Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-06-01 · Heft 6 (Juni 1925) · p. Seite 137

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 6 (Juni 1925)
Article
Mirjam ...
Date
1925-06-01
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912847-2915757--01943-2915830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M E N O R A H 137 ihren brennenden Stirnen tragen sollten . . . Groß und leuchtend . . .! Warum . . .? In wilden Wogen stürzen die Fragen um ihn her... Bäumen sich, schlagen Fratzen, lange, höhnende Fratzen . . . Und immer wieder grinst das tückische Muschikgesicht hindurch mit blutunterlaufenen Augen . . . Und er fühlt die eisernen Klammern am Halse... Jetzt aufschreien können! Es zersprengt ihm fast die Brust. . . Aber er will ja alles, alles ertragen, wenn nur . . . dieses harte, schneidende Röcheln in der zarten Mädchenbrust. . . Wenn, er jetzt Licht machen könnte und die Schatten töten . . .! Aber das Licht würde Mirjam quälen . . . Noch vierzehn Tage ... Es zuckt wie ein leiser Strahl von Glück über Baruchs müdes Knabengesicht. . . Noch vierzehn Tage, dann sollen sie beide das Doktordiplom bekommen . . . Wie sie sich schon darauf freut, Mirjam . . . die kleine Schwester . . .! Er möchte sie jetzt so gerne wecken, und ihr etwas recht Liebes sagen. Und mit ihr von der Zukunft träumen und Pläne schmieden, wie schon so oft in den stillen Stunden der Dämmerung, wenn David Feldmann bei ihnen saß . . . Da waren sie nicht die kleinen, müden, zerschlagenen Menschen, die einen langen Tag hindurch unter den verletzenden, wie Nadeln stechenden Blicken ihrer Kollegen gearbeitet hatten . . . Da blühte in ihren Seelen ein großes, rotes Lied auf. Und rankte empor an den armseligen Wänden der Mansarde. Und erfüllte sie mit Licht und Musik. Und ließ sie alles ertragen. Kälte und Dunkel und Leere . . . Hunger und Verachtung . ., Wenn Mirjam dann sprach von der uralten, ewigen Heimat des Volkes, vom Hinübergehen und neuen Aufbau, da war es, als schritten auf leisen Sohlen tausend bebende Glücksgesänge durch den engen Raum. Und weiteten ihn hinaus in die Unendlichkeit... In die Ewigkeit alles Geschehens. Da erglühte ein leises Singen an den düsteren Wänden. Da stand an Mirjams schmalen, blassen Lippen immer ein wundersames Lächeln: „Wiedergeburt...! Leuchtendes Auferstehen aus Asche . . .! Nicht mehr das ewige Gespenst der Dämmerungen! Nicht mehr die große, rote Blutspur am Boden .. .! Licht . . . und Sonne . . .! Das göttliche Licht und die wundersam reife Sonne der östlichen Heimat. . .! Wiederaufklang eines alten, alten Liedes, das einmal in ferner Zeit in einen Schmerz ausgeklungen war. . . Und nun wieder in die Welt hineinjubeln sollte: „Wir sind!" Menschen . . . sollten wieder auf den ewigen Wegen schreiten, an denen die träumenden Märchen Asiens aufklangen . . . Aufrechte, sonngeküßte Menschen! Mit dem Segenskusse der Freiheit an der Stirn. . . und dem stolzen Lächeln der Erfüllung . . .! Wie Mirjams Augen da immer erglühten . . .! Wie ihre schlanke Kindergestalt sich da dehnte und wuchs . . . Wie ein lächelnder Ruf in den Frühlingsmorgen — wuchs sie da empor . . . „Baruch...!" Ein kurzer, schriller Schrei zuckt flammend durchs Dunkel . . . Und bebend weichen die Schatten zurück . . . Ein hartes, fieberndes Röcheln . . . „Baruch . . .!" Sein Blut gerinnt. Starr und steil steht er und lauscht . . . War es vielleicht ein Schatten, der aufschrie aus der Qual der Dunkel...? Nein, nein . . . das war ja . . . Mirjams Stimme . . .! Wie vom Fieber gepeitscht greift er nach einem Zündholz . . . Ein kleines, unendlich müdes Wachslicht flimmert auf . . . Mirjams Hände sind eng in den Lehnstuhl verkrampft. . . Ein dünner, roter Faden sickert müde zwischen den enggepreßten Lippen hervor . . . Schneeweiß starrt das schmale Antlitz . . . Und die großen, dunklen Augen brennen wie zwei umflorte Totenlichter . . . dumpf, fiebernd . . . Er nimmt die zarte Gestalt auf seine Arme. Die erzittern wie unter einer unsäglich schweren Last .. . Und doch ist sie so leicht ... Er beißt die Zähne zusammen . . . Und bettet sie auf das Lager . . . „Baruch...!" Kaum hörbar, wie ein Hauch nur bebt es von Mirjams Lippen . . . „Ist Daniel. . . noch nicht. . . gekommen . . .?" Er möchte so gerne seine Hand auf ihre brennende Stirn legen . . . Aber sie brennt ja selbst wie Fieber . . . Sein ganzer Körper ist Flamme . . . Und Aufschrei . . . Und muß dennoch schweigen . . . um Mirjam .. .! „Ich hörte schon Schritte, kleine, liebe Mirjam ... Er wird bald hier sein. Schlafe . . . schlafe . . .!" Wirbelnd kreisen die Wände der kleinen Kammer um ihn herum . . . Funken sprühen vor seinen Augen ... Er preßt die Zähne zusammen und verkrampft seine Nägel ins eigene Fleisch . . . Stark sein ... Baruch . . .! Jetzt stark . . . sein. . .! Und murmelt in dumpfem Singen vor sich her: Stark sein... Immer wilder kreisen die Wände und die Schatten und Nebelschleier führen einen tollen Reigen . . . Und tausend flüsternde, höhnende Stimmen sind erwacht in den Mauern und singen einen grausamen Rhythmus . . . Ware . . . Geld . . . Maschine . . . Und der Muschik starrt mit seinen glühenden Augen durchs Dunkel und grinst. . . und grinst. . . Und tausend wilde Bilder werden lebendig . . . Stark sein . . . Baruch . . .! Wenn nur die Schwüle nicht wäre . . . Die erdrückende Schwüle . . . und dieser grauenhafte Tanz . . .! „Baruch . . . Baruch . . .!" Wie das ferne Flüstern eines leisen Sommerwindes zittert Mirjams Stimme . . . „Warum ... ist soviel . . . Licht . . . hier ... im Zimmer ... So viel . . . flutendes . . . Licht . . .?! Ging . . . vielleicht. . . die Sonne . . . schon . . . auf . . . Baruch . . .? Unsere .. . Sonne . . .? Warum singst du . . .? Es . . . ist ein ... so . . . wunderbares . . . Singen ... in der . . . Luft . . . Tausend . . . Stimmen . . .! Dürfen wir . . . denn . . . schon . . . singen . . . Baruch . . .? Dürfen . . . wir . . ." Mirjams schlanker Leib richtet sich steil auf . . . Und wächst empor . . . Wie in die Unendlichkeit. „Dürfen . . . wir . . . denn . . . schon . . . singen . . . Bruder . . .? Ist das . . . Heimatssonne . . . die dort . . . so . . . wunderbar . . . warm . . . durchs Fenster . . . flutet. . .?" Baruch bohrt seine Zähne in das Holz des Tisches. Um nicht aufzuschreien. Nur jetzt nicht aufschreien . . . Da pocht es plötzlich an die Tür. Leise. Aber Mirjam hat es gehört. Ihre großen, unendlich fernen Augen richten sich stumm fragend nach der Tür . . . Baruch springt rasch auf. öffnet. Daniel Feldmann steht dort. Seine rotumflorten Augen und das schreiende Funkeln seiner Brillengläser und der wilde Zug des Entsetzens in seinem Angesichte schrillen ein furchtbares Lied . . . Baruch zuckt zusammen, wie unter einem Peitschenhiebe . . . Also doch . . .! Also wieder...! Aber Mirjam...? Für eine Sekunde tauchen die müden Augen der beiden Freunde ineinander . . . Und sie haben sich verstanden . . . Beide. Daniels Kopf sinkt noch tiefer . . . Als habe sich ein neuer Felsblock darauf gestürzt ... Er hat verstanden. Und die Hände der Freunde krampfen sich ineinander, in stummem, schmerzlichem Drucke . . . Dann schreiten sie zum Lager . . . Über Mirjams starre, weitgeöffnete Augen geht ein Aufleuchten . . . Wie Sonne aufleuchtet, ehe sie hinter die Berge steigt.....Du . . . bist . . . also . . . auch . . . hier . . . Daniel . . .? Im . . . neuen . . . Leben . . .? Hörst . . . du . . . wie traumschön . . . die Vöglein . . . hier singen . . .? Unsere . . . Lieder . . . Daniel. . .! Und . . . deine . . . Mutter . . . Daniel . . .? Und . . . Ruth . . . und... Esther... Hast... du... Nachricht...? Hast... du . . .? Daniels Körper durchzittert ein wilder Fieberstrom . . . Kalt steht der Schweiß an seiner Stirne. Und wie eine flehende Bitte bohren sich Baruchs Augen tief in die seinen .. . „Sie leben, Mirjam . .. Und sind . . . RÜcklich . . . Und alle . . . lassen dich grüßen . . . Und in vierzehn Tagen . . . fahren wir sie besuchen . . . Da werde ich meiner Mutter . . . eine neue Tochter bringen . . ." Eine Flut heißer Tränen bricht wie ein Wildbach aus den Tiefen seines Schmerzes hervor . . . Und er preßt ein aufsteigendes Schluchzen, das ihn fast erwürgt, in sich hinein . . . „Daniel. . . Baruch . . .! Hört... ihr . . . denn nicht . . . wie. . . es . . . aufklingt .. . und singt . . .? Das ... ist. . . das . . . Leben . . . Unser . . . Leben . . .! Dort ... ist . . . ja . . . auch . . . Vater . . . und . . . Mutter . . .! Alle . . . alle . . . sind. . . sie hergekommen ... ins neue . . . Leben . . .! Und . . . Vater .... hat. . . seinen . . . weißen Gebetmantel . . . Und Mutter ... ihr Hochzeitskleid . . .! Komm . . . Daniel . . .! Hörst ... du nicht. . . wie . . . alle . . . Lüfte . . . ringsum . . . tönen . . .? Ein . . . altes . . . Lied . . . Lecho . . . dodi . - . Jetzt. . . Ein jäher Blutstrom bricht über Mirjams Lippen. Der fiebernde Glanz ihrer Augen erlischt wie ein müder Nächtestern. Und mählich, mählich sinkt ein blütenweißes Antlitz in die Kissen . . . . . . Immer rasender kreisen die Wände um Baruch und Daniel.... Immer wilder . . . Sie taumeln, wanken und mit einem wehen Aufschrei, der wie ein Blitz die Finsternis zerschneidet, erfassen zwei müde Körper Mirjams kalte Hände und hauchen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.