Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Der Mörder
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 187 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N 0 DER MÖRDER VON EUGEN HOEFLICH (M. j. ben Gawriel) Eines Abends kam aus einem kleinen, einsamen Haus nahe der Taximkaserne ein Schrei, der plötzlich jäh und gellend sich erhob, hoch anstieg und dann abbrach. Frauen, die wie an jedem Freitag in der Nähe dieses Hauses auf dem freien Feld wie ein schnatternder Schwärm schwarzer Raben saßen, alarmierten einige Soldaten, die unweit der Kaserne mit einem räudigen Hund spielten. Im ersten Räume fand man den Mieter des Hauses, einen Offizier der Wrangelarmee, der in Konstantinopel interniert war, als Leiche mit einem Messer im Bauch. Griechische Konfidenten der englischen Militärpolizei griffen einige Stunden nachher einen kleinen schwächlichen Juden auf, der sich in der Gegend des Tatortes herumtrieb. Des Weges unkundig, scheuen und verdächtigen Gehabens, lief er ihnen in die Hände und gestand, ehe sie ihn noch fragten, den Mord ein. Die Griechen lieferten ihn der Militärpolizei aus. Die Verhandlung gegen den Mörder fand vor dem englischen Besatzungsgericht in Konstantinopel statt. Vor diesem Gericht machte der Angeklagte, erst ein wenig befangen und apathisch, später leidenschaftlich erregt, folgende Angaben, die den Gerichtshof bis zu ihrem Schluß in Bann hielten: „Ich heiße Chaim Feinberg, geboren im Jahre 1895 im Gouvernement Poltawa als Sohn des Kaufmannes Leib Feinberg. Ich bin des Mordes an dem General Wladimir Popow geständig. Ich habe ihm am Abend des zweiten August mein Messer — ich erkenne das hier auf dem Tische liegende als mein Eigentum an — in den Leib gerannt und habe das Haus, nachdem er zu Boden gefallen war, wieder verlassen, wie ich es betreten hatte, ohne den geringsten Gegenstand berührt zu haben, denn, wenn auch völlig mittellos, veranlaßte mich keineswegs Gewinnsucht, den Mann zu töten. Ich folgte einem Zwang, für dessen ethische Berechtigung ich hier nicht plaidieren will, wie überhaupt diese meine Angabe vom ehrenwerten Gerichtshof nicht als der Versuch einer Verteidigung aufgefaßt werden möge. Es liegt mir fern, auch nur den leisesten Versuch zu machen, mich von einer Tat reinzuwaschen, für die ich voll und ganz einstehe. Ich bin ein einfacher russischer Jude, einer von den Tausenden, die sie als gequälte, geschlagene Hungerleider hinter beinahe allen ihren Fronten sahen. Sie werden meinen Namen nicht vergessen, ob es mir daranliegt, ihn ihnen vergeßlich zu machen oder nicht, denn es ist der Name eines der Wenigen, die konsequent in ihrem Fühlen und in ihrem Willen waren bis an ihren letzten Tag. Ich bereue meine Tat nicht und habe für sie keinen gesetzlichen Milderungsgrund anzuführen. Ich protestiere daher gegen jeden Versuch des Verteidigers, den das Gesetz mir aufzwingt, den Gerichtshof irgendwie für mich einzunehmen und bitte die ehrenwerten Richter, mit denen der Zufall der Kriegsfolgen mich hier zusammenführt, aus keinen Umständen irgendwelche Milderungsgründe für mich zu finden, sondern ihr heimatliches Gesetz mit seiner ganzen Schärfe gegen mich in Anwendung zu bringen. Dies habe ich vorauszuschicken, ehe ich die Dinge vor ihnen entwickle, die mich zu dieser Tat führten. Ich gab vorher an, daß ich im Gouvernement Poltawa geboren wurde. Mein Vater lebte in einem kleinen Dorfe dieses Gouvernements, nicht besser und nicht schlechter als die große Mehrzahl meiner Volksgenossen in Rußland. Es gab Zeilen, da wir hungerten, es gab aber auch Zeiten des Sattessens, Zeiten, da man ungestört seinen Geschäften nachgehen konnte und Zeiten, da Haß, Verachtung und Lebensunsicherheit drohend in den Straßen um das Judenviertel standen, bereit, im nächsten Augenblick brennend und mordend in die Häuser der Verängstigten einzubrechen, um nach Stunden und Tagen, eine breite Spur des roten Todes hinter sich lassend, sich wieder zurückzuziehen, stets zu neuem Sprung bereit. Dann krochen die Überlebenden, ängstlich und scheu sich umblickend, wieder aus ihren Wohnlöchern und Häusern hervor, begruben unter lautem Klagen die Erschlagenen und die entheiligten Rollen des Gesetzes, wie Lei- R A H 187 L. P1LICHOWSKI (Palästina) IN DER WEIBE.RSCHUL chen Geschändeter, begannen neu aufzubauen, was zerstört worden war und krochen weiter ihre Bahn, die der nächste Tag wieder mit Mord und Brand und Blut unterbrechen konnte. Sie kennen, meine Herren Offiziere, nicht die Verhältnisse, in denen ich und viele Tausende mit mir aufwuchsen, denn sie kommen aus einem Lande, in dem es nicht Sitte ist, sich unbequemer Mitbürger auf geräuschvolle Weise zu entledigen, aber sie kennen die Taten des blinden Hasses im Dienste eines imaginären Ideals aus allen Jahren ihrer Tätigkeit außerhalb ihres Landes und sie wissen daraus wie Blut aussieht, wie brennende Häuser einstürzen und wie Haß durch Straßen gellt, wenn es auch nicht i h r Blut war, das aufrauchte, wenn auch s i e nicht in den Häusern gefangen waren, die einstürzten, vor deren Türen wutbrennende Mörder mit Stöcken und Gewehren stehen, und wenn nicht in ihre Ohren ihr Haß schrie. Sie können aber nach einigem Nachdenken ermessen, wie das Gefühlsleben eines Menschen, der in solchen Verhältnissen aufwuchs, beschaffen sein muß. In dieser Umgebung also verbrachte ich die Jahre meiner Jugend. Ich ging in den Cheder, trieb mich auf den Straßen herum, bekam von den Bauern Schläge, weil ich ein Jude war, Schläge wie sie ein Pferd bekommt, eben weil es ein Pferd ist, und lebte das Leben, das zu führen unser Urteil ist. In meinem fünfzehnten Lebensjahr aber änderte sich an einem heißen Sommertag dies alles mit einem Schlag. Soldaten kamen in unser Dorf, schlugen ein großes Zeltlager auf und hielten Übungen ab. Zwei Tage nach ihrer Ankunft hatten wir einen Feiertag. Als wir gegen Mittag das Bethaus verließen, stand eine Gruppe von Soldaten auf dem Platz und rief uns Schimpfworte zu, wie sie Soldaten im Verkehr mit Juden gebrauchen. Wir blickten nicht hin, um sie nicht zu reizen und gingen schweigend unseres Weges. Mein Vater hatte meinen Arm ergriffen und als ich in sein Gesicht blickte, sah ich, daß es ungewöhnlich ernst war. ,Es liegt etwas in der Luft,' flüsterte er unserem Nachbar zu, ,es bereitet sich etwas vor, Reb Moische! Eilen wir nach Hause!4 Wir beschleunigten unsere Schritte, doch als wir in die Straße einbogen, in der wir wohnten, kam uns ein johlender Haufe be-