Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Chassidische Fragmente
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 129 Chassidische Fragmente VON J. P. SCHAPIRA GEFLÜGELTE WORTE Seiner Gepflogenheit gemäß ging einmal Rabbi Israel Baalschem vor Tagesanbruch aus dem Ritualbade, rein und mit heiligen Gedanken beschäftigt. Zwei Dorfmänner, die aus einer Schenke schlenderten, kreuzten seinen Weg. Bekümmert schaute Baalschem nach einer Möglichkeit, ihnen aus dem Weg zu gehen, um nicht in seiner Weihe gestört zu werden. Da hörte er, wie einer dem anderen zurief: „Schiebe dich weg von dem unreinen Juden!" Sie gaben ihm den Weg frei und Baalschem konnte ungehindert weitergehen. Nun — dachte Baalschem — ist mir eine Stelle in der Bibel klar geworden. Es heißt dort: „Siehe ein Volk, das gesondert lagert, nicht gezahlt unter den Völkern." Was ermöglichte uns, ein gesondertes Volk von so herrlicher Eigenart zu bleiben? Es ist dies geschehen, weil die Völker uns so sehr mißachten, daß sie uns den Weg freiließen . . . * Rabbi Pinchas aus Koretz pflegte sich eifrig mit Philosophie zu beschäftigen. Nach dem Volksmunde der Chassidim soll er den ,,Moreh Nebochim"*) tausend weniger einmal durchstudiert haben. Das war seltsam und beinahe eigenartig bei Chassidim und um so seltsamer, als das, was er sich selbst getraute, er den anderen strenge fernzuhalten wußte. Er warnte nämlich seine Jünger und sprach: „Der ,Moreh Nebochim* ist wie ein gefährliches Medikament. Er erweckte manchen zu neuem Leben, tötet aber, wenn ihn Unberufene genießen." Nun soll er sich selber einmal in eine gefährliche Stelle verstrickt haben. Es soll Zweifel an die Vorsehung oder etwas ähnliches gewesen sein. Genug, es ward ihm dunkel, er geriet in Verlegenheit und wußte sich auf keine Weise zu helfen. Tagelang ging er verzweifelt umher, bis er den Beschluß faßte, zum Baalschem zu fahren. Da erschien plötzlich Baalschem in Koretz. Als Rabbi Pinchas zu seiner Begrüßung kam, ging ihm Baalschem mit folgender Rede entgegen: „Wenn ein Mensch eine gefährliche Stelle studiert und es ihm auf einmal dunkel wird, was soll er tun? — Da bleibt ihm wahrlich nichts mehr übrig, als sich flehend an Gott um Erleuchtung zu wenden. — Ist nicht allein eben dieser Umstand ein gewichtiger Beweis, daß es einen Gott, einen Helfer gibt?" Und Rabbi Pinchas ward aus der Enge gehoben. * Rabbi Jakob Schamschon, der Gaon von Schepetowka, gelobte ein Jahr lang zu wandern. Zur Begleitung gesellte sich ihm Schmuel sein Leibdiener. Die beiden kamen einmal in eine Dorfherberge und ließen sich bewirten. Inzwischen erschien der Wirt. Er kam vom Gutsherrn, dessen Schwester — wie der Wirt erzählte — bereits in den letzten Zügen läge. Der Arzt aus der Stadt habe für sie Fleischbrühe angeordnet. Nun seien gerade die katholischen Fasttage und die Fromme ginge eher in den Tod als die Fasttage zu brechen. Als sie wieder ihrer Wege gingen, da wandte sich plötzlich Rabbi Jakob Schamschon zu seinem Begleiter und sagte: „Schmuel! Hast du vernommen, was dort der Wirt erzählte?" — „Nunwohl, Gleichgültiges", erwiderte jener. — „Nein," sprach der Rabbi, „auch solcher Dinge wegen geht man in Golus" (Wanderung). Unbegreiflich war mir immer eine Stelle in der Bibel: „Aber verwahre dich und hüte deine Seele zu sehr, daß du dir kein Standbild in Gestalt von irgend etwas errichtest, was dir Gott, dein Herr, anbefohlen hat." Was sollte denn da Gott anbefohlen haben? — Nach der erlebten Begebenheit jedoch ist mir der Sinn davon klar geworden. Unsere Thora unterscheidet sich von den anderen Religionsgesetzen vornehmlich dadurch, daß sie eine Religion des Lebens ist. Sie ist für das Leben des Menschen bemessen und MANE KATZ DER SCHMIED ist darum, je nach dem Stande der Dinge, beweglich. Fasten am Jomkipur ist eines der schwersten Gebote; wird aber beseitigt, wenn Menschenleben im Spiele ist. Sabbatruhe wird bei Menschengefahr aufgehoben. „Du sollst dich nicht hinwegsetzen"; manchmal aber „darfst du dich hinwegsetzen". Und so vieles andere. Ganz anders aber verhält es sich bei den Religionen der Völker. Sie haben Gebote, welche sie unmöglich befolgen können. Die sind starr und unbeweglich wie die Götzen, wie wir es eben im Wirtshause gelernt haben. Dies aber meint der Passus: Hüte dich allzu sehr, daß du dir kein starres Standbild aus dem schaffest, was dir Gott anbefohlen; denn also steht geschrieben: „Und dies ist die Lehre, die der Mensch befolge und lebe mit ihr." Nicht aber, daß er sterbe mit ihr. * Der Sasower Zaddik zeichnete sich besonders durch Menschenliebe und Wohltätigkeit aus. Er sagte: „Allen Geboten sowie Verboten der Thora können Ausnahmen zugedacht werden. Welche Ausnahme jedoch dürfte bei dem Gebot aller Gebote, bei dem Glauben an die Existenz Gottes möglich sein? Dies geschieht bei der Wohltätigkeit. Wenn du einen vom Schicksal Verfolgten siehst, da soll es dir nicht einfallen zu sagen: .Siehe! Gottes Strafe lastet über ihm, wie soll ich mich getrauen, gegen den Willen Gottes einzugreifen'. Nein, da magst du Freigeist sein. Da gibt es keinen außer dir. Du, nur du allein mußt ihm helfen!" # Rabbi Schnei er Salman von Lady, der Schöpfer des „Chbd"*) gehörte ursprünglich zum Gelehrtenkreise des Wilnaer Gaon (dem Chassidimgegncr). Er ging dann zum Chassidismus über und wurde Schüler des großen Maggid. Als er nach einem Jahre aus Mesericz zurückkehrte, da ließ ihn der Gaon fragen, was er beim Maggid Neues gelernt habe, was ihn genötigt habe, von Wilna fortzuziehen. Darauf erwiderte der Ladyer: „Ich habe eine neue Deutung der zehn Gebote gelernt. Der Gaon lehrte ,loi tignow — du sollst nicht stehlen*. Der Maggid aber lehrte: ,Du sollst kein Dieb sein.' Und das will viel sagen." # *) Der Wegweiser der Irrenden — phil. Werk des Maimunides.