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Menorah · 1925-05-01 · Heft 5 (Mai 1925) · p. Seite 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 5 (Mai 1925)
Article
Wir waren fünf
Date
1925-05-01
Page
Seite 108 (sequence 1)
Language
German
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108 M E N O R A H OTTO SOYKA / WIR WAREN FÜNF „Du hattest recht, hier ist es schöner als dort bei den anderen. Die Abendstille, diese hohen Buchen in ihrer uralten Vornehmheit sind die richtigere Gesellschaft für uns als jene plaudernden Menschen auf der Terrasse. Bis hieher bin ich dir gefolgt, — nun, nicht so schnell! Bleiben wir hier im Mondschein; dorthin in den Schatten, ganz ins Dunkel, kommen wir noch zurecht. Später! Wie deine Locken schimmern, wie bleich du hier erscheinst, wie rasch dein Atem geht! Wäre es nicht besser für dich, wir kehrten zurück? Nein? Keinesfalls? Du bist entschlossen? So mag es denn sein. Auch dorthin gelangst du noch, glaube mir. Später! Hier aber spricht es sich angenehm, hier, wo wir noch die leisen Klänge der Musik von drüben hören können, eben stark genug, um uns zu mahnen, daß wir beide ganz allein sind. Unsere Worte hört niemand, unser Gespräch ist einsam. Alles andere später! Sei deshalb nicht ungeduldig. Geduld lernt sich, du bist so jung, noch nicht zweiundzAvanzigjährig! — Es muß wohl geschehen, wie du es willst. Aber wozu das Hasten? Wir haben unsere Zeit und unser Schicksal, glaube mir, wir eilen ihm nicht entgegen und nicht davon. Macht dich die kurze Frist verstimmt und unruhig? Kein Grund, mein Junge, es geschieht unendlich viel in jedem Augenblick, ahnst du denn, was dir die Sekunde bringen soll, die kommt und der du entgegendrängst? Nur keine Furcht, daß du deine Sekunde versäumst, sie ist so nahe als sie sein muß. Hier auf dem Stein laß mich sitzen, du wirfst dich ins Gras und hörst mir zu. Nicht gern, ich weiß; sei nicht böse, wenn ich schwatze. Was sind Werte? — Versuche, nach den Gefühlen und Dingen zu haschen, nur flüchtige Versuche, vom Moment erzeugt. Sie können irren und mißglücken — oder treffen und wirken. Worte können auch mehr sein als das. Es gibt starke Worte, die Leben nehmen und Leben retten. Schicksalsworte, geladen mit Kraft, sie sind selten und kostbar. — Nein, selbst von dem, was wirklich ist, darüber sprechen wir nicht gerne. Wir sprechen — von was denn gleich? Von Kleidern und Geld, von Politik und Sport, wer aber verrät dir sein tiefstes Denken, sein stärkstes Wollen? Wer läßt dich ins Herz und Hirn blicken? Dann kommt wohl einmal etwas, irgend ein Geschehen, eine Tat, die jäh aus unbekannten Tiefen hervorbricht, die zu dem täglichen Einerlei nicht paßt, dann sprechen auch sie, die Fremden und Fernen, einigemal heftiger als sonst, nicht oft, das Einerlei ist stärker, bald sind die alten Redensarten wieder da, und leere Worte decken Lebende und Tote. Dort, nur einige Minuten von hier, dort ist die Laube, wo man damals Eggbert fand. Mit der Schußwunde in der Schläfe und dem Abschiedsbrief in der Hand. Nur diese eine Zeile: „Ich sterbe freiwillig —Wie wurde Ira damals bedauert! Nach zweijähriger Ehe, nach einem kurzen Glück. Es war wohl Glück, muß Glück gewesen sein? Zwei junge Menschen, die das Leben liebten! Du hast Eggbert nicht gekannt? Er war gut, liebenswürdig, sanft, ein Mensch aus Edelmetall. Ira war wohl die Härtere von den beiden, die Stärkere im Leben. Sie war — eine andere als heute, du hast auch jene Ira nicht gekannt! Wenn ich von ihr spreche, von Ira, die jetzt drei Jahre meine Frau ist, wirst du ruhig und hörst mich an, dann schwindet deine Hast. Ja, ich begreife das, und daß du Ira liebenswürdig rindest, das sehe ich doch! Ich habe meine Freude daran, auch sie weiß dich zu schätzen, oh, sie rechnet mit dir, sie baut auf dich, ich weiß! Ich bin ein alter Mann, könnte fast Iras Vater sein, sie braucht auch Jugend und Tatkraft neben sich, kann nicht leben ohne Geist und Phantasie. Ich bin hart, ein Arbeitsmensch, gehämmert vom Erleben und Erkennen. Reich bin ich, sehr reich nach ihren Begriffen — nicht, daß sie mich deshalb aHein geheiratet hätte, o nein! Was gilt Geld neben Schönheiten des Herzens und des Geistes, die alles für sie bedeuten! Aber sie mag gefühlt haben, daß auch aller Reichtum und alle seine Schönheit ihr eigenstes Recht sind und hat danach gegriffen mit Selbstverständlichkeit, notwendig, weil sie mußte. Für wen sucht der Perlenfischer, für wen gräbt