Rudeln, heulend und mit den Gewehrkolben die Fenster aller jüdischen Häuser auf ihrem Wege zertrümmernd. Pöbel schloß sich ihnen an, tierische Gier in den Augen, und ehe es Abend ward, plünderten sie in den Häusern oberhalb der Branntweinschenke. Der Himmel war wie eine offene Wunde, aus purpurrotem Feuerschein schoß Funkenregen in seine nächtliche Schale und wie in unendlichem Mitleid verbarg sich der Mond hinter dem Haufen der Wolken. Die Plünderer hatten sich in drei Haufen geteilt, die je ein Quartier des jüdischen Teiles in Besitz nahmen. Der Pogrom nahm seinen Verlauf, wie er hundertmal schon beschrieben wurde. Sie drangen in die Bethäuser ein, um nach den heiligen Geräten zu suchen, trieben Spott mit ihnen, zerrissen die heiligen Bücher, schändeten die Rollen des Gesetzes. Flüchtende trieben sie mit Schüssen in die Häuser zurück, ärmlichen Hausrat warfen sie freudevoll aus den Fenstern und das Bettzeug fiel, von rasenden Händen aufgeschnitten, aus Wolken von Bettfedern in den Kot der Straßen. Schreie der Sterbenden, Wimmern von Kindern erstickte die Blutorgie der Mörder. Wir saßen schweigend in unserer Wohnung. Meine Mutter weinte still vor sich hin und hielt mich und die Schwester umfangen. Mein Vater stand an der Wand und betete. Unaufhörlich murmelte er, bald monoton, bald aufschreiend aus Schreien tiefster Not, und in dem Raum stand etwas Unfaßbares, Ungeheuerliches, Wahnwitziges, wie ein Verhängnis, wie ein namenlos Schreckliches, dem man verfallen ist, klaren Bewußtseins. Langsam ging mein Vater um den Tisch, immer noch betend — snrach er 7.u sich, sprach er 711 Gott^ — und blickte durch das Fenster. Näher kam das Heulen der Plünderer. In kindlicher Neugierde trat ich ans Fenster und blickte hinaus. Ein jüdisches Mädchen kam die Straßen herabgerannt. Seine Kleider bildeten einen Flammenkranz, den der Wind hochtrieb. Soldaten schreiend hinterdrein und trieben die lebende, petroleumtriefende Fackel mit Steinwürfen vor sich her. Vor unserem Hause brach sie zusammen und ein Wimmern kam von ihren Lippen. Ein berittener Kosake sprang über sie hinweg und hieb lachend mit der Nagaika auf das zuckende Flammenbündel. Plötzlich schlugen die Flammen hoch auf und ein irrer Schrei sprang über die Köpfe der Tobenden. Dann kamen sie vor unser Haus. Ein hochgewachsener Offizier an ihrer Spitze. Schläge fielen gegen das Haustor. Unermüdlich hieb der Offizier mit dem Kolben eines Gewehres gegen das Holz, bis ächzend und zersplitternd das Tor in sich zusammenbrach. Schweigend trat mein Vater vom Fenster zurück. Sein Blick umfing uns und stand gütig wie ein mildes Lächeln vor dem wilden irren Schrei der Mutter, die wie im Krämpfe unsere Hände ergriffen hatte. Mit ganz lauter, reiner Stimme begann mein Vater mm wieder zu beten und sein Blick ruhte unablässig auf uns, als wollte er unauslöschliche Eindrücke in sich aufnehmen. Er hob eben die Hände, als er fiel. Eine Mistgabel, von der Hand des Offiziers geführt, der sie unten im Hof mit dem Gewehr vertauscht hatte, traf ihn in die Augen. Er fiel mit einem großen Ruf, mit dem größten: .Schma jissroel!' Es rief dieser alte Mann im Augenblick seines Todes Gott an und sein Schrei war ein Schrei zuversichtlicher Hoffnung . . . Der nächste Augenblick brachte den Tod der Mutter, der ein Hieb den Kopf zerschmetterte. Meine Schwester starb, geschändet vor den Augen der Plündernden, auf dem Bette ihrer Jugend und ihre Augen waren voll Blut. Dies alles geschah in wenigen Augenblicken. Nachdem sie unseren Hausrat, alles was sie sahen, klein geschlagen, Kasten und Laden