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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-08-01
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 M E N O R A H Nun bin ich hier, schwinge den Spaten und, wo der Spaten versagt, schäle ich mit der Axt die Rinde von der Erde. Und die Erde lacht. Anders lacht der Mensch, anders das Tier, anders das Meer und anders die Erde. Niemals war ich der Erde so nahe wie jetzt, da ich sie mit der Axt überschatte. Die Erde war mir unbekannt, ich berührte mich nie mit ihr. Mein einziger Körperteil, der bis dahin nur ihre flüchtige Bekanntschaft machte, war meine Sohle. Mein Vater ist auch nur ein flüchtiger Bekannter der Erde. Mein Großvater, mein Urgroßvater auch. Sie alle haben bloß einen Fußbreit der Sekunde vom teuern Boden bekommen, sie alle waren vogelfreie Enterbte der Mutter Erde, aus deren Schoß sie gekommen waren. Aber ich! Ich erzwinge mir mein altes Erbe zurück, erkaufe es mit dem Traumgold der Sehnsucht, das meine Väter auf der langen Irrfahrt aufgehäuft. Sonst habe ich keinen Schatz. Der aber ist größer und kostbarer als alles. Die Schacherer blinzelten vor Staunen, als sie ihn erblickten. Sie machten mir mit schlottriger Ehrfurcht den Weg frei. „Dein ist es, Herr, Dein!" Und jetzt gehört sie wirklich mir, mir allein die große Traumsiedlung; mir das Holzhaus mit beiden Zimmern, mit der Badekammer und der Küche, mit dem kleinen Stall, mit dem Hof, der die Grenzen des Zaunes nicht kennt und deshalb so unendlich weit ist, daß er meine Kinder und Kindeskinder in aller Ewigkeit beherbergen kann. Es wird hell, die Erde wird immer weißer. Wie die Kreide. Wie ich sie nun hacke und mürbe mache, kommt sie mir wie von altersher bekannt vor. Woher kenne ich sie? Ja! Das kreideweiße Gesicht meiner Mutter starrt mir da wieder entgegen und erschrocken läßt meine Hand das grüne Leichentuch fallen. Und da öffnet sich die Erde, der fremde Mund, und wir umstehen sie, mit nassen, roten Augen, mit erstickter Angst. Wir wollen in unserem Schmerz nicht wissen, was uns geschehen. Nun kommt der Vater mit einem kleinen gefüllten Leinensack in der Hand, einen dumpfen Trost auf den Lippen: „Erez Jisroel Erd" und er legt ihr den Beutel weicher Erde unter den Kopf: sie möge weich liegen und träumen, sie sei doch wo sie sich im Leben so oft hingeträumt habe. Einen Augenblick ist mir, als wäre ich nicht der stramme Mann, der die harten Schollen bricht, sondern nur ein Kind, am Staubhügel spielend. Meine Mutter beugt sich über mich. Sie streichelt meinen Lockenkopf. Ich sehe sie nicht, ich ahne sie nur. Jetzt streichen ihre Hände über mein Ohrläppchen. Ich wende mich um, muß die Augen schließen. Jetzt ist die Sonne aufgegangen. Jetzt stieg ihre glühende Kugel über die Berge. Kaum erschienen, wärmt sie schon stark. Ein heller, noch lauer Morgen, aber heiße Lüftchen wehen bereits. Ich muß meinen Rock ausziehen, um weiter arbeiten zu können. Ich habe das Gefühl eines milden Verlustes; ich hätte die Sonne sehen sollen, wie sie aus dem Schuppen der Berge zum Himmel hinaufrollt. Das möchte ich schon lange sehen. Doch vor mir hatte ich die felsengroße Scholle. Ich mußte sie ausschaufeln, zerhacken, mit dem Dampf meines Atems und meines Schweißes betauen. Der Frühling geht ja so schnell zu Ende; über kurz oder lang ist die Zeit der Reife da, und ich habe noch nicht gesät. Morgen werde ich hinschauen. Oder wenn ich auch morgen nicht dazukomme, so nächste Woche. Oder im Winter. Vielleicht erst im nächsten Frühling. Störrig ist diese Erde, störrig und doch so nachgiebig. Sie zerstaubt, schwitzt, zeigt ihr Fett. Morgen säe ich den Reis. Siehe da! der Regenwurm, wie er sich durch die Scholle frißt, wie er sich ringelt und die Ringe über sich zusammenzieht. Du bist gesegnet unter allen Würmern, du Regenwurm. Laß uns auf der Hut sein, meine Axt! Spalten wir den Befruchtenden nicht entzwei! Er möge sich vermehren und den Boden düngen ... Dem tu' ich auch kein Leid, es ist ein Maulwurf. Er ist kein unterirdischer Pogromrigoj; er hilft mir die Rinde morsch machen und unter der Rinde wacht er in tausend Gängen, auf daß kein schädlicher Wurm an der Wurzel des Getreides nage. Und trocken ist diese Erde auch und durstig, der Schweiß stillt ihren Durst nur auf Minuten . . . Wenn ich das Feld bestellt habe, begebe ich mich zu den Nachbarn. Sie halfen mir beim Bau. Wir ziehen sodann einen Graben vom Fluß bis zum Moor. Jetzt ist aber noch ein gutes Stück Feld übrig. Das kann man nur mit dem Beil pflügen. Ein oder zwei Jahre noch so, dann habe ich wohl schon meinen deutschen, amerikanischen oder englischen Pflug aus Stahl; eine Egge dazu und vor den stolzen Maschinen mein Kamel mit dem großen Buckel: ich spanne den Osten vor den Westen, daß die Erde sehe, wo das Heimweh mich einholte und mich verehren lerne. Ich bin müde! Ich werde allzubald müde; ungewohnt ist mir dieser Kampf gegen die Erde mit axtbewehrter Hand. Nein, nicht doch, ich brauchte ja nur einige Tropfen für meine Lippen. Ich gehe daher dem Haus entgegen. Die Frau begießt hinter dem Haus die Pflanzen des Gemüsegartens: die Krausen des Salats, den gelblichen Spitzenstoff des Grünzeuges, die winzigen Lanzen der Zwiebel. Sie lehnt eine Leiter an die Mauer, spaziert aufs Dach. Lilien pflanzt sie droben, Reseden und Iris. Unser flaches Dach wird so ein Hut, geschmückt mit Blumen. Ich warte, bis sie heruntersteigt. Dann trete ich zu den Sprößlingen, höhle um sie den Trichter aus und lasse den rundgeöffneten Mund der Spritze auf sie los. Die Sprößlinge! Sie sind noch schwach, aber sie leben. Ihr zarter Stamm ist klebrig und duftig. Nicht uns duften sie, sondern den Kindern, die eben so jung sind. Ihnen werden sie ihre schmackhaften Früchte daneichen: Orangen, Feigen, Datteln. Uns ist es genug, daß es so kommen werde, daß wir sie wachsen sehen: die Kinder und die Obstbäume. II. ICH SÄE DEN REIS. Tel-Chalom, Nestbau. Ich weiß gar nicht, ob ich es recht mache. Manchmal kommt der Zweifel über mich: vielleicht gehört es sich nicht einmal so. Ich habe es von niemandem gelernt, auch selten gesehen; es wäre denn, daß ich auf der langen Wanderfahrt durch mein früheres Leben zuweilen an der Landstraße stehen blieb, um zu sehen, wie der Bauer mit seiner Erde umgeht. Oh, das ist mir aber längst entfallen!. . . Schwitzende, gebeugte Säer folgen plump ihren Ochsen, brechen die Scholle oder säen das Korn. Sie bleiben stehen, blicken auf zur Sonne und wischen sich das schweißtriefende, runzelige Gesicht, ein Bild der gefurchten Erde. Ein Weib in farbigem Rock stemmt seine Hüfte gegen den Himmel und das Gesicht gegen die Erde, als tauchte es sich in einen Spiegel, während die Hände im Unkraut herumstöbern . . . Mitunter glitzern diese Leute nur an mir vorüber, als sähe ich sie durchs Fenster eines fahrenden Zuges; sie stehen und brüten in der unterbrochenen Gebärde der Arbeit: Menschen, nicht größer als Vögel, auf dem weiten, weiten Gefilde. Ich versuche vergebens, mir etwas in den Sinn zurückzurufen. Meine Sehnsucht ist aus ihrer Hülse getreten, und ich lebe das Leben dieser Sehnsucht; meines alten Lebens vermag ich mich kaum mehr zu entsinnen. Jetzt möchte ich wissen, ob es so recht ist, wie ich es mache; ob dieser Kampf mit der Axt nicht fruchtlos und lächerlich ist. Vielleicht gehört es sich mit der Hacke. Diese zwingt die Erde eher zum Gehorsam. Oder nicht einmal mit Hacke, mit einem anderen Werkzeug und anders, anders. Das Wühlen in der Erde ist auch eine Wissenschaft, die man kennen sollte und die ich nicht kenne. Zuweilen habe ich den Gedanken: mache doch einen Sprung hinüber zum Nachbarsiedler und schau dir's an, wie er es macht! Aber der Tag ist so kurz und der Weg so weit und so märchenhaft blau sind die Hügel von Tel-Chalom. Man weiß nicht, ob der Weg zum nächsten Traumsiedler zwei Stunden oder zwei Tage dauert. Und vielleicht weiß er am Ende ebensowenig Bescheid. Die Erde läßt mich nicht los. Sie klammert sich fest an mich, knebelt mir die Füße, als wollte sie mit mir ringen. Ich muß hier bleiben, muß mich mit ihr herumbalgen, muß sie in jedem Augenblick überwachen, vielleicht werde ich sie doch übermannen. Wenn ich mitten in der Arbeit bin, habe ich keinen Zweifel. Ich weiß alles gut. Das gehört sich so, d a s ist wieder s o recht. Nur wenn ich innehalte, dann. So darf ich also nicht innehalten! Nur zermalmen, zerspalten, zermürben, durchnässen muß ich sie, und zum Säen vorbereiten. Diese Arbeit kann ich endlich in Angriff nehmen. Noch heute.

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