Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Wir waren fünf
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 110 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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110 M E N O R A H lachend und schluchzend der Mutter um den Hals. Es war so lange her, daß Ira gelacht hatte. Leicht und mühelos ging das Lernen. Aber sie hörte auf, die beste Schülerin zu sein. Der Motor, der lange leer gelaufen war, jetzt endlich war er richtig angekurbelt, jetzt hatte er seine Bahn. Und er trieb und trieb. Wie sieghaft, wie glücklich ist die Karriere dieser Frau gewesen! Du kanntest Doktor Friedrich nicht, ihren ersten Verlobten. Man setzte viel Hoffnung auf ihn. Er war es, der Ira aus dem engen Kreis ihres Heims emporhob. Der erste! Wir waren vier. Vier Menschen und der Motor. Vier Menschen, die lange einer vom anderen wenig wußten, die bestimmt waren, den Kreis zu schließen — nicht Brüder, nicht Freunde, aber Genossen nach Schicksalsbeschluß. Und ihr, sie hieß Ira, war die Macht gegeben über jeden von uns. Lange Jahre —. Ich habe Doktor Friedrich nur wenig gekannt. Er arbeitete in einem chemischen Laboratorium, er war aus vornehmer Familie, hatte Verbindungen, die ihn kaum interessierten, glaubte an seine Arbeit und ihren Erfolg, sonst glaubte er noch an Ira Kendey, die er liebte. Sie war schöner als Worte sagen. Sie war nur Geist und Seele, alles Leben, auf das der heiße Blick der schwarzen Augen fiel, blühte auf. Der Kluge wurde klüger, der Gute besser in ihrer Nähe. Dieses schlanke geschmeidige Mädchen voll Freude am Dasein, voll Liebe zu allem Schönen, Großen, sie schien jeder Hingebung wert! Jener Doktor Friedrich war gut und achtungswürdig als Mensch, wie hatte er sonst ihre Liebe erworben? Denn sie liebte ihn! Er war auch der Reichste und Angesehenste, der je in ihre Nähe gekommen, der Zukunftssicherste, aber — sie liebte ihn, ihn, der auch der Reichste und Angesehenste war. Er führte sie in die Gesellschaft hochstehender Menschen, er gab ihr das Wissen von einem neuen Leben. Er starb dann, sie hatte eben aufgehört ihn zu lieben. Was konnte sie dafür? Ein Leben der Pracht und Schönheit war ihr bestimmt, sie durfte es nicht an der Seite eines trockenen Berufsmenschen verbringen. Das konnte nicht sein! Notwendig geschieht alles, nach unbekannten Gesetzen. Notwendig war sein Tod nach dem Gesetz ihres Schicksals. Die Zeitungen schrieben über ihn, er war doch eine Hoffnung der Wissenschaft gewesen, bei einem seiner Experimente hatte ihn giftiges Gas getötet, und niemand traf die Schuld. Die Zeitungen schrieben nicht über die Braut, die ihm so unendlich viel gewesen. Er hatte in ihrem Leben seinen Dienst getan, er hatte sie hoch emporgehoben über die Umgebung ihrer Kindheit, hatte ihr gegeben, was er zu geben hatte. Die erste Station lag hinter dem Motor, über ein Stück Leben war er hinweggegangen, nun kannte man Ira unter den besten und hervorragendsten der Zeit. Nun durfte sie wählen, jung, schuldlos und mit allen Gaben des Menschentums geschmückt, Ira! Wir waren vier. Der eine starb, er hatte seinen Dienst getan. Ihr, sie hieß Ira, war die Macht gegeben über jeden von uns. Ihr Geschick war das stärkere, es fügte sich im Dienste ihres starken Geschicks, daß einer gab, was er zu geben hatte und starb. Ohlendahl war der nächste. Der Dichter, dessen Werke du kennst. Er schenkte ihr eine gute Liebe, die Liebe des Künstlers, die keiner geben konnte als er. In Dichtung und Leben hat er ihre Gestalt verherrlicht. Oh, er hat ihr Wesen, wie sie es zeigte und selbst empfand, ganz erfaßt und verstanden, dies gleißende Wunder des Lebens, die Frau, an der man groß werden mußte, um zu sterben. Er wurde unglücklich durch sie. Ihn hat sie nur Augenblicke lang geliebt. Sie war zu lebensstark, um einen neben sich zu dulden, der selbst Ruhm und Menschenliebe auf sich zog. Sie wäre an seiner Seite nicht glücklich geworden, nein, er war gut genug für die Erinnerung an ein stärkstes Erleben, er gab ihr den Zauber des Schmerzes, den sie noch brauchte, um ganz vollkommen zu sein. Das war seine Aufgabe, er hat sie erfüllt. Er kam in den Bergen um, ganz zufällig, ganz nebenbei, sein Name wurde kaum mehr genannt. War es Absicht gewesen von ihm, daß er starb? Sie liebte ihn nicht, starb er ihretwillen? Wohl möglich, niemand kann es sagen, ihre Schuld aber, ihre Schuld war es nicht. Wer hieß ihn sein Geschick an eines binden, das stärker war? Er starb, der zweite, denn sie