Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-04-01 · Heft 4 (April 1925) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 4 (April 1925)
Article
Unsere Mutter
Date
1925-04-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912845-2915467--01749-2915532
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 M E N O R A H einen Mann, der eine Frau und ein Dutzend Kinder zu ernähren hatte! Er war von einer Frugalität und Enthaltsamkeit, die ohnegleichen war. Schon auf seinen ersten Reisen in Ungarn und Rußland hatte er sich ein Magenleiden zugezogen und ging alle paar Jahre nach Karlsbad. Eine Diät war ihm vorgeschrieben, von der er niemals abwich. Nie ließ er sich hinreißen, von der Mehlspeise, den mehligen Kartoffeln oder dem frischen Hausbrot zu kosten, dessen Duft wir Kinder noch am späten Abend nicht -widerstehen konnten: ins Bett nahmen wir uns oft noch eine warme, weiß bemehlte Brotrinde mit. Armer Vater! Er kannte keine Vergnügungsreisen, kein Kaffeehaus, kein Restaurant —: nur in den ersten Jahren seiner Ehe ging er zuweilen mit der Mutter nach dem Abendessen in das Kunzsche Bierhaus, wo eine Anzahl von Freunden zusammentraf, auf ein Glas Bier — kein Konzert, kein Theater, er kannte nur Arbeit und Pflicht und Religion. Seine Kinder liebte er — ach, wie er sie liebte! Als ihm ein Kind von einem Jahre starb — Cilly — war er in solch grenzenloser Verzweiflung, daß seine Freunde in corpore zu ihm kamen, um ihm Vorstellungen zu machen. Er hielt sie alle für die schönsten und gescheitesten und besten Kinder, die es in der Stadt gab und er war nicht wenig erstaunt und gekränkt, wenn Mutter ein- und das andere Mal wie von etwas Selbstverständlichem von dem Fehler des einen oder des anderen Kindes sprach. Er leugnete sie alle, wollte sie nicht sehen. Mutter war lebensfroh, heiter, hatte Freude an den einfachsten Zerstreuungen, so sehr sie auch in ihrer Jugend verwöhnt worden war; der arme Vater kannte das Vergnügen nur dem Namen nach; er neigte ein ganz klein wenig zur Melancholie, war leicht verstimmt, fiel aber niemand damit zur Last. Während Mutter stets an allen Menschen nur das Gute sah und lobte, ohne mit ihrem klaren Verstand etwaige Fehler zu übersehen, hielt Vater die Menschen mehr oder weniger für unwert, unter Gottes Sonne zu wandeln — man würde aber durchaus fehlgehen, schlösse man daraus, daß er ein Menschenhasser war. Er hatte, im Gegenteil, das weichste Herz von der Welt, unterstützte Bedürftige weit über seine Kräfte — er hatte nur nichts, aber auch gar nichts von einem Lebenskünstler an sich. Und plötzlich fällt es mir schwer auf die Seele: ich erinnere mich absolut nicht, meinen Vater jemals laut lachen gehört zu haben. Er war ein überaus frommer Jude und gehörte zu den geachtetsten Bürgern der Stadt, selbst später, als der Antisemitismus zu unserm tiefen Schmerze auch in unserer lieben Heimatstadt seinen Einzug hielt. Ein integrer Charakter durch und durch, gab er niemals Anlaß zu härterer Beurteilung. Ich muß noch erwähnen, daß Vater eine Eigenschaft hatte, wie sie bei einem Kaufmann wohl selten vorkommt, das war die absolute Gleichgültigkeit gegen das Geld. Er, durch dessen Hände Millionen gingen, er, der ein Dutzend Kinder zu erziehen hatte, fand keine Freude am Geld, sein Sinn stand nicht danach. Er betete zu Gott, er möchte seine Kinder brave, anständige, gottesfürchtige Menschen werden lassen, aber er sagte schlicht: „Die meisten Reichen, die ich kenne, sind hartherzig und haben ungeratene Kinder. Geratene Kinder sind aber das höchste Gut der Eltern — wie soll ich mir da wünschen, reich zu werden? Ich wünsche mir nur, in den gleichen Verhältnissen weiterleben zu können, bis meine Töchter versorgt sind und meine Söhne auf eigenen Füßen stehen." Er sparte nur an seiner eigenen Person. Seine Frau durfte ausgeben, wieviel sie wollte, für die Erziehung der Kinder war ihm nichts zu teuer. Die Knaben besuchten alle das Gymnasium oder die Realschule, die Mädchen die höhere Töchterschule. Wir nahmen Privatstunden in Handarbeiten, Hebräisch, Turnen, Französisch — meine Schwester und ich, wir gehörten zu den ersten, die in B. Englisch lernten, wir waren es auch, die unserer Direktorin keine Ruhe ließen, bis sie das Englische als obligaten Gegenstand an der Töchterschule einführte; derselbe Lehrer, der die Kinder des Fürsten Sulkowsky unterrichtete, gab auch uns Klavierstunden; sogar Gesangstunden nahmen wir. Man bedenke, daß das vor vierzig Jahren und in einer Stadt von 15.000 Einwohnern war. Vater rauchte stets eine billige Zigarre oder die Pfeife; als ihm später seine Söhne das feinste Kraut ins Haus schickten und ihn baten, sich's zu vergönnen, steckte er sich nur am Samstag abend eine gute Zigarre an, nachdem er sie vierundzwanzig Stunden entbehrt hatte. Vater ging nicht in den Tempel, in dem Orgel gespielt wurde und ein gemischter Chor Lechodaudi sang; das war unvereinbar mit seinen Begriffen von Andacht. Mutter, die