Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Mirjam ...
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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134 M E N O R A H Brillengläsern . . . Und eine seltsame Blässe lag auf seinem Gesichte . . . Und sein Körper vibrierte wie ein Seismograph . . Ein seltsames, eisiges Gefühl durchzuckt Baruch ... Er hat ja auch schon etwas gehört . . . „Hat David Feldmann Nachrichten von zu Hause . . . Mirjam . . .?" „Ja, Baruch . . . und keine guten. Wieder geht über den Boden seiner Heimat ein düsteres Gespenst . . . Du weißt vielleicht. . . Baruch . . .? ...Pogrom.?!" Wie ein jäher, blauflammender Blitz durchschneidet die wehe Frage das raunende Dunkel und schreckt die Schatten tiefer in die Winkel des kleinen Zimmers. „Ja . . . Baruch! Der ewige Refrain aller Sänge, die man uns dichtet . . ." Mirjams Stimme tönt unendlichen Schmerz und die großen, düsteren Augensterne brennen wie eine fiebernde Anklage durchs Dunkel. Und die Schatten der Nacht hören durch die raunende Stille zwei müde Seelen in einem Ewigkeitsschmerze weinen. Baruch erhebt sich langsam und seine weichen Knabenhände legen sich leicht auf Mirjams seidenes Haar . . ." Wie fühlst du dich . . . Schwester . . .? ... Ich meine . . ." Die Schleier der Dunkel verdecken liebevoll ein schmerzliches Lächeln auf Mirjams Lippen . . . „Wie ich mich fühle . . . Baruch . . .? Sag' . . . dürfen wir beide, du und ich, denn noch an unseren physischen Schmerz denken . . .? Oder um ihn fragen . . .? Wo doch ein ganz anderer schreit. . .! Tief drinnen in der Seele . . .! Tief drinnen in dem alten, wehen Blute. . .! Fragen die Blätter, die ein Windhauch bricht, um den Schmerz ihres Herabgewirbeltwerdens . . .? Das ist doch ewiges Schicksal — der Blätter und Blüten . . .! Aber vielleicht fragen sie um den Schmerz des Stammes — der kahl wird . . .? Dem sie Atem waren . . . und Leben . . .?" „Höre . . . Baruch . . .! Als ich heute in der Mittagspause durch den botanischen Garten schritt, da war er voll Sonne. Wunderbarer, leuchtender Frühlingssonne . . . Und der keusche Duft der ersten Blüten lag darüber . . . Und ein rätselhaftes Bewegtsein . . . Und Mütter saßen dort mit ihren Säuglingen. Und alle, alle lächelten ... So wundersam war dieses heilige Mutterlächeln ... So wundersam und unbegreiflich . . . wie der Frühling .. . Da mußte ich mich krampfhaft an einem Baumstamme festhalten . . . Um nicht aufzuschreien . . . Denn durch meine Seele zuckte ein Bild .. . Wild und weh und grell. So jäh, wie ein Blitzschlag . . . Ich sah Daniel Feldmanns Heimat vor meiner Seele erglühen . . . Das weltvergessene, ferne, russische Dörfchen . . . Auch in der Sonne liegend . . . Aber die glühte so groß und rot . . . entsetzlich rot, Baruch . . . Grauenhaft. . .! Und Mütter saßen dort. . . Aber mit zerfetzten Brüsten . . . Und zu ihren Füßen lagen kleine, zertrümmerte Schädel. . . Kinderköpfchen . . . Baruch . . . aus denen auch unschuldige Kinderaugen in das blühende Wunder der erwachenden Welt gestaunt hatten . . . Blutige Fetzen . . . Und darüber stand groß und rot die Sonne . . . Und brannte steil und mitleidslos . . . Dann sah ich zwei Hügel aufdämmern, Baruch ... In unserem Heimatsdorfe . . . Auch über denen lag die aufdringlich wehe, schrille rote Sonne. . . Baruch . . .!" Mirjam verstummt jäh. Und durch das Dunkel kriechen zwei müde Augenpaare, um die ein leiser Regenbogenschimmer aufzuckt, die kahlen Wände empor. . . Zu den verblichenen Bildern im wurmstichigen Rahmen. Und es ist, als schritte durch die unendliche Einsamkeit der kleinen Stube das wegemüde Schicksal von Millionen gequälter Seelen . . . Und breite das wehe Echo seines Schmerzes über alle Dinge . . . Als legte die Trostlosigkeit das entsetzliche, bleischwere Grau ihrer Stunden vor die Tore sehnender Herzen, daß es noch den leisesten Strahl von Sonne ertöte, der die Schwelle zu überschreiten wagt. . . „Mirjam...!" Mühsam ringen sich die Worte von Baruchs Lippen. „Wollen wir jetzt nicht Licht machen . . .? Sie drücken so unendlich schwer, diese dumpfen Schatten hier . . . Und ersticken, uns mit ihrem wehen Reigen . . . Und machen uns selbst zu Schatten nur und gleitenden Nebeln . . .!" „Noch nicht, Baruch .. .! Noch nicht . . .! So viele Schatten sind um uns — am Tage! Sollten wir sie da in der Nacht fürchten...? Sie sind uns ja vertraut, Baruch . . .! Und sind uns Freund! ... Wir wollen noch ein wenig sitzen und warten . . .! Daniel