Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-05-01 · Heft 5 (Mai 1925) · p. Seite 109

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 5 (Mai 1925)
Article
Wir waren fünf
Date
1925-05-01
Page
Seite 109 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912846-2915589--01827-2915678
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MENORAH 109 daß man aus der schönen Wohnung in der ersten Etage in die drei kleinen Zimmer des fünften Stockwerkes zog, daß das Auto nicht mehr vor der Schule wartete und die neue Pelzjacke nicht kam, die ihr versprochen war — was von alledem wirkte so unsäglich stark auf das Gemüt des Kindes? Oder war es jene kleine Szene in der Schule, als ein anderes Mädchen ihr sagte: ,,Weißt du, daß ihr arme Leute geworden seid? Mit armen Leuten soll man sich nicht gemein machen?" „Das ist nicht wahr!" hatte sie böse gerufen — mit Llitzenden Augen, kampfbereit vor dieser ihrer Feindin. Ganz blaß, stumm, mit geballten Fäusten war sie dagestanden und hatte einem Sturm getrotzt, als alle anderen Kinder mit der grausamen Sicherheit dessen, was sie für Wahrheit halten durften, auf sie einschrieen und sie verhöhnten. „Arme Leute! — Schlechte Leute!" — „Es muß doch wahr sein," sagte ihre beste Freundin, „denn nun habt ihr doch keine Telephon mehr." — „Nein, nein, es ist nicht wahr!" — Sie zischte es der ganzen Schar entgegen, im letzten Moment, als die Lehrerin eben eintrat und alle verstummten. — „Was ist nicht wahr?" Die Lehrerin wollte es nun wissen, aber keines der Kinder gab Auskunft, und Ira selbst schwieg auf Fragen und Drängen, sie ließ sich bestrafen und schwieg. Und fürchtete damals doch nur das eine: daß die Lehrerin oder irgend jemand von den Erwachsenen, denen man glauben mußte, weil sie alles besser wußten, bestätigen würde, was nicht wahr sein durfte, um keinen Preis! Damals wohl, in jenen Tagen und Wochen, entstand ihr Ziel, erhielt ihr Wille Richtung und Kraft. Nicht arm sein, nicht verspottet oder bemitleidet werden, sondern reich wie früher, bedient und umworben — ja, das war das Ziel. Nun wollte sie brav und fleißig sein, Aufgaben machen und folgen, dann mußte es gelingen, das hatte man ihr stets so versprochen. Ach, sie glaubte selbst nicht daran, aber in den nächsten Monaten wurde Ira die beste Schülerin der Klasse. Sie hörte viel Lob darüber, hörte es ängstlich, aufgeregt und freudlos — Avar es nun das Richtige so? Würde alles weitere auch kommen, wie sie es wollte oder dachte? Was brauchte sie Lob und gute Zeugnisse, wozu alles das, was sie zu lernen hatte? Es gehörte eben mit dazu, mehr nicht! Vorwärts galt es, zum Ziel! Der Motor war da, er arbeitete in ihr, rastlos Tag und Nacht, im Wachen und im Träumen. Wie beneidete sie damals andere um schöne Kleider, wie hörte sie es mit zusammengekniffenen Lippen an, wenn ihr jemand von den Freuden seines Reichtums erzählte. Kinder prahlen gern. Nun bist du wieder überrascht, daß ich das alles weiß? Von ihr natürlich, die es selbst nicht so weiß, wie ich! Was soll ein alter Mann, der einen Schatz an Jugend hütet, Besseres tun, als erkennen, beobachten — tastend, vorsichtig und stets aufmerksam prüfen, fragen, denken. Ob sie ahnte, was ich da tat und was ich verstand? Gewiß nicht! Was konnte ich ihr sein? Ich schenkte ihr Schmuck und Seide und tausenderlei Nichtigkeiten, Nichtigkeiten für mich. Sie gab mir von ihrem Wesen, nach dem ich durstig war. Ich lernte erraten, wenn sie schwieg und erraten, wenn sie nur ganz wenig sprach, die Liebe machte mich wissend, was sonst als die Liebe konnte das sein? Oder glaubst du, daß man Ira auch hassen könnte? Wenn es das eigene Leben gilt, die harte Notwendigkeit: sie