Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Mirjam ...
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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M E N O R A H 135 Und 5 laufen laufen . Menschen .... Erschöpft sinkt der Kopf auf die schmale Brust. . . Und wieder geht es wie ein leises, unsagbar feines Weinen durch die kleine Stube . . . Leise senken sich die zarten Schleier des Traumes auf Mirjams samtschwere Lider. Und nur von Zeit zu Zeit verrät ein stoßweises, zitterndes Röcheln, daß in diesem gebrechlichen Leibe noch Leben flutet . . . Leise erhebt sich Baruch und tritt zum Fenster . . . Und beugt sein glühendes Gesicht hinaus in die kühlen, wehenden Schatten . . . Aber ihm bringen sie nicht Kühlung. Denn aus jedem der unzähligen kleinen Schattennebel schreit es . . . Schreit es auf. . . Wer . . .? Irgend eine Seele. Irgend einer von seinen Brüdern . . . Hier . , . dort . . . überall in diesen unheimlichen, düsteren Weiten . . . Und dort . . . ganz weit draußen am Horizont zuckt etwas auf . . . Wie ein Lichterschein . . . Geht vielleicht der Mond auf hinter fernen Wolkenbergen . . .? Aber nein . . . das kann ja gar nicht der Mond sein . . .! Mondlicht ist ja so wunderbar fahl und silbern. So silberzart, wie Mirjams Gesicht . . . Aber dieses Licht dort draußen am Horizont ist rot . . . Schreiend rot...! Zuckt auf und nieder. . . Also Flamme . . .? Und wächst und wächst mit rasender Geschwindigkeit den Horizont herauf. . . Über die weite, unendliche Ebene . . . Und überflutet alles . . . Alles rot und zuckend . . .! Silhouetten heben sich aus dem wirren Spiele der Flammen . . . Mit schreiender Gebärde . . . Verkrümmte Arme ranken durch das wilde Spiel von Licht und Schatten . . . Lange, wehende Bärte . . . AJte Gesichter . . . Mit dem ewigen Stempel des Leides an den hohen Stirnen . . . Sind es nicht Brüder...? Und dann schrillt es plötzlich auf... Ein Schrei . . .! Wie wenn man Leben tötet... So schrie ja damals auch . . . Mutter auf. Gerade so ...! Da war auch der Horizont rot von Flammen. Und von noch etwas . . . von Blut . . .! Jäh zuckt seine fiebernde Hand über die Stirn ... Es war ja nichts . . . gar nichts ... Im silberblauen Spiele der Frühlingsnacht träumt die Ebene . . . Von einem jungen Blühen . . . Von den Liedern, die morgen aufklingen werden über sonnigen Wiesen . . . Und jungen, kraftdurchglühten Händen, die den stolzen Segen Arbeit über heimatliche Scholle breiten . . . Und der kleine Bach murmelt in ewigem Singsang sein Wanderlied . . . Warum nur immer diese wilden Bilder -, . Diese zuckenden, rotdurchglühten...? Haben denn seine Träume keinen Anteil an der großen Symphonie des Schweigens und der Ruhe, die die Nacht um alles Geschehen webt . . .? Leben denn diese Nächte . . .? Und sind sie zuckender Widerhall der Lieder des schrillenden Tages . . .? Langsam wendet sich sein Blick in die Stube. Mirjam schläft. Tief. . . doch nicht ruhig. Oft zuckt der zarte Körper zusammen, wie unter einem furchtbaren Hiebe. Dann geht es wie ein leises, bebendes Weinen durch den Rhythmus ihres schlanken Leibes . . . Wieder lehnt Baruch seine brennende Stirne ins leise Fließen der Schatten . . . Wie er sie einst immer an die Brust einer seltsamen, stillen Frau gelehnt hatte . . . Damals, als er das Dämmern noch fürchtete und die einsamen Stuben . . . Als er noch Kind war. . . Und ein wehes Gefühl unsäglicher Sehnsucht tief in seiner Seele formt leise seine müden Lippen . . . Zu einem wundersamen Gebete: „Mutter..." Und der seltsame Zauber dieses Gebetes löst ihn aus allem Geschehen . . . Scheu und ängstlich beben die Schatten zurück und aus den Tiefen seiner Seele steigen in stummem Zuge die längst verblichenen Bilder verrauschter Stunden. Und glühen durch das Schweigen der Dämmerung in unendlich wehem roten Schein . . . Da sind sie ja noch, die engen, dumpfen Ghettomauern des kleinen, russischen Städtchens . . . Die ein Anfang und ein Ende waren . .. Und ein enggeschlcssener Kreis. Hinter welchem noch viele fremde Leben wogten, die nur den leisen Schaum ihrer bunten Wellen an diese vergessenen Mauern spritzten . . . Und dort das kleine Haus . . . Wirklich . . . Haus . . .? Vielleicht Hütte? Mit dem vom Winde verbogenen Dach, durch das immer der Regen so leise niederrieselte, in den grauen Novembertagen . . . Mit dem monotonen Singsang Betender . . . Wieso kam die kleine, verkrüppelte Birke vor das Haus . . .? Niemand hatte sie gepflanzt. Niemand wußte darum. Und niemand hatte je danach gefragt. . . Nur ihm, Baruch, war sie immer so seltsam vorgekommen. Als sei sie der unscheinbare Sendbote einer fremden, wundersamen Welt. Wenn im Frühling ein leises, zartes Grün daran aufsproß. Und die kleine Amsel sich auf den schwachen Ästchen schaukelte. Aber diese kleine Birke war das einzig grünende innerhalb der grauen Häuschen und Mauern. Darum liebte er sie so. Und darum spielten sie auch alle dort. Seine Kameraden . . . Und das Bild des kleinen, verkrüppelten Jossei steht plötzlich seltsam klar vor seiner Seele. Der schon zehn Jahre alt war und noch immer nicht gehen konnte . . . Aber er hatte so große, brennende Augen. Wie Mirjam . . . Und die kleine Esther, mit der er immer am liebsten gespielt hatte, weil sie die schönsten Spiele wußte und weil sie manchmal so hell auflachen konnte . . . Und alle, alle ziehen sie vorüber, ein großes, namenloses Heer verrauschter Geschehnisse und verklungener Stunden . . . Aber dort . . . die große, hagere Gestalt... In den weißen Gebetmantel gehüllt . . . Über große, dumpfe Folianten gebeugt . . . Sich wiegend in ewig monotonem Rhythmus . . . Das