der Goldgräber, wenn nicht für sie? — Nur das eine, daß sie eben meine Frau ist, daß ich der Hüter — oder sagt man Besitzer? — dieses Schatzes bin, das paßt nicht so ganz, nicht so vollkommen für sie. Sie Avar es, die es so gewollt, und ich — ich mußte. Es müssen viele, wenn sie will, und ich hatte eines vor allen voraus, eine Kleinigkeit, ich kannte sie besser als alle anderen. Denn — ich kenne sie, nicht, wie man Menschen kennt, nicht, wie man Brüder kennt, ich kenne sie, wie der Ingenieur seine Maschine, ich kenne die Kraft, die sie beherrscht, jedes Zucken ihrer Wimpern weiß ich zu deuten, jede Welle des Blutes, die ihre bleichen Wangen rötet, verstehe ich. Sie hat es wohl nie bemerkt, sich auch kaum Zeit dazu genommen, aber ich — ich habe Zeit, viel Zeit. In diesen drei Jahren unserer Ehe wußte ich, wenn sie zufrieden war und wenn sie aufhört zufrieden zu sein, ich bin der, der es weiß. Auch damals, als Eggbert starb, er, den sie so sehr betrauert hat, ich wußte vorher, daß seine Zeit um ist, daß sie ihn nicht mehr ertragen kann. Er hatte aufgehört für ihr Leben notwendig zu sein, er mußte fort. Er mußte. Würde ich seinen Weg gehen, wenn meine Zeit gekommen ist? Widerstand gab es noch nicht. In Ira wirkt und treibt die stärkste Kraft des Lebens, nur fremde Kraft, Todeskraft könnte stärker sein. Wer hat die? Vielleicht gibt es Menschen, totbereite, deren Schicksal stärker ist als ihres, ich dachte einmal daran, damals, in den ersten Wochen der Ehe, als ich ihr meinen Brief gab — aber wie willst du davon wissen, den Brief hat sie doch verbrannt! Lachend und scherzend, ich sah es selbst, wie sie das Papier an die Flamme hielt und die Flamme das Papier ergriff. Doch war es ein wertvolles, ein wichtiges Papier für sie! Nun, ein ähnlicher Brief, wie ihn Eggbert schrieb, wie man ihn in den Händen des Toten fand. Ein Abschiedsbrief vom Leben. Warum? Du willst wissen, warum ich ihr ihn gab, diese Zeile: „Ich sterbe freiwillig —"? Sie sollte sich frei fühlen, ganz frei. Nicht gebunden an den Mann, der ihr den Reichtum schenkte und dessen Aufgabe in ihrem Leben eben damit vielleicht schon erfüllt ist. Das wollte ich. Sie sollte nie, auch nicht ganz im geheimen, ihr selber unbewußt, wünschen, daß ich nicht mehr sei. Deshalb rückte ich es ihr so nahe, gab es in ihre Hand, sie brauchte nur zu mahnen — ich war bereit. Und war das Mahnen so schwer? Es brauchte für sie nur den Mut zu wünschen, daß ein Mensch nicht mehr sei. Nur einen klaren Wunsch! Ein unbewußter, ein unausgesprochener, der hätte nicht genügt! Nun staunst du, hast es dem. trockenen Geldmenschen nicht zugetraut, an solche Feinheiten zu denken, wie? Ja, trocken bin ich und hart, das mußte ich werden, aber härter als ich, ist sie und ihr Schicksal. Glaubet du mir nicht, ist das alles zu phantastisch und unwahrscheinlich? Mag sein, daß du recht hast, mag sein, daß ich dich betrüge! Wir beide, du und ich, waren doch einmal Freunde, soweit man Freund ist im heutigen Leben, soweit man Zeit dazu findet. Gut. deshalb will ich ehrlicher sein als bisher. Nein, mein Leben gab ich nicht in ihre Hand, um sie frei zu machen, ich gab es um meiner selbst willen, um es zu bewahren. Denn nun sage ich dir die Wahrheit. Ich will — überleben! Ich will überleben, wo noch keiner überlebte und darf nicht rechnen und nicht feilschen, denn der Motor ist gnadenlos, auch ich muß es sein, muß immer alles wagen, wenn ich nicht alles verlieren will. Da spreche ich wirr. Der Motor — -was ist das? Verzeihe, ich kenne ihn so gut aus meinen Gedanken, daß ich vergesse, daß du nicht von ihm weißt. Sagte ich dir nicht, daß ich Ira, die Schöne, die Gute, die Seelenvolle, kenne, wie der Ingenieur seine Maschine? Das war nicht bloß flüchtig und vergleichsweise gesprochen, die Maschine, der Motor ist wirklich da, er entstand einmal vor vielen Jahren, als Ira ein Kind war. Damals war es, als ihr Vater bankrott machte. Kennst du die Geschichte nicht? Nicht so gut, wie ich sie kenne? Er war ein reicher Mann, er war ehrgeizig und besaß die Gabe, andere an seine Pläne glauben zu lassen. Wäre alles so gekommen, wie er es dachte, so hätte er sich neben die Reichsten unserer Zeit gestellt. Es kam anders, er stürzte, und alle, die an ihm hingen, mit ihm. Ira war ein Kind von zehn Jahren und fühlte den Sturz. Mitschülerinnen, auch die Lehrer änderten den Ton gegen sie. Daß die Mutter soviel weinte,

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