sollte leben, unbeschwert leben von den Fesseln irgend einer Vergangenheit. Er durfte ihre Seele einst reich machen mit den Geschenken seines Gefühls . . . Sein Dasein aber hätte sie nur in aller Zukunft gehemmt, gedrückt, vielleicht gequält — ihr, sie hieß Ira, war die Macht gegeben über jeden von uns. Und Eggbert wurde ihr erster Gatte, der ihr Reichtom gab und das Glück zweier schöner Jahre, und der dann überflüssig wurde in ihrem Leben, weil sie nach anderem Glück verlangte und weil sein Reichtum viel zu gering war für ihr Begehren. Er starb, du weißt, wie man ihn fand, dort in der Laube. — Hat sie es gewünscht, gewollt, — getan vielleicht? Glaube es nicht! Auch dieser Tod war ein Geschenk des Schicksals für sein liebstes Kind. Schuldlos und rein durfte sie sich fühlen. Sie war es, war es damals noch. Ich! — Was zitterst du, mein Junge, was erschreckt dich? Ich habe von den anderen ehrlich gesprochen, ich will es auch von mir tun. Denn — vier waren wir und ihr, die du kennst, sie hieß Ira, war die Macht gegeben über jeden von uns. Ich habe sie geliebt. Ich liebe sie auch heute noch, und sie, sie hat mich gehaßt vom ersten Augenblick an. Und ich werde sie noch lange lieben, denn ich — zittere nicht, du Kind! — ich überlebe. — Bin ich ein Glück, wie es das Schicksal seinem liebsten Kinde schenkt? Sieh mich doch an. Klein ist meine Gestalt, rauh und knochig sind meine Hände. Tiefe Furchen haben Leben und Leid in meine Züge gegraben. Und — ich bin Jude, wie sie selbst ein Mensch ihrer Kraft, ihres eigenen Willens. Ich weiß es, — sie vergaß. Hat sie das alles nicht gesehen, als sie mich zum Manne nahm? War ihr wieder die Gnade gegeben, das nicht zu wissen, was sie tut? Nein! Sie wußte, diesmal wußte sie klar und wagte es — liebelos. Sie hat bewußt getan, was nicht verziehen wird, denn das war Kauf und Schacher mit dem Besten dieser Erde, mit ihrer Herrlichkeit selbst. Die stets an Liehe glauben durfte, wenn sie Macht und Glück empfing, darf es nicht mehr. Nur Kauf gibt es in diesem Leben. Einmal verkauft — für immer Ware. Dreimal war der Motor über starke junge Leben hinweggegangen, sie glaubte, sie sei des Schicksals sicher, sie glaubte, sie müsse nur wollen, und einer, der im Wege war, hörte auf zu sein. Sie glaubte nicht, daß ich überleben würde. Dreimal war ihr die Gnade gegeben, sich ihrer Wünsche nicht bewußt zu sein und dreimal wurden sie erfüllt. Jetzt aber wünscht sie, heiß und inbrünstig bis zur Tatbereitschaft---. Ruhig, du Stück Leben neben mir, du hast zu hören, was ich sage, denn es sind Schicksalsworte, die man nur ein einziges Mal hört, für die ein hoher Preis gezahlt wird. Warte noch, dann geht der Weg dorthin in den Schatten! — Dreimal erging Befehl an die, die ihr im Wege waren, der Befehl zu sterben. Jetzt ergeht Befehl an Ira, der Befehl heißt diesmal: Halt! Begreifst du, daß ich mich dem Motor in den Weg zu werfen wagte, dem Motor, der über Menschenleiber ging? Ich liebe Ira, ich liebe sie stark genug, — um sie zu sehen, ich kenne sie, wie sie heute ist, böse und fähig jeder Niedertracht bis zur letzten. Denn ich kam zu spät. Ich hätte gekonnt, was sie keiner vermochten! Aus diesen Herrlichkeiten eines Körpers und eines Fühlens, die alle gebannt und bezaubert haben, hätte ich einen Menschen gemacht. Meine Liebe hätte das vermocht, als noch Menschlichkeit in ihr war. Nicht Ansehen, nicht Macht, nicht Geld hätte ich ihr gegeben, wie die anderen. Vielleicht war es jener anderen Schuld, daß sie nicht mehr geben, zu geben hatten! Gut wäre sie geworden, den Motor hätte ich — ich hätte ihn. besiegt! Denn für mich war sie bestimmt von damals her, als wir ein Volk für uns allein gewesen. Nicht Macht und Erfolg, Liebe hätte ich ihr gegeben. Und wohl möglich, daß ein Mehr an Macht und Erfolg, als sie jetzt noch begreifen kann, dieser Liebe gefolgt wäre! Nicht das, nicht das war mir gegönnt. Eine andere Aufgabe habe ich nun zu erfüllen, eine schwerere Aufgabe: zu überleben. Ich bin's, der das Halt für den Motor bedeutet, und dafür allein habe ich Kraft und Fähigkeiten gesammelt in drei schweren Jahren. Menschen lernte ich durchschauen, ihre geheimen Absichten erkenne ich, die Schwächen der Seele liegen mir offen. Nur das unbewußt Böse ist sieghaft. Mir ist Macht gegeben über das Böse, das seiner bewußt ist. Die Kraft des Wortes habe ich, der schwache Seelen nicht widerstehen. Ich habe gelernt zu zwingen, und wenn ich dir befehle: Schlafe und vergiß alles, was ich dir sagte, so wirst du