versprach heute noch zu kommen . . . Sowie die Nachricht von daheim eintrifft ... Er muß jeden Augenblick hier sein . . . Solange wollen wir noch im Dunkel sitzen. Es ist ja schön, die Augen zu schließen und zu lauschen ... In sich hinein ... In die wundersamen Melodien der Seele, die nie so klar und rein klingen, wie in der Stille der Nächte, wenn all die wehen Schreie des Tages gestorben sind ..." „Und dann . . . Baruch . . .!" Ein schmerzliches Lächeln zuckt wie ein verirrter Sonnenstrahl über Mirjams blasses Gesicht. . . „Die Rigorosen stehen ja vor der Tür . . . Da werden wir wieder viel Licht brauchen . . ." Ein harter, trockener Husten bricht ihre Worte jäh ab. Baruch erbebt leise am ganzen Körper und ein unsagbar wehes Gefühl schnürt seine Kehle. Wie mit eisernen Griffen. Wenn nur dieser Husten . . . Wie lange . . .? Wie lange noch wird er das leise Silberklingen von Mirjams Stimme hören? Wie lange wird er ihr noch Schwester sagen und seine kühle, weiche Knabenhand auf ihre heiße, fiebernde Stirne legen dürfen . . .? Auch er ist ja Arzt . . . Und weiß . . . und weiß . . . „Mirjam!" Unsagbar weich klingt seine Stimme. Und er sucht die schmale, blasse Kinderhand, die so heiß ist. . . so brennend heiß. „Wäre es nicht besser, wenn du zur Ruhe gingest? Du mußt dich ja schonen jetzt. Du weißt — die Prüfungen . . .! ... Und dann . . .! Kannst du Daniel denn helfen? Oder ich? Konnten wir denn damals helfen . . . damals . . ." Er bricht seine Worte jäh ab. Warum die alte Wunde wieder aufreißen, die ja doch noch tief im Innern blutet? Wozu? „Helfen . . .?" In Mirjams Augen glüht etwas auf, eine große leuchtende Morgensonne . . . Wie eine ewige, brennende Frage . . . „Helfen, Baruch... Nein...! Zum Helfen sind unsere Arme noch zu schwach . . . aber . . ." „Aber . . . Mirjam . . ." „Aber hinausschreien müssen wir die Schande...! Die Menschen den Menschenbrüdern tun im Namen der Liebe . . . und im Namen Gottes . . .! Menschen, Menschen müssen wir wieder suchen und Wege . . . Hörst du, Baruch, neue Wege . . .! Brücken müssen wir wieder bauen über die Leichenfelder und Blutsümpfe . . .! Irgendwo . . . Baruch, irgendwo auf der weiten Erde muß es doch noch Menschen geben . . .! Und Wege . . .! Und ein neues Glück „Was ist damit getan, Mirjam...? Erstickt unseren Schrei nicht das Gerassel der Maschinen? Schlägt der Dampfhammer nicht unsere Sehnsuchtsbrücken entzwei . . .? Stürzt der Tag nicht vorüber, schrillend, hastend, fiebernd. Und entfesselt das Rattern von Millionen Rädern . . . Und hüllt Millionen zuckende Menschenleiber in die Dampfwolken eigenen Schweißes . . .? Und verwandelt Berge in klingendes Metall...? Maschine! Maschine! Das ist der Rhythmus der Tage geworden . . . Können wir gegen Maschinen kämpfen — Mirjam . . .? Sie zerbrechen in ihrem rasenden Wirbel ja Körper und Seele . . . Weil sie selbst kalt sind und seelenlos . . . Und den Tod brauchen . . . und die Vernichtung . . . Um neue Güter schaffen zu können . . . »Produzieren' heißen sie es . . . Und ,neue Absatzgebiete finden' . . . Ware . . .! Geld . . .! Ware . . .! Geld . . .! Hörst du ihn nicht, den unendlich grauenhaften Rhythmus unserer Tage...? Ewig gleich . . . Ewig hämmernd . . . Und auch die Menschen sind Ware geworden . . . und Geld . . . Mirjam . . .!" Die dunkle Silhouette von Mirjams zarten Leib wächst unheimlich schlank und steil durch die Schatten ... Ihr ganzer Körper bebt im Fieberschauer . . . Und das seltsame, flammende Rot ihrer Wangen überschrillt die Schatten. „Geld . . . Baruch .. .? .. Maschine...? Aber... alle können doch nicht Maschine geworden sein. . .! Nein . . . Noch muß es solche geben, die lauschend am Pulsschlag der Ewigkeit stehen .. . Und erglühen können an dem wundersamen Zauber der Nacht und des Frühlings ... Die von einem neuen Glücke träumen und einer neuen Schönheit der Menschenseele . . .! Noch muß es Idealisten der Tat geben, Baruch . . .! Und die müssen das Leid, das in den Tiefen ihrer Seelen brennt, das Leid um die Menschen und den heiligen Sinn des Lebens, zusammenbinden . . . Zu einem großen Aufschrei . . . Der so stark ist durch die heiligende Kraft der Liebe und Sehnsucht, daß er noch das Rattern der Räder überdröhnt und den Schrei der Dampfsirenen . . .! Baruch . . . Die Menschen müssen wir rufen . . . Hörst du, Baruch . . . die Menschen . . .!" Große, matte Tropfen stehen wie eine Perlenkette an Mirjams weißer Stirn . . . Als weinten Schatten über den Schmerz der