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Menorah · 1925-06-01 · Heft 6 (Juni 1925) · p. Seite 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 6 (Juni 1925)
Article
Mirjam ...
Date
1925-06-01
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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136 M E N O R A H ist ja . .. Vater. Der die Ruhe der Nächte niemals gekannt hatte. Immer war er dort gesessen, bei dem unruhig und trübe flackernden, kleinen Kerzenstumpf. . . Ewig beugte sich der sehnige Körper vorwärts . . . rückwärts . . . vorwärts . . . Und immer war die Stube erfüllt von einem murmelnden, gedehnten Singsang . . . bis . . . Und dort, das blasse, liebe Gesicht. . . Umrahmt von der strahlend weißen Haube . . . Das war ja Mutter . . . Seine Mutter Scheindl... So wehe Gruben und Falten waren in dieses Gesicht geschnitten ... Er konnte sich kaum erinnern, es je anders gesehen zu haben . . . Und doch, jetzt wußte er, immer waren sie nicht da, diese Risse und Falten . . . Wenn sie „Baruch" sagte, oder „Mirjam", da war etwas in ihrer Stimme, wie ein leises Lächeln. Und küßte die müden Falten weg . . . Aber gelacht. . .? Gelacht hatte sie niemals. Nur . . . aufgeschrieen hatte sie . . . einmal. So furchtbar . . . aufgeschrieen. In seinen Ohren war noch der entsetzliche Schrei . . . und gellte . . . und gellte . . . Mutter . . . Seine Arme breiten sich sehnend hinaus in die Nebelringe der Nacht. Und es ist ihm, als lege sich eine unendlich weiche, kühle Frauenhand auf seine brennende Stirne . . . Und als flüsterte eine liebe, liebe Stimme: „Baruch . . . Mein Kind ... sei ruhig . . . Ich bin ja bei dir . . . Bin immer bei dir . . . und . . . Mirjam . . . Denn meine Liebe kreist um euch . . . noch über allen Toden . . Eine ewig graue, düstere Melodie . . . Das war seine ganze Jugend gewesen. Seine und Mirjams ... So grau und düster wie der Himmel, der darüber gestanden war, wie die weite, dunkle, russische Erde . . . Und wie die Gesichter der Muschiks ringsumher . . . Warum mußte er nur immer an diese stumpfen, halbvertierten Gesichter denken . . .? In denen alles Leben gestorben schien. Wo nur in einem verborgenen Augenwinkel eine heimliche Gier saß und manchmal aufzuckte, dämonisch . . . wild . . . Einmal ... hatte ihn so ein rotglühendes Gesicht ja auch angesehen, nah, ganz nah . . . Und es war ihm, als fühle er noch den heißen, übelriechenden Atem, der ihm aus diesem Gesichte entgegenschlug . . . Ein leises Zittern lief fröstelnd durch seinen Körper . . . Das war . . . damals . . . Entsetzt breitete er die Finger vor die Augen, um das grauenhafte Bild nicht zu sehen . . . Aber das Grauen des Bildes ist stärker als alle Dunkel und kreisenden Schatten . . . Und glüht hindurch . . . Durch seine engverkrampften Hände . . . Und steht rot und flammend vor seiner blutenden Seele . . . Dort, in der düsteren Ecke der Stube liegt der Vater . . . Noch immer im weißen Gebetmantel. . . Aber er wiegt sich nicht mehr im monotonen Rhythmus seiner Gebete . . . Starr und unbeweglich liegt er . . . Und an seiner Stirn klafft es . .. Und lange, rote Fäden ziehen träge hinab und malen so seltsame, rote Blumen auf den weißen Mantel. . . Was ist nur . . .? Da gellt ein Schrei . . . Kurz und schrill... So wie der kleine, verrückte Itzig immer schrie, wenn ihn die rohen Bauernburschen mit Steinen bewarfen und trafen - . . Aber das war ja gar nicht Itzigs Stimme . . . Das war ja Mutters Stimme. . . Und er springt von einer unsäglichen Angst erfaßt über den engen, dunklen Flur in die Küche . . . Dort liegt sie ja auch am Boden . . . Geradeso wie Vater . . . Aber sie schreit schon nicht mehr... Ist ganz, ganz still . . . Nur rings um den Hals zieht sich ein dunkler, roter Streif, wie eine Korallenkette . . . Oder ist es vielleicht . . .? Er möchte aufschreien . . . Eine solche Angst überfällt ihn. Vor den seltsamen, unheimlichen Schatten, die da fast lautlos hin und her huschen. . . Durch Stuben und Gänge . . . Da hört er den unterdrückten Ruf einer zarten Kinderstimme . . . „Baruch . . ., Baruch . . Mirjams Stimme . . . Und dort aus dem dunklen Winkel kam sie . . . Und er schleicht sich heran . . . Und sieht den Schatten eines riesigen Kosaken über Mirjam gebeugt. . . Aber gerade in dem Augenblicke, da der Kosak Mirjam erfassen und an sich reißen will, stürzt ein brennender Balken herab und trifft ihn . . . Der Kosak stürzt zu Boden . . . Er, Baruch, springt hin, wie von einer fremden unsichtbaren Hand geführt. . . Erfaßt Mirjams zarten Leib . . . Dann stürzt er sich, wie von wahnsinniger Angst getrieben hinaus. In die tiefe, undurchdringliche Dunkelheit der Nacht. . . Doch . . . was ist das . . .? Warum strahlt die Gasse heute in so festlichem Glänze. . .? Es ist ja nicht Sabbathbeginn . . . Und doch liegt ein Flackern und Schimmern darüber . . . wie von tausend Kerzen. Und ein Raunen und Flüstern liegt in der Luft . . . Und gedämpfte Schreie fliehen durch die Gasse . . . Und seltsame Schatten schleichen an den Wänden hin. Huschen lautlos von Haus zu Haus . . . Und ein seltsam warmer, dicker Strom fließt über alle Schwellen . . . Seltsam . . . Feiern die Abgeschiedenen vielleicht heute ihren Sabbath . . .? Es ist alles so unsagbar gespensterhaft. . . Dieses Schleichen und Raunen und Flüstern und Flackern . . . Aber die Lichter werden immer greller . . . Steigen hoch empor zum Nachthimmel und zerreißen die schwarzen Schleier der Dunkelheit. . . Und die Schreie werden immer wilder . . . Da erfaßt ihn ein unendliches Grauen . . . Und er preßt Mirjams Händchen fest in die seinen . .. Und sie laufen .. . laufen . . . Immer weiter hinein in die unendlichen Dunkel der weiten, russischen Ebene . . . Kalt schneidet der Wind ins Gebein . . . Aber sie laufen unentwegt. . . Und die Schreie und das wild flackernde Licht sind schon weit, weit hinter ihnen . . . Und sie laufen, bis sie irgendwo in der fremden Nacht am Wegesrande zusammenbrechen ... Weit lehnt sich Baruchs schlanke Gestalt hinaus in die Schatten. Um die wirbelnden Fieber an seiner Stirn zu verscheuchen. Aber die sind ja nicht zu verscheuchen . . .! Sitzen tief drinnen in seinem Blute. Ganz tief drinnen . . . Und glühen immer wieder auf in der Nacht. . . Und singen immer wieder ihre grauenhaften Lieder . . . Plötzlich lauscht er auf . . . Ein kleines Geräusch, wie wenn eine feine silberne Säge an einem zarten Knöchelchen sägt . . . Eigentümlich . . .! So röchelnd geht heute Mirjams Atem ... So schwer . . .! Er nimmt seinen Mantel und breitet ihn um die schmalen Schultern Mirjams . . . Leise zuckt sie auf im Schlafe und ihre Finger krampfen sich automatisch an den Wänden des Lehnstuhles fest. . . Und wieder geht der Atem schwer und röchelnd . . . Angst erfaßt ihn . . . Wenn vielleicht. . . Nein, nein, nicht daran denken! Lieber noch die vergangenen Bilder. . .! Er rückt seinen Sitz zum Fenster. Die Schatten ersticken ihn beinahe. . . Überall sind ihre unsichtbaren knöchernen Finger . . . Und legen sich so eng um die Kehle . . . Und krallen sich so tief ins Fleisch ... Er möchte aufschreien, so laut er kann . . . Aber er darf ja nicht. . . Mirjam . . .! Der einzige Traum, den er noch hat . . . Alle anderen hat das Leben ihm beinahe zerbrochen . . . Seit dem Tage, da ein fremder Kutscher sie aufgelesen hatte vom Straßenrande . . . und sie in die fremde Stadt gebracht hatte zu fremden Menschen, die kaum ein Gehör hatten für diese beiden wehen Aufschreie eines ewigen Schicksals . . . Seit diesem Tage war er Mirjam nicht nur Bruder gewesen . . . Auch Vater . . . und Mutter . . . Hatte gebettelt und gearbeitet — gefroren und gehungert . . . Für sie. Und hatte sie und sich durchgerungen . . . Bis zur Universität. . . Wie? Das konnte er heute nicht mehr sagen . . . Denn es lag wie ein toller, wirrer Fiebertraum hinter ihm . . . Aber das zähe Blut seines alten Stammes hatte ihn getrieben . . . Immer vorwärts . . . Immer vorwärts . . . Und sein Leid war ja nicht das einzige, das da schrie . . .! Tausend Menschenbrüder trugen ja ein gleiches . . . Dort drin, in den stillen Seziersälen hatte er es oft aufschreien hören, noch von den verstummten Lippen . . . Tausendfache Anklage . . . Gegen Brüder . . . Gegen die Welt . . . Gegen Gott . . .! Die verrauschten Lieder dort drinnen hatten ihm mehr gesungen als Millionen lebender Kehlen . . . Sein Leid war ja nicht allein! Hatte ein unendliches, dunkles Heer von Weggefährten, die alle im harten, schweren Rhythmustakte dahinschritten, ewig einsam, ewig leidend und ewig suchend... Aber warum...? Warum mußten Menschen überhaupt leiden. . .? Auf der Erde . . . Die so weit ist, und so wunderschön . . . Wenn im Frühlinge das Lied der ewigen Geburten aufklingt ... So schön, mit ihren Wäldern und Wiesen und Blumen und Wolken . . . Warum mußte der brausende Schrei der Maschinen überall hineindringen, jede Harmonie zerfetzen . . .? Warum mußte noch in den stillsten Waldwinkeln das Lied der Dampfsirenen aufschrillen . . .? Warum mußten dort an den fauchenden Maschinen ungezählte Leben in die Stille verbluten . . .? Ungehört...? In unsäglich wehem Kampfe mit der Stunde... Und warum zerfleischten sie sich noch gegenseitig . . .? Da sie doch alle — gleich elend waren . . .? Da sie doch alle das Siegel Mensch an

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