Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Chassidische Fragmente
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 M E N O R A H MANE KATZ DYBUK „Drei Dinge kommen in Schmerzen: Die Thora, Erez Israel und der Messias." Dies erklärte Rabbi Pinchas wie folgt: Diese drei Dinge sind die Stätten der Weisheit. Thora ist der Quell der Weisheit, Erez Israel der O r t der Weisheit und die Zeit der wahren Weisheit wird einst die messianische Zeit sein. Weisheit aber bedingt den Schmerz; denn also steht geschrieben: „Mehr Wissen, mehr Schmerzen." Deshalb wurde das Wüstenvolk das „dor-deah" (das Geschlecht des Wissens) genannt, denn es brauchte vierzig Jahre Wanderung, um zum Verständnis für die Lehre Moschehs und für die Eroberung des heiligen Landes reif zu werden. Und so wird es auch beim Wiedererscheinen des Messias und bei der Rückkehr ins gelobte Land sein. „Weisheit kommt mit Schmerzen . . ." Rabbi Pinchas sagte: „Fromm" liebe ich mehr als „klug", aber mehr als fromm und klug liebe ich „gut". Hierauf sprach dann der Lubliner: „Ich liebe keinen Frommen. Der so heißt ist ein Pedant; er fürchtet immer, nicht recht gehandelt zu haben, ist darum melancholisch und Trübsinn verdrängt die Schechinah"*). Ich liebe keinen Klugen; ein Kluger ist ein Epikorus**). Ich liebe keinen Guten; denn dieser ist ein Sünder. Wen i c h liebe, dermußfromm, klugund gutsein. KLEINE ERZÄHLUNGEN Der Aptaer Raw war als der größte seiner zeitgenössischen Zaddikim bekannt. Fast alle Chassidimführer seiner Zeit hörten auf sein Wort. Es trug sich einmal zu, daß er den Rabbi Meier aus Przemyslany bat, er möge ihm begründen, warum er einen Gemeinde- *) Die Glorie Gottes. **) Freidenker. schächter des Dienstes enthoben habe. Rabbi Meier erklärte darauf, er habe auf dem Messer des Schächters ein Zeichen wahrgenommen, welches auf eine schwere Sünde hinwies. — „So," sagte der Aptaer, „versteht ihr Euch wohl auf Zeichen? So sagt mir was auf meiner Stirn geschrieben steht!" — „Auf Eurer Stirn", erwiderte Rabbi Meier, „steht ein ,Gimmer geschrieben. Das bedeutet ,Gadol\ Ihr seid der Gadol Hador, die Größe der Generation." Als Rabbi Meier wegging, verfiel der Aptaer in tiefes Nachsinnen. — „Sind wir wirklich der Gadol Hador, so obliegt uns (er sprach immer mit ,uns') doch die Welt zu verbessern. Ja, wir wollen die Welt verbessern. Wir wollen sie wieder gut machen. — Wo fangen wir aber an? Wir glauben bei unserem Volke beginnen zu müssen. — Aber liegen uns nicht die Juden unseres Landes näher? Und es heißt doch: Die Armen deines Landes und die eines anderen Landes, die deines Landes voran. Also fangen wir zuerst mit unseren Juden an." Allein schon fiel ihm ein, daß nach dieser Ansicht zunächst seine Gemeinde, seine Familie, sein Haus, schließlich er selber in Betracht käme; denn es heißt doch: „Schmücke dich und dann schmücke die anderen." Wohlan fangen wir also mit uns selbst an. Wir haben doch an uns so viel zu verbessern, wir sind ja mit so viel Makel behaftet! — Zuerst wollen wir uns selbst ganz vervollkommnen und dann erst von unten hinauf alles verbessern. Das Haus, die Familie, die Gemeinde, das Land, das Volk — und vielleicht auch die Welt. Dies tat nun der Aptaer Zaddik, er fing an, sich selbst zu verbessern, wurde aber damit sein Leben lang nicht fertig. * Rabbi Schneier Salman hat einen seiner Söhne reich verheiratet. Nach einiger Zeit ließ er den Sohn zu sich berufen und fragte ihn: „Sage mir, wieviel Geld besitzest du?" — „Zweitausend Rubel", erwiderte der Sohn. — „Soviel Geld?" — „Und was wirst du damit machen?" — „Ich werde es verborgen, um etwas Nutzen zu haben." — „Und wenn man dir das ganze nicht zurückgibt und du auch um das Kapital kommen wirst?" — „Ich verleihe es einem reichen, sicheren Manne, dem man so etwas nicht zumuten kann." Da faßte der Rabbi seinen Sohn am Arm, führte ihn zu der für Erez Israel bestimmten Sammelbüchse und sprach: „Mein Sohn! Folge mir und gib das ganze da hinein, da werden Kapital und Nutzen gesichert bleibe n." — Das war viel verlangt. Der Sohn faßte es gar nicht als einen Ernst auf. Es dauerte jedoch nicht lange, da kam das Unglück. Der reiche Mann verlor und konnte nicht mehr zahlen. Da sprach der Rabbi: „Welch traurige Zeiten, wo kein Vertrauen in den Weisen mehr da ist. Einst gab es ein solches Vertrauen." Der Rabbi erzählte ferner wie folgt: „Ich passierte einmal eine Dorfherberge, ohne meinen Namen bekanntzugeben. Der Wirt bezeugte mir Gastfreundschaft und ich erkannte in ihm einen frommen Mann. Da fragte ich ihn, ob noch Glaubensgenossen in seiner Nähe wären. „Nein," erwiderte jener, „ich bin der einzige Jude im Dorfe." „Und wie verrichtest du den Gottesdienst?" — „Ein ganzes Jahr muß ich einsam beten. Zu den hohen Feiertagen ziehe ich alljährlich mit meiner Frau in die nächstliegende Stadt hinüber." „Wieviel Judenfamilien wohnen in dem Städtchen?" „Hundert." — Beim Verlassen der Herberge sagte ich zum Wirt: „Wisse, daß ich ein Schüler des großen Maggids bin. Ich rate dir, in das Städtchen zu übersiedeln. W o hundert Judenfamilien leben, werden auch hundertundeine Familie leben können." Ich fuhr davon. Als ich Tags darauf zurückreiste, da sah ich vor der Herberge bereits vollbepackte Wagen stehen. — Der Wirt zog in das Städtchen. * Es war die Gewohnheit des Rabbi Sussi, jede drei Monate zum großen Maggid zu fahren, wo er zwei, oft auch drei Wochen ausblieb und für seine Seele Nahrung sammelte, um dann allein leben zu können. Einst kam er nach Mesericz und als er zum Maggid zur Begrüßung hinkam, da befahl dieser ihm, sofort nach Hause zu-