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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Der Mörder
Date
1925-08-01
Page
Seite 190 (sequence 4)
Language
German
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190 MENORAH & PINCHAS LITWINOWSKI (Palästina) ALTER MANN Klugheit versuchte ich ihr auszuweichen, sie aber, die keine Ahnung hatte, welche Rolle ich bei ihrer Ausweisung gespielt hatte, schloß sich wieder an mich. Ich versuchte sie beiseite zu schieben, waren doch meine Gedanken auf nichts anderes gerichtet, als auf mein Lebensziel, es schwang aber etwas aus ihrem Blick, aus ihrem Wort, das mich Augenblicke lang gefangen nahm und wenn ich auch versuchte, mich diesem Einflüsse zu entziehen, gelang es mir diesmal nicht. Wie ein Fieberkranker ging ich in Paris herum; hingerissen von meinem verbitterten Haß und dem alles bestimmenden Wunsche nach Rache, hingerissen aber auch von einem Gefühle, das hart an Liebe streifte. An einem Abend nahm sie mich in ihr Zimmer mit. Als dann ihre Hand durch mein Haar fuhr, umschlich mich eine warme Stimmung, eine ferne zarte Erinnerung an die Hand meiner Mutter ergriff mich und es war mir mit einem, als versänke ich in ein blaues Tal, in dem freundlich mich samtene Nacht umhüllte; tief versank ich in die Kindheit längst vergangener Zeiten. Aus diesem Gefühl drangen Tränen mir in die Augen, die die Kraft des Mannes lähmen und ihn hinwerfen vor die Abbilder des Jammers seines Lebens. Ich erzählte dem Mädchen vom Erlebnis meiner Kindheit, erzählte ihr alles das, was ich ihnen, meine Herren Richter, hier berichte, und Nadja wurde hingerissen von der Gewalt meines Hasses, der mählich hinter den Tränen wieder hervorbrach, wie ein von der Kette gerissenes heißes Tier. Ich stand in der Mitte des Zimmers und meine Worte überstürzten sich hastig, als hätte ich keine Zeit zu verlieren, meinem Ziele näherzukommen. Sie hielt mir beide Hände hin und bat mich, sie mitzunehmen. Ihr würde es gelingen, meinte sie, den Offizier, von dem ich nichts wußte, nur sein Aussehen vor zehn Jahren, zu finden. Ich schlug ein, denn ich dachte in diesem Augenblicke nicht weit. Ich war schwach, unendlich schwach geworden und ich sah damals in ihr den Stamm, an den ich mich stützen könnte. (Fortsetzung folgt.) Pinchas Litwinowski, ein Suchender Der Jischuw kämpft und leidet. Doch Gegner und Kampfziel sind schattenhaft. Die Geschichte hat vielleicht noch nie ein großes Geschehen, wiewohl als solches geahnt, so richtung- und führerlos werden lassen. Der Jischuw kämpft wie Don Quichotte gegen Windmühlen und Schafherden? Leidet sinnlos gleich dem Ritter von der traurigen Gestalt? Er kämpft und rast gegen sich? Entsetzliche Selbstzerfleischung? Er leidet an einem kranken Gliede und schreitet zur Selbstamputation? Er leidet von außen her? So gelten die Hiebe der Gegner vielleicht nicht ihm, nur denen, die er selbst haßt? Der Jischuw windet sich in Krämpfen des Werdens und sucht andere Heiler als Parteibonzen. Der Trost des letzten Spießers, sich wiederzufinden in den Werken der Dichter, fehlt ihm. Noch ist der Dichter des neuen Jischuw und der Chaluziuth nicht erstanden. Auch die Maler des neuen Palästina suchen noch den Ausdruck der „heroischen Landschaft" die Nietzsche „ahnte" und die sie überwältigt, sie mühen sich um das Wesen des alt-neuen Volkes, das in zahlreichen Typen den Reichtum der größten Nationen an Individualitäten weit übertrifft. Pinchas Litwinowski ist mehr denn einer, ein Suchender. Er ringt um Erez Israel. Als Maler Palästinas hat er sich weder einer Schule verkaufen können noch wollen. Wohl liebt er den Kubismus, aber er verachtet nicht die realistische Darstellung. Er sucht und geht schmale Pfade, wie die von den Ziegenherden ausgetretenen, die sich bald scheiden, bald vereinen, bald ins Tal, bald zur Höhe weisen, die den Wanderer wirren und nur den zum Ziele führen, der es lange und fest von der Tiefe vom Beginne ins Auge gefaßt hat. Pinchas Litwinowski, der Wanderer in den Bergen von Jehudah und des Galil, tritt sich auf solchem Steig fast, als wüßte er schon den rechten. Wie alle echten Künstler weiß er vor allem, daß der Weg zu Erez Israel nicht über die landschaftlich verwandten Mittelmeerländer, sondern über Asien, seine Völker, seine Religionen führt. Er hat Syrien und Kleinasien bereist, kennt Stambul und Damaskus und lernte den Osten sehen und fühlen. In Rußland hat er einst Porträts gemalt, aber auf eine glänzende Laufbahn verzichtet und ist nach dem Orient gepilgert, ein demutsvoll Empfangsbereiter. Es zieht ihn zum Porträt, das zeugen seine Ölgemälde, mehr noch seine Rötelzeichnungen. Sein „Derwisch" ist in Wahrheit ein großer Kopf, der Kopf eines Weisen und Asketen auf symbolisch kleinem Körper, der auf dem Gebetsteppich kauert. Den Hintergrund bildet ein festungsartiges Stadtbild mit Minarett. Zu beiden Seiten je ein tanzender, neben dem Kopfe ein spielender Derwisch. In dieser Gegenüberstellung der kontemplativen und der ekstatischen Religionsübung erklingt bereits das Grundmotiv der „tanzenden jungen Jemeniten" (Rötel) — der Griff nach der Gebärde, die Sehnsucht und Liebe nach dem Kongenialen und Wesensgleichen, Widerstand und Haß gegen das Antagone und Seelenfremde vereint. Auch in seinem Ölgemälde „An der Quelle" dominiert der Kopf eines versonnenen Jünglings in Kefijeh und Nagal (beduinische Kopfbedeckung). Ob des lebensvollen Humors greift der „Safeder Knabe" mit hellblonden Pejoth und langen Schaufäden tief an das Gemüt. Eine treffende Studie sind „Zwei liegende Esel", ein modernes, vorzüglich gesehenes Tierbild. Es soll nunmehr ein Album von Pinchas Litwinowski erscheinen, das neben seinem Selbstporträt elf Rötelzeichnungen, Typen und Charaktere aus Jerusalem und Safed enthalten wird. Deren einige veröffentlichen wir, um eine Anschauung zu geben von dem starken Willen des Künstlers, seine Objekte als Teile des Volksganzen und als „Herren einer lebenden Seele" zu erfassen. A. E—r.

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