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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 177

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-08-01
Page
Seite 177 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H 177 Roman von ILLES KACZER Aus dem Ungarischen von Andreas Gasper Copyright 1923 by R. Löwit Verla« (Dr. Max Präger), Wien / Nachdn :k verboten Tel-Chalom, Frühling. Die Traumsiedlung ist draußen im Lande Judäa, ich selber weiß nicht, wo; am Ufer des Kidronbaches oder im Tale Jesreel; am Meeresstrande oder unten am Karmeh Dort irgendwo ist meine Traumsiedlung und ich bin der Siedler, der Traumsiedler. Frühmorgens, wenn der Hahn zum ersten Male kräht, fühle ich schon den Sonnenstrahl im Morgengruß dieses Vogels. Ich stehe auf und spreche zu meinem Weibe: „Die Sonne geht auf." Die Frau steht mit auf, bleibt jedoch im Morgengrau stehen und läßt einen Augenblick noch den warmen Leib von den Träumen umtollen, denen sie durch den Hahnruf und meine Stimme entrissen wurde; dann geht sie hin zu den Kindern und hüllt sie ein; zieht sich flink an und eilt in den Stall, um die Kuh zu melken und die zwei Ziegen. Ich — ihr nach. Ich nehme den Spaten und die Axt mit dem kurzen Stiel. Ehe ich fortgehe, liebkose ich der Reihe nach: meine eckige Kuh, die mit dem Schweif nach Fliegen hascht; die bunte Ziege, deren Euter ganz klein ist und die schwarze, der es schlapp herabhängt wie ein Beutel, voll himmlischen Segens. Verstohlen blicke ich nach der Frau hin, die auf dem dreibeinigen Schemel unter der Kuh sitzt und unter ihrer Hand tröpfelt die Milch rhythmisch und mit behaglichem Glucksen in den Eimer. Eilig umarme ich sie, im Gedanken, und auch den Kopf meines Töchterchens; denn plötzlich entsinne ich mich der Kleinen. Damals war ich noch kein Siedler, noch nicht hatte ich diese meine ausgebreitete Traumsiedlung; wir zogen noch durch fremde Städte und Dörfer. Die Kleine war damals kaum vier Jahre alt. Irgendwo sah sie zum erstenmal eine Kuh melken und da sprach sie: „Tante läßt die Milch in den Topf tanzen." Jetzt hätte ich Lust sie mit ihren zwei kleinen Brüdern aus dem Hause zu holen, damit sie ihre Mutter beim Melken sehe. Aber ich will sie nicht stören; es ist noch dunkel; ich lasse sie schlafen. — Schalom! — sag' ich der Frau. Schalom! — erwidert sie, und wir trennen uns. Auch unsere Arbeit trennt sich, wie der Fluß vor der Insel. Wir wissen voneinander, arbeiten einander in die Hände; in einigen Stunden begegnen wir einander wieder. Ich gehe hinaus ins Feld. Ein Vogel singt. Für Vögel ist das die Zeit zum Singen. Bei mir gehört der Frühling dem stummen Tagewerk. Das Feld leuchtet mild im Morgengrau, als wäre es beschneit cder bereift, wiewohl nicht einmal kalt. Beugt man sich darüber, so ist es eine ungeheure Brust, die Herz und Lunge in sich hat und pulsierendes Blut: ein unauslöschlicher Herd des Lebens. Und wer jetzt arbeitet, beugt sich oft darüber. Wie der Zimmermann, der auf dem Balken kniet, so muß auch ich auf den Knien kauern, und die Axt schwingen; denn die Erde ist stellenweise hart wie Felsen. Einst war sie fruchtbar, dann wurde sie hart, um keinem Fremden zu frönen. Sie sparte die Kräfte für ihre Söhne: für mich, den Nachbar und des Nachbars Nachbar. Für alle Trauinsiedler, die durch das blaue Märchenmeer der Zeit und der Ferne einhergesegelt kamen. Oh, das Meer! Ich hatte es wohl noch nie gesehen; doch wie es plötzlich vor mir emportauchte, grün, blau, mit seinen süßlichherben Dünsten, mit seiner Wölbung, hinschwellend bis zur Grenze des Südlichen, da fühlte ich gleich: dieses Meer ist die Träne in» Auge des betrübten Gottes. Bald weint er, bald lacht er. Als ich an Bord stand, hatte er nur mehr sein Lachen. Meine Frau und die drei Kinder lachten mit. Ihr Lachen gab das Echo der fernen Verheißung wieder. Der Frau kam das Meer endlos vor und durch die ganze Fahrt war sie krankhaft aufgeregt. — Nicht wahr, wir kommen an mit dem Schiff? — Natürlich kommen wir an. — Und schickt man uns nicht zurück? Ich erinnere mich noch an meinen Aufschrei: — Von unserem Land? Da ließ der Zweifel auch sie los. — Unser Land, sagte sie wie verzückt und erzählte ihren Kindern. — Dort schmäht uns niemand; erschreckt uns, schlägt uns, verfolgt uns niemand. Wir werden einen Garten haben und ein Haus und einen großen, großen Hühnerhof. Dann wandte sie sich wieder weinerlich zu mir. — Schade, daß wir unsere Toten nicht mitnehmen konnten. — O weh! Die hätten keinen Raum im Schiff. Genug, daß wir die Lebenden bei uns haben. — Du hast recht, sagte sie beruhigt. — Die Hauptsache ist, daß wir das Leben bringen. Und Mehl für Brot und einige Säckchen Samen. — Freilich, sagte ich. Und im stillen fügte ich hinzu: —- Und das Wichtigste ist, wir bringen den Spaten und die Axt und die übrigen Werkzeuge. So schaffen wir ein neues Leben.

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