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Menorah · 1925-06-01 · Heft 6 (Juni 1925) · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 6 (Juni 1925)
Article
Mirjam ...
Date
1925-06-01
Page
Seite 133 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H 133 MIRJAM... VON OSKAR NEUMANN ILLUSTRATIONEN VON CLARA EPSTEIN Die Sonne, die wie ein verfließendes Lächeln am Angesichte der Ewigkeit erstarb, wußte nichts um den Schmerz, über den ihre letzten, lilablassen Strahlen zitterten. Mit ihr gingen ja so viele Lieder und Träume und Sehnsüchte des Tages hinter die fernen Berge schlafen. Sie war nicht einsam in der großen Stille. Aber in den leise nach abwärts gezogenen Mundwinkeln des blassen, feingeschnittenen Jünglingsgesichtes saß ein einsamer Schmerz und wetterleuchtete jäh auf, als sich das samtene, flitterbesetzte Bahrtuch Nacht in stillem Dahingleiten über das tägliche Sterben breitete. Denn er wußte: Dieses Tuch, dieses große, geheimnisvolle, mit seinen Myriaden raunender Rätsel und flimmernder Edelsteine, die hinwegtäuschen sollten über verlorene Sonnen, dieses seltsame Tuch, in das der große Rätselhafte so viele flüsternde Melodien gewoben hatte, trug unzählige feine Fältchen. Und in jeder dieser Falten saß ein Schmerz und weinte. Und gerade dieser Zipfel des unendlichen Tuches hüllte sich immer um seine Stirn . . . Daß er die leuchtenden Edelsteine nie sehen konnte und aus dem feinen Flüstern der Schatten nur Aufschrei hörte. Unsagbar einsam und weh . . . Warum immer um seine Stirn? So viele waren ja da mit an seinem Wege. Glühende und Suchende und Träumende. — Wie er! Aber ihnen lächelte aus den feinen Fältchen ein stilles Glück entgegen. Und Friede und Liebe . . . Ewigkeitslieder . . . Nur er . . . warum nur er . . . einsam? In wirrem Funkenspiele zuckten die Gedanken auf und nieder, während sich ein schlanker, fast knabenhafter Körper aus dem Fenster der kleinen Mansarde hinauslehnte und in die blauen Schatten der Dämmerung hinüberzufließen schien. Und der leise, monotone Singsang der kreisenden Nebel, und der müde Atem der träumenden Straßen tief dort unten legte sich beengend auf seine Brust. Warum... warum...? Dort drüben auf den seltsam feucht schimmernden Wiesen, wo die Nebelschleier so groteske Reigen führten, saß er ja jetzt, der große, geheimnisvolle Weber Frühling und wob einen wunderbaren, bunten Blütentraum über die braune Erde . . . Und morgen, wenn die Sonne wieder kam . . . Morgen . . . Morgen . . .? Was war ihm Morgen und Heute und Gestern? Gleiche rhythmische Takte einer ewig monotonen Melodie . . . Leben . . . Sterben . . . Und auf seinen feinen, schmalgesch.nitten.en Lippen, die wie bebende Fragezeichen am Tore seiner Seele standen, zuckte es wie ein fieberndes Gebet: Sonne . . .! Sonne . . .! Von unten aus dem kleinen Park, wo jetzt Millionen unsichtbare junge Lebensströme kreisten und Millionen Geisterhände den Bau des erwachenden Lebens zimmerten, klingt silbernes Lachen herauf . . . Und flüsternde Stimmen und raschelnde Schritte. Und bis zum Fenster der kleinen Mansarde klimmt das silberne Lachen. A.ber wenn es an sein Fenster kam, war es nur noch eine entsetzliche Fratze, die ihn angrinste. Höhnend, grotesk. Warum quälte sie ihn so, die Nacht . . .? Da erklingt plötzlich ein Schritt auf der Straße. So fein, so leicht, als schritte ein müder Schatten über Moos. Aber er hört ihn, den sonst kaum vernehmbaren Klang dieses Schrittes. Er kennt ihn. Denn dieser Klang ist die einzige Musik, die das so große und rauschende Orchester Welt für seine unendlich einsame Seele übrig halte. Eine wunderbare leise Musik. Wie ein verklingendes Abendlied . . . Und tönt . . . Mirjam . . . Er richtet sich jäh auf. Gleich wird unten die alte Tür knarren und dann . .. Und dann wird, wie schon so viele Male die kleine, rauchige Öllampe aufflackern und die kahlen Wände mit dem einsamen Bücherregale aus dem Dunkeln heben. Und die verblaßten Bilder zweier Menschen in wurmstichigem Rahmen, die Träger ihres Lebens waren. Einmal in ferner Zeit. . . Seines und Mirjams . . . Aber noch etwas wird aufleuchten. Mirjams große, fiebernde, unendlich traurige Augen. An denen schon der kleine Knabe mit der gesenkten Fackel steht. . . Wird sie bald verlöschen, die Fackel? Nein . . . nein . . .! Wild schreit es auf in ihm. Er darf sie nicht verlöschen! Noch nicht! Denn sie ist ja das letzte Licht, das noch aufglüht aus seinen dumpfen Nächten. Das letzte . . . wenn auch ein Wehes...! Solange sie ihm noch ihre Schmerzen singen, ist ja Leben. Aber was dann . . .? Was dann . . .? Da öffnet sich leise die Tür. Leise, kaum hörbar. Als hätten Geisterhände sie geöffnet ... So zart und blaß und durchschimmernd sind diese Hände . . . „Guten Abend, Baruch . . .!" Es klingt wie das Tönen einer kleinen, silbernen Glocke. Aus weiter Ferne . . . Und doch so wunderbar, so beglückend in seinem Ohre . . . Jetzt ist die Sonne wieder da. ,,Guten Abend, Mirjam . . ." Und noch die stillen Schatten an den Wänden erbeben im leisen Druck ihrer Hände. So viel Liebe ist darin. Mit einem müden Seufzer legt Mirjam einen Stoß Bücher auf den wackligen Tisch. „Bist du müde, Mirjam...? Wollen wir Licht machen..." „Nein, Baruch... jetzt noch kein Licht, bitte ... Es ist ja so weh, das Licht . . . so weh.. .! Wir wollen hier noch ein wenig im Dunkel sitzen und plaudern. Es ist so schön, Baruch, wenn man einander nicht sieht und sich doch — so unendlich nahe ist. Und nur die leisen Wellen des Atems fühlt und das Fragen der Seelen . . . Weißt du, wen ich heute im Kolleg traf?" Über Mirjams blasses Mädchengesicht zuckt es wie ein heimliches Lächeln . . . „David Feldmann! . . . Aber . . ." — „Aber, Mirjam . . .?" „Weißt du, Baruch, seine Augen zuckten heute so fieberhaft unter den großen

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