geplündert hatten, verließen sie das Haus. Ich, der mit einem Stich im Oberschenkel, der wohl meinem Bauch gegolten hatte, davongekommen war, kauerte in einem Winkel, unfähig, auch nur einen Gedanken zu fassen. In diesem Augenblicke, beinahe ein Kind noch, konnte ich die ungeheure Größe dieses Augenblickes nicht begreifen. Ich war tot, lebendigen Leibes tot, ohne zu wissen warum. Dies, meine ehrenwerten Herren Richter, war der Abschluß meiner Kindheit. Rekapitulieren sie sich, ich bitte sie darum, den Inhalt meines Berichtes. In eine friedliche Familie bricht eine Horde von Mördern ein und erschlägt sie bis auf einen, in dessen kindliches Gemüt sich das -fürchterliche Bild des dreifachen Mordes tief einprägen muß. Versuchen sie., meine ehrenwerten Herren Richter, sich den Augenblick zu vergegenwärtigen, versuchen sie das Bild zu erfassen, da ein junger kräftiger Mann in der glänzenden Uniform des Offiziers, schon äußerlich also als Mitglied der Herrenkaste erkennbar, einem alten, gebeugten Mann die Mistgabel ins Auge sticht! Können sie sich dieses Bild vorstellen? Es ist ein anderes, als jene, die sie zu sehen gewohnt sind. Hier stand kein Starker dem Starken, nicht ein Soldat dem andern mit dem Bajonett auf dem Gewehr gegenüber, sondern ein in jeder Beziehung Starker einem in jeder Beziehung Schwachen, Wehrlosen, und hier, meine Herren, traf den Unterliegenden nicht der ihrer Ansicht nach ehrenvolle Säbel, sondern die schimpfliche Mistgabel der Verachtung, Instrument des tödlichen Hasses. Können sie es verstehen, daß dieses Bild unserer schmachvollen Tragik keinen Augenblick meines späteren Lebens mich verlassen wollte? Und können sie es verstehen, daß meine Erinnerung, das Aussehen, jede Bewegung, jede Gebärde, Tonfall und Haltung des Mörders in sich aufnahm, genauer und schärfer umrissen, als eine lichtempfindliche Platte? In dieser Stunde, da ich wieder anhub zu denken, trat ein Gedanke in mich, vor dessen Gewalt sie erschauern müßten, sie alle, denen man keinen Vater, keine Mutter erschlug, sie alle, die sie keinem Volke angehören, das man erschlagen darf, nur um seines Namens willen. In dieser Stunde trat der Gedanke der Rache in mich, der mein Denken von dem Augenblicke, da ich das Grauenvolle des Geschehens erkannte, ausfüllte mit unerhörter Gewalt, und jeden anderen Gedanken in seinen Dienst stellte. Jede Regung, jedes Gefühl, jeder Wunsch mußte ihm dienen, dienen dem Hasse und dem heißen Willen zur Rache!" Der Angeklagte schwieg eine Weile. Dann trat er an die Schranken vor und schrie, leidenschaftlich erregt, den Richtern zu: ,Ja, ich bin ein Mörder, ich, Chaim Feinberg aus Irgendwoher im Gouvernement Irgendwo. Ja, es geschah manches in meinem Leben, ich sah manches in meinem Leben, aber ich liebte nichts und ich liebte Niemanden in meinem Leben, denn ich, Chaim Feinberg, wurde erkoren zum Gefäß des Hasses, zum Instrument der Rache!" Jäh brach er ab. Ruhiger geworden, trat er an seinen Platz zurück und fuhr fort: „Aus einer derartig einseitigen Einstellung mußte sich naturgemäß eine einseitige Weltanschauung entwickeln. Immer mehr, je tiefer ich mich mit dem Wunsche nach Rache verband, betrachtete ich die ganze Welt, betrachtete ich alles, was um mich geschah, aus dem einzigen starren Gesichtspunkte meines Hasses gegen diesen Mann, der mir als Svmntom einer Zeit erschien, die ich aus aller meiner Macht zu bekämpfen hatte, und ich sah nichts als die Notwendigkeit, mir alle meine Fähigkeiten in diesem Kampfe zunutze zu machen und alle Möglichkeiten in Möglichkeiten des Kampfes auszuweiten.