hassen oder nicht mehr leben, — mag sein, daß man Ira hassen kann! Eine andere Kleinigkeit geschah, die unendlich wichtig war. Ich sage, daß sie es war, ich sage nicht: vielleicht. Denn ich habe hier gesehen, scharf und kühl, wie Menschen sonst einen anderen nicht sehen, wie nur der Ingenieur die Konstruktion sieht, wo er nicht irren und fehlen kann, denn er kennt die Kraft der Hebel, die Wirkung der Schrauben und Räder, jeden Fehler vermag er zu berechnen, die Leistung schätzt er ein, und das Versagen weiß er voraus. Sie war wichtig, diese Kleinigkeit, für den Motor, der da entstand, um über Menschenleben hinwegzugehen. Denn ihr, von der ich rede, ihr war die Macht gegeben über Schicksale und Menschen. Später, später erst. Aber du wirst es hören. Da war eines Abends eine Verwandte zu Gast, und Ira wurde schlafen geschickt. Sie ging gehorsam wie stets und horchte an der Tür — wie stets. Sie horchte, wenn es möglich war. Griff sie doch mit allen Nerven und Sinnen nach einem Geheimnis, das man ihr verschwieg! Aus Blicken und Gesten der Erwachsenen FRITZ GROSS PORTRÄT DES MALERS GOTTLIEB wollte sie es erraten. Wie oft, wenn sie scheinbar ganz entrückt dasaß, ein Kind, ein verträumtes Kind, da waren alle Sinne gespannt, um zu hören, zu erfahren. Wenn jener Blick der Mutter ging, jener Blick, den sie so gut zu deuten wußte und der sagen seilte: Seid vorsichtig, das Kind hört zu! dann zuckte es qualvoll in ihrem Körper. Jetzt — jetzt konnte es geschehen, jetzt konnte man ihr verraten, was sie w-issen mußte, und eben jetzt kam das Schweigen. — „Wie schön Ira wird," sagte die Besucherin, als die Tür sich hinter dem Mädchen geschlossen hatte, „wie reizvoü und liebenswürdig! Du hast noch eine große Hoffnung, deine Tochter wird eine Schönheit." „Das braucht sie nicht zu wissen," meinte die Mutter. „Jetzt muß sie lernen, später — ja später!" Aber — sie wußte es jetzt, und ganz überwältigend, ganz unbeschreiblich war dieses Wissen für sie. Was bedeuteten dagegen alle die Versprechungen, die man ihr gemacht, damit sie fleißig und folgsam sei! Dort war er nicht, der Weg! Aber Schönheit, sie wußte es aus ungezählten Andeutungen, aus Büchern, in die sie nur heimlich gesehen, aus Blicken, die sie gefühlt und nicht verstanden: Schönheit war Macht, war wirkliche starke Lebensmacht. Eine der großen Gewalten, die alles vermögen, alles erreichen, war ihr zu eigen. Endlich! Sie hatte ein wunderbar feines Empfinden für den Unterton der Worte, sie war nie im Zweifel über die Aufrichtigkeit des Gesagten. Wie oft hatte sie jener Unterton des Mitleids gequält! Hier, in dem, was sie soeben gehört, da war der Ton der Wahrheit gewesen, den ihr nun niemand mehr wegnehmen konnte. Unerschütterliche Gewißheit hatte man ihr gegeben darüber, daß sie schön war. Ihr Schicksalsweg war vorgezeichnet, ihres Zieles durfte sie gewiß sein. In ihrem kleinen Zimmer stand sie vor dem Spiegel, sie beugte sich vor mit leuchtenden glücklichen Augen und prüfte Zug um Zug ihr schmales Gesicht. Sie wandte und bog den Körper, sie nahm Stellungen an und versuchte es mit anderen. Und dann lag sie mit fiebernden Augen auf dem Bett, ohne sich zu entkleiden. Zukunftsbilder entstanden, ein Leben des Glückes mit allem Schönen und all seiner Macht riß sie in einen Taumel der Phantasie. Sie wußte, sie begriff. Nein, das Lernen war es nicht, das hatte man ihr nur vorgelogen. Aber eine Hoffnung, nein, eine Gewißheit gab es für sie, denn sie war schön. — „Bist du krank, Ira? Du siehst so müde axis?" fragte die Mutter beim Frühstück. — „Nein," lachte sie. „Nun bin ich ja wieder ganz gesund und froh!" Und warf sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.