gern in der Synagoge singen und die Orgel spielen hörte, ging natürlich trotzdem auch in „Schul", die auch mir unvergeßlich bleiben wird, denn auch wir Mädchen kamen als Kinder, Avenn die Eltern an den hohen Feiertagen fast den ganzen Tag dort zubrachten, zwei-, dreimal des Tages hin; später mußten wir auch drin beten. Vater war „Gabbe" (Vorsteher) und einer der angesehensten. Vor allem, weil er überhaupt geachtet und seine wahre, unerschütterliche Frömmigkeit bekannt war, dann aber auch, weil er eine so schöne Stimme hatte: es war ein Fest, wenn er „vorbetete". Er war von zarter Gesundheit und in späteren Jahren ließ Mutter es absolut nicht zu, daß er sich so übermäßig anstrengte, denn er sang nicht nur aus voller Brust, sondern mit einem inbrünstigen, heiligen Eifer das Lob seines Gottes. Er kam immer in Schweiß gebadet nach Hause. Wenn er aber auch später ausnahmsweise sang, dann war die „Schul" zum Erdrücken yoII, sowie es bekannt wurde. So sehr er uns Kinder auch liebte, er war nie demonstrativ, fast noch weniger als Mutter. Desto tiefer rührte es mich, als er mich gar nicht fortlassen wollte, wie ich das letztemal von ihm Abschied nahm. Wir hatten mit unseren Kindern das Jahr in England verbracht und waren im Frühjahr von dort direkt in die Heimat gefahren. Mutter hatte uns nach London gesehrieben, ob wir nicht den Sommer auf dem Lande in der Heimat verbringen wollten, und da mein Mann sofort einverstanden war, da auch er sehr an meiner Heimat hing und da überdies unsere alte liebe Wohnung — in einem Bauernhause — zu haben war, so schrieben wir freudig ja. Wir hatten zwar schon in Bournemouth gemietet, weil wir so gern noch einmal an die See gehen wollten, aber die Sehnsucht nach der Fleimat wurde immer heftiger und so sagten wir telegraphisch in Bournemouth ab und dampften so rasch als möglich der Heimat zu. Ach, wie das wohltat, wieder bei Muttern zu sein! Da Vater uns sehr erholungsbedürftig vorkam, bestimmten wir ihn, den ganzen Sommer mit uns draußen zu bleiben. Da fühlte er sich wohl, freute sich an den Kindern, machte kleine Spaziergänge mit uns und kehrte erst im September wieder nach Hause zurück. Wir mußten nach Wien. Immer wieder hielt er mich zurück, als ich fortwollte, so daß ich mir im stillen schon dachte, wir würden den Zug nicht erreichen. „Ich komm ja bald wieder, Vaterlc", sagte ich, als er mir noch durch das Vorzimmer und Vorhaus bis an die Treppe nachkam; und Mutter, die uns zur Bahn brachte, neckte ihn und sagte: „Es ist ja kein Abschied auf ewig!" Darauf der arme Vater: „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn's hoch kommt, sind es achtzig Jahre. Ich bin fast siebzig. Ihr seid in Wien, ich bin hier — gar so oft werden wir uns wohl nicht mehr sehen." „Wie ich übersiedelt und ein bissei in Ordnung bin," versprach ich ihm noch, „komme ich wieder her, Vaterle. Wirst schauen, im Oktober bin ich wieder da!" Ich w a r im Oktober wieder da. Am 12. Oktober, knapp nach unserer Übersiedlung, erhielt ich mitten in der Arbeit ein Telegramm, das mich nach Hause berief. Vater war krank. Die Krankheit währte nur einige Tage. Er klagte des Nachts, als man bei ihm wachte, ob denn alle seinetwegen krank werden wollten und bat uns fortwährend, doch zu Bett zu gehen. Er schlummerte schmerzlos hinüber, „wie ein so frommer Mann," sagte jeder, der ihn gekannt hatte, „es verdient." Am 16. begruben wir unseren Vater. Bevor der Sarg hinausgetragen wurde, versammelten wir uns alle im Sterbezimmer und Mutter ermahnte uns mit gebrochener Stimme, ihr eines zu versprechen: immer zusammenzuhalten, einer für alle, alle für einen, so daß die älteren Geschwister den jüngeren den Vater ersetzten. Wir gelobten es alle und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Wenn wir auch zuweilen aneinandergeraten, wir halten zusammen wie selten eine Familie, gute Freunde behaunten, wie keine andere. ..Die Klettenfamilie" hat uns Tante Sofie Sch. in Leipzig scherzhaft genannt. Das ist kein Schimpfname. Zwei Schwestern hatten beim Begräbnis gefehlt: Jenny, die in Frankreich, also zu weit weg war und Siddv, deren erstgeborenes Kind erst drei Wochen alt war. Einige Wochen konnte man ihnen Vaters Tod verheimlichen, dann mußte man ihnen die Trauerbotschaft mitteilen. Jennv hatte ihren Mann krank, aber Sidcly wollte durchaus nach Hause. Darauf schrieb ihr Mutter: „Meine lieben Kinder! Wenn Du. lieber Sohn, dafür bist, daß die 1. Sidcly herkommt, so habe ich natürlich nichts dagegen. Erst jetzt komme ich zu dem Bewußtsein, was für einen Verlust wir erlitten haben. Es ist selbstverständlich, daß ich in einer so schweren Zeit das Bedürfnis habe, meine Kinder um mich zu sehen, ich habe aber schon lange, lange nur dann einen Wunsch, wenn derselbe keinen Nachteil für meine Kinder mit sich bripgl. Du darfst, mein armes Kind, niemandem Schuld geben, daß Du nicht gerufen wurdest, dazu war keine Zeit. Donners-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.