Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 93 Unsere Mutter Voll A. K. (1. Fortsetzung) 2. Kapitel. VATER. Ihr Gatte war der Wollhändler Salamon W., der in L. in Galizien geboren wurde und in B. lebte und starb. Er erzählte uns voller Stolz, daß er in direkter Linie von dem berühmten Gelehrten Rabbi Mordechai Joffe abstammte; unser Großvater, den wir Kinder nicht mehr gekannt haben, hieß Rabbi Jedidje Joffe. Der älteste Sohn, ein prächtiger, schöner, gescheiter Mann, den ich noch gekannt und sehr liebgehabt habe, hieß Israel Joffe, die jüngeren Brüder führten schon den Namen W., weil sie sonst nicht alle hätten heiraten dürfen: so umging man das Gesetz, das damals nur einer beschränkten Anzahl von Söhnen einer Familie die Ehe gestattete. Vater war in allen talmudischen Wissenschaften wohlbewandert: er hätte eigentlich Rabbiner werden sollen. Aber er war auch sonst ein gebildeter, ungeheuer belesener Mann, in der Geschichte so beschlagen, daß wir immer wieder staunten: er wußte viel mehr als in unseren Lehrbüchern der Geschichte darin stand. So erinnere ich mich, wie er gelegentlich der Lektüre der Novelle „Die Prinzessin von Wolfenbüttel" von Zschokke, die das Leben der Großfürstin Christine von Rußland behandelt, die ganze Genealogie der braunschweigischen Dynastie entwickelte. Die Geschichte Napoleons kannte er bis ins kleinste. Aber ihn interessierte fast alles nur im Zusammenhang mit dem Judentum. Das war ihm der Kern jeder Sache, so wenig Berührungspunkte mit dem Judentum sie einem unbefangenen Auge auch bieten mochte. Die Kinder wurden privat im Hebräischen unterrichtet, auch die Mädchen; der Volksschullehrer Löwy, ein würdiger, kluger, guter, nur etwas jähzorniger Mann, gab uns zweimal wöchentlich Privatstunden. Wir Mädchen waren jede die Beste in unserer Klasse, und auch das Hebräische fiel uns nicht schwer. Wir lernten freilich keine Grammatik, nur Übersetzen; Vater wollte, daß wir auch verstünden, was wir beteten. Der Lehrer war sehr erfreut über den Ernst, mit dem wir lernten: gar oft verhieß er meiner älteren Schwester Rosa die beneidenswerte Zukunft einer Rabbincrin in Amsterdam, mir prophezeite er, ich würde Rabbinerin in Breslau werden. Wir hatten, wenn wir auch damals noch Kinder waren, sehr wohl Verständnis für die herrliche Sprache der Bibel, und wir konnten Vater keine größere Freude machen, als wenn wir einmal von einer besonders kraftvollen Stelle schwärmten. Als Rosa in die erste Klasse der Töchterschule eintrat, in die ich ihr ein Jahr später folgte, war unsere hebräische Ausbildung vollendet: wir konnten jede Stelle im Gebetbuch fließend übersetzen, ganze Gebete wußten wir auswendig. Ich kann mich nicht erinnern, von Vater je die geringste Strafe erhalten zu haben: das Schlimmste war, wenn er uns grimmig ansah — dann aber verwandelte sich der erkünstelte Zorn immer in ein Schmunzeln — das wußten wir Schelme natürlich sehr gut. Oder er riß sich das schwarze Samtkäppchen, das er im Hause stets trug, vom Kopf und versetzte dem Missetäter einen leichten Schlag damit. Armer Vater! Trotz der bildhübschen Frau, die er innig liebte, trotz der blühenden Kinderschar, die im großen und ganzen geraten war, wie man es sich nicht besser wünschen konnte, trotz der guten, behaglichen Verhältnisse, in denen er lebte — er war kein reicher Mann, aber er hatte reichlichen Verdienst — hat er eigentlich keine rechte Lebensfreude gekannt: er war kein Lebenskünstler und seine Hoffnungen gingen ihm nicht in Erfüllung. Er hätte am liebsten alle seine Söhne Rabbiner werden lassen und die Töchter an Rabbiner verheiratet oder wenigstens an fromme Männer: das ist ihm nicht geglückt. Die beiden ältesten Söhne, Leopold und Moritz. wrurden in ihrer zartesten Kindheit nach Ungarn geschickt, wo sie bei einem sehr frommen, gelehrten Onkel Gottes Wort lernen sollten. Sie blieben auch ein paar lahre dort, aber der ältere trat dann ins Privatgymnasium, der jüngere in die Realschule ein. Anfangs durften sie am Samstag die Schule nicht besuchen; als das zu Unzukömmlichkeiten führte, gingen sie wohl hin, aber es war keine Rede davon, daß sie am Samstag schreiben durften. Ich erinnere mich noch, was für Aufsehen es machte, als die schriftliche Matura des jüngeren Sohnes verschoben wurde, weil sie auf einen Samstag fiel und mein Vater erklärte, sein Sohn dürfe nicht daran teilnehmen. Vater kannte keine Zerstreuungen, kein Vergnügen. Er war sehr musikalisch, hatte als Knabe auch die Geige spielen gelernt, mußte es aber später aufgeben. Er hatte eine sehr schöne weiche Tenorstimme und es war jedesmal ein Fest für uns Kinder und auch für die Mutter, wenn er sich bewegen ließ, ein schlichtes Lied wie ,,Fern im Süd das schöne Spanien", oder „Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand" oder eine Arie aus einer Meycrbeerschen Oper zu singen — die modernen mochte er absolut nicht. Es rieselte uns kalt über den Rücken, wenn er sang: „Mordet sie! Brennet sie!" (aus dem „Propheten" von Meyerbeer) . In seiner Jugend hatte er zuweilen auch die Oper in Wien besucht; später kam er nur selten in die Großstadt und in unser kleines Stadttheatcr zu gehen, dazu war er nicht zu bewegen. Er spielte weder Karten, noch sonst ein Spiel, obzwar er Schach verstand und darunter litt er wohl später. Seine einzige Freude war ein gutes Buch: er las oft bis in die späte Nacht hinein. Diese Überanstrengung rächte sich; auf einer Geschäftsreise erkrankte er in Breslau an einer Augenkrankheit, wie sie sich sonst nur Gelehrte zuziehen und mußte in der Klinik des Professors Cohn Heilung suchen. Er gesundete zwar nach ein paar Wochen, aber er durfte bei künstlichem Licht nicht mehr lesen, tagsüber hatte er keine Zeit dazu, und so verfügte Mutter, daß jeden Tag ein anderes Kind ihm die Zeitung und nachher noch ein Buch vorlas. Armer Vater! Wenn ich so sein Leben an mir vorüberziehen lasse, so fällt es mir schwer aufs Herz, wie sehr es nur Mühsal und Arbeit gewesen war, wie wenig Genuß er davon gehabt hatte. Er sollte noch eine bittere Enttäuschung erfahren: sein blühendes Geschäft, das er auf eine solche Höhe gebracht hatte, ging langsam ein, weil keiner seiner Söhne Lust hatte, sich daran zu beteiligen oder gar, es ganz zu übernehmen. Er war bis ins späte Alter ohne Rücksicht auf die Strapazen und Entbehrungen, die ihm schon aus seiner Frömmigkeit erwuchsen — in Ungarn, wohin er zur Wollschur fuhr, lebte er wochenlang nur von Brot, Eiern und Milch, