Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Mirjam ...
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
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138 MENORAH so glühende Küsse darüber, als wollten sie das tote Blut noch einmal zum Leben erwecken . . . Dann wird es still, totenstill in dem engen Räume, der die Leiden einer ganzen Welt und all die verklungenen Sehnsuchtslieder dreier Leben in sich schließt. Und das letzte Ende des Lichtes flackert noch einmal zischend auf und erlischt . . . ... Im Osten steigt leise erklingend die wundersame Symphonie des Morgens auf. . . Ein erster Strahl huscht schüchtern über die Berge und gleitet durch das offene Fenster in die kleine Mansarde . . . Gleitet tastend über einen schlanken Mädchenleib . . . Doch der ist starr und kalt. . . Gleitet weiter über zwei blasse Gesichter, deren schmerzdurchzuckte Augen wie leblos in eine ungeheure Leere starren . . . Da erfaßt auch den kleinen Sonnenstrahl ein Grauen . . . Und er gleitet zurück . . . Hinaus in die Unendlichkeit, aus der er kam . . . Und verkriecht sich hinter hohen, düsteren Wolkenmauern . . . Und die harten Tropfen, die dann einsam und rhythmisch an die toten Scheiben trommeln . . . raunen das wehe Lied der Trostlosigkeit. — Und die Zielverlorenheit eines uralten Wanderschicksals verklingt in die Unendlichkeit des Schweigens . . . DIE STADT AM BERGE Nicht Jeruscholajim ist's, das hochgebaute; nur Z'fath*), das heimelnde Städtchen. Blickt von der Höhe, streckt grüne Arme dem See in der Senke entgegen. Schmiegt sich im Halbrund um den Gipfel des Berges, auf dem die Trümmer uralten Gemäuers zerfallen. Die Trümmer der Trümmer zerfallen, verwittern. Kaum noch ein Rest der Wallmauer kenntlich. Ein tiefer Graben um einen Hügel, einst wohl ein einzelstehender Turm. Dies war Jeropath, Josef ben Gurions Feste. * Und doch, nirgends weht noch so frisch und unvergeßbar der herbe Hauch der Römerfeinde und Tanaiten. Wie im kühlen Z'fath. — Am unteren Rand der Bergstadt flieht weißes, wildes Kalkgeschlüfte zur Tiefe. Gibt den Blick frei über die blaue Steinwüste. Mit grünen Oasen an den Quellen, wo Ölbaumhaine den roten Lehm schatten. — — — Sieh'! in der Ferne, Gusch-Chalaw**), des unentwegten Jochanans Heimatsort. Sieh'! Meron am Hange des Ezmon***). Die Synagoge über den Gräbern R. Schimeon bar Jochajs und seines Sohnes Elieser. Wo in einer Tornische R. Jizchak hanapchah (der Schmied) ruht. Ein Mausoleum oberhalb R. Jochanan hassandlar deckt und daneben eine wassergefüllte Höhle, in der der gelehrte Schuster sein Leder weikte. — — — Dort rauscht zwischen den Felsen ein gewaltiger Quell, die Wasser der Megiddof)- Sie scheiden die Grabstätten der Häuser Hillel und Schammai. So bricht die M a s s o r a, ein ewiger, fruchtender Quell aus dem erhabenen Gefelse der T h o r a.--- *) Z'fath-Safed in Obergaliläa. Gusch-Chalaw-Giskala bei Josephus Flavius, heute Dschisch. Ezmon, auch Dschlcmak, höchste Erhebung des Westjordanlandes, f) Die Megiddo der Sisra-Schlacht (Buch der Richter) ist anderwärts zu suchen. Dort -weilen am Lagbe'omer die Tausende. Wenn des Nachts die Riesenfackeln flammen. Der Gesang der Litaneien aus trunkenen Kehlen zu den Sternen jauchzt. Die Verzückung des Tanzes aus Licht und Dunkel leuchtende Feuerräder wirkt. So strahlt der „Glanz" (S o h a r) an den Grenzen und Übergängen. ---— Doch, wenn das Volk den großen Tanai und (angeblichen) Begründer der Kabbalah ehrt, kingt immer wieder auf: Der gesungene Spruch „R. Akiba sprach, Heil Euch, Israel". Mit diesen Worten mag der Hirt und Lehrer seine treuen Schüler in den Krieg entsandt haben — in die bergenden Höhlen zum zähen Widerstand — ins Blachgefilde zum offenen Kampfe. So hat er sie gegrüßt, als sie geschlagen und dezimiert am Lagbe'omer sich sammelten. Heil dir, Israel im Kampf für die Lehre und das Land! Heil dir, wenn du ausziehst und wenn du heimkehrst! * Komm nun ins Z'fath der Tessaphoth, ins Z'fath der Kabbalah. In den Synagogen der Stadt, in dem weiten Gräberfelde, den weißen Hügelchen ist's zu finden. Da ist das Bethaus des Mahari, das ist R. Josef Caro, im Volksmunde der weiße Zaddik genannt. Der das Gewirre der Gesetze und Verbote zum „gedeckten Tisch" (Schulchan aruch) ordnete. — Der aber die Speisen und Früchte des heiligen Landes nach abendländischer Weise zubereitete und garnierte, R. Moses Isseries (Remu), liegt am Kazimierz in Krakau — Beide gute Fürsprecher auf dieser und der kommenden Welt. Das Bethaus des Alschech gehört den Sephardim. Wie in allen Synagogen der Spagniolen nimmt der heilige Schrein die ganze Misrachwand ein. Da ist auch ein gestickter Wandteppich. Er weist in Riesenlettern den NAMEn. dw) In der Buchstaben oberen Balken ist das Wort, HERR ("j""**) zu lesen. So wird das Gewaltige, wenn es der Mensch sich näherbringt, gewöhnlich und unscheinbar. Das Unfaßbare muß daher, wenn auch unausgesprochen, vor Augen bleiben. — Auf dem Friedhofe ruht R. Jizchak Luria Aschkenasi (Ari). Der Eckstein des Z'fath der Asketen, der Chassidim-Brüderschaften und Mystiker. Die Klaus, wo er den Sabbat zu empfangen pflegte, ist heute der Aschkenasim Hauptsynagoge. Die Bundeslade hier ein Meisterstück der Schmiedekunst. Doch ein würdiger Bau, mit starken Steinstreben im Abhang verankert ist die spagniolische Ari-Schul. Im Inneren ein gepflasterter Hof zwischen den stockhohen Mauern, dann hinter starken Toren ein Beth-hamidrasch im Halbdunkel der Spitzbogen und ein Betlokal um eine auffallend hohe Bühne zur Vorlesung der Thora. — Da ist ferner das Bethaus „Aboat", das heißt in arabischer Sprache: das Buch, das selbst sich fand. Es ist die Synagoge des Verfassers von Menorath hameor. Er schrieb einst ein Sefer Thora; dies ward gestohlen. Da schrie das Volk und fastete. Nach Monatsfrist, als zur Zeit des Morgengebetes die Türe geöffnet wurde, lag die Thorarolle auf der Bühne. — — — Ich betrat das Bethaus der Juden aus dem Kaukasus und Vorderasien, das dem Andenken R. Josef ben Noah, des Karäers, geweiht ist. Ein spagniolischer Knabe mit dem Tallith katan über dem Hemd, bot mir Führerdienste an. Als wäre mir Z'fath fremd. „Sei's denn, gehen wir zum Haus des Lebens!" Die große Gräberstadt lag zu unseren Füßen und mit kindlichem Stolz, doch ernst, sprach der Knabe: „Ich bin der Sohn dessen, der die Toten begräbt, aber hier ist der alte Friedhof."