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Menorah · 1925-05-01 · Heft 5 (Mai 1925) · p. Seite 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 5 (Mai 1925)
Article
Wir waren fünf
Date
1925-05-01
Page
Seite 111 (sequence 4)
Language
German
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M E N O R A H 111 gehorchen, du unbewehrtes Leben. Aber du sollst wachen und verstehen! Nun schweigt die Musik auf der Terrasse, jetzt beugt sich Fürst Narischkin über den Tisch und er küßt Iras Hand. Sie läßt ihm ihre Hand, drei Sekunden lang. Wie er sie liebt! Und sie — in ihm erkennt sie das, was ihre Wünsche erreichen können, den Fürstentitel, die Höhen der Menschheit, Jugend und heißes Lieben. Horcht sie nicht ängstlich auf das Ja des Schicksals, mit dem das alles ihr zu eigen gegeben wird? Hofft sie nicht sehnsüchtig seit langem, es zu hören? Und sie horcht wirklich in dieser Sekunde. Horcht in das Dunkel des Parkes, denn aus diesem Dunkel soll es kommen, das ersehnte Ja. Du — Du sollst ihr es bringen. Noch stehen wir beide im Licht, noch sind wir den Schatten dort drüben fern. Im Licht mußt du dich beherrschen, du mußt! Glaubtest du, ich kannte deine Absicht nicht? Wie kannst du jetzt erschrecken, wenn ich dir sie nenne? Das Ja ihres Schicksals, den Schuß, der mich tötet, das ist es, worauf sie wartet. Glaubst du, ich wäre im Zweifel, was mit jenem Brief eines Selbstmörders, mit jener Zeile: Ich sterbe freiwillig, geschehen ist, die ich Ira gab? Glaubst du, ich könne gar nicht im Zweifel sein, denn ich habe wirklich gesehen, wie ich dir sagte, daß die Flamme das Blatt ergriff? Nun, wo wir wahrer geworden sind zueinander, kann ich dir erzählen, daß ich gut gesehen habe, wie ein Blatt Papier aufflackerte an der Flamme eines Zündholzes und nicht verbrannte. Ich sah es genau, obwohl Ira mich im nächsten Augenblick umarmte und küßte. Sie hatte das ihre getan, sie hatte das Blatt an die Flamme gehalten. Wenn diese Flamme es nicht verzehrt hat, wenn sie nur den Rand ergriff und dann erlosch, so war es ihr Eigentum, dieses Blatt, war ihr vom Schicksal neu gegeben, nicht von mir, und solche Geschenke nimmt Ira an. Nur eine Zeile! Aber wenn man mich morgen damit findet, du mein kleiner Mörder, so ist das Ja für Iras neues Glück gesprochen, und kein Mensch vermag, sie anzuklagen. Dann ist sie frei für Narischkin. Ach, das ist es, was dich schaudern ließ! Ja, frei für ihn, für den anderen, ein Fürstenname lockt sie, nicht der deine. Du bist nur Werkzeug und du weißt, daß ich die Wahrheit sage. Weißt es erst jetzt! Hast du die Blicke nicht verstanden, die ihm, dem anderen galten? Was bedeckst du die Augen? Kannst du die nackte Wahrheit nicht erkennen? Du mußt, du mußt! Du wagtest töten zu wollen und weißt noch nicht was es bedeutet, wenn Iras Hand um zwei Sekunden länger in der Hand eines Mannes bleibt, als in der eines anderen. Um zwei endlose Sekunden länger! Du, der die Pistole in ihrem Dienst in seiner Tasche trägt! Nein, nein, nicht deinetwillen sollte es geschehen. Konnten dich ihre Worte täuschen? Oh diese wunderbaren Worte! „Wärest du früher gekommen, du, mit deiner Reinheit und Opferwilligkeit, alles wäre anders geworden, noch ist es Zeit!" Waren es nicht ihre Worte, die sie dir sagte? Du brauchst nicht zu glauben, daß sie mir davon erzählt hat! Soll der Ingenieur seine Maschine nicht kennen? Das trifft! Stehe doch, stehe! So ist es recht. Halte dich an mich, ich kann dich stützen, so lange du noch eine Stütze brauchst. Warum hast du, du Schwacher, Fremder, dich in diesen Kreis gewagt? Weißt du von den Stunden, in denen ich mein Leben bedrängt fühlte? Nicht von Knaben mit Pistolen, bedrängt von einem Willen, dem noch kein Leben widerstand, was weißt du davon? Was weißt du von der Kraft, die sich in mir dagegen bäumte, der Kraft, die widerstand? Sie widerstand, als mein Wagen stürzte und ich ohnmächtig hinausgeschleudert wurde, sie widerstand, als neben mir der Felsblock niederbrach. Ich taumelte, ich war betäubt, ich stand — und lebte. Das war! Wie oft in diesen Jahren hat sie gehofft wie heute auf eine Nachricht, die nicht kam und nicht kommt. Die Freiheitsbotschaft meines Todes! Und nach überstandener Gefahr hat eine Frau mich umarmt und hat vor Schreck über das, was mir gedroht, geweint. Sie begriff noch nicht, daß ich stets überleben werde, sie glaubte an ihr ungebrochenes Geschick, sie, die längst schuldig war und ihr Geschick verriet. Und ich, der sie in meinen Armen hielt, sie kannte und verstand, ich war gewiß: ,,Nicht du darfst mir mein Urteil sprechen." Dein Urteil aber ist gesprochen. Du Armer, was suchtest du unter uns? Ira? Sie wurde dir alles, Befehl und Schickung, Not- FRITZ GROSS STUDIENKOPF wendigkeit, Gesetz für Leben und Tod. Und nun, da sie dir entglitten ist, muß es zu Ende sein? Ich weiß, ich weiß, es ist zu Ende. Der Motor schont kein Leben. Aber kennst du denn Ira? Die Frau, die jetzt ins Dunkel horcht und dabei Zeit hat, Liebe und Verheißung in ihren Blick für Narischkin zu legen, die Frau ist Ira nicht! Nicht meine Ira, die ich kannte, das ist die Frau, die Ira war, das hier ist eine, die ihr Schicksal überlebte, eine, die schon ihresgleichen hat und eingehen wird in die Gewöhnlichkeit. Hatte mich sonst der Felsblock nicht zermalmt, lebte ich sonst noch in ihrem Weg? Aber auch diese, die Ira war, sie kanntest du nicht. Von ihr wurdest du getäuscht. Weine nicht, du verlierst, was du nie besessen, nur dir zum letztenmal schien sie Ira. Was willst du? Hier, das soll ich nehmen? Ein Blatt Papier, der Rand ist frisch beschnitten. Wie sorgfältig, wie vorsichtig! Ich weiß, er war von einer Flamme verkohlt. Ich nehme es an, das Blatt, ich nehme, was mir das Schicksal wieder sendet. Und sonst hast du mir nichts zu geben? Von zwei Dingen wußte ich, die du mit dir nahmst. Das eine ist dieses Blatt, das andere? — Soll ich dich nun im Leben halten, damit du leidest, was ich litt? Nein, du bist nicht der, der überlebt, ich halte dich nicht. Du brauchst sie selbst, die Pistole, dein Weg führt in den Schatten, nicht zurück. Fürchte dich nicht, Knabe, das Leben wird unendlich schwer für den, der diesen Kreis betritt, es ist für dich zu schwer geworden. Sieh mir ins Auge: Ja, das verrät: du bist im Kreis. Mit dem, was du nun mit dir trägst, lebst du nicht weiter. Du lächelst? Du willst nicht leben? Ach, dieser Wille! Ich wußte, einer von uns kehrt nicht zurück und dieser eine wird glauben, daß es sein Wille ist. Die aber, die jetzt nach ihrer Antwort horcht, wird Antwort haben, die sie nicht verlangt, sie wird staunen und begreifen, wohl auch erschrecken. Kann Ira erschrecken? Doch! Dieses eine Mal, wo der Befehl an sie ergeht, und der Befehl heißt diesmal: Halt! Noch eine Zeile willst du hier schreiben? Du hast Papier und Feder. Der Mond scheint hell genug, so schreibe! Ist das auch alles, dieselben Worte, die Eggbert schrieb, die ich schrieb, sonst nichts? Freiwillig —? An niemand anderen ein Gruß. Bedeutet die große weite Welt sonst nichts, nur sie, nur sie ist da, um deretwillen es geschieht? Nun bist du ruhig und zitterst nicht mehr, nun magst du deinen Weg gehen hinüber in den Schatten. Jetzt klingt sie wieder, die Musik von der Terrasse her, mich ruft sie zurück an meinen Platz. Ich komme — und du gehst. Wir waren fünf. Ihr aber, sie hieß Ira, war die Macht gegeben über jeden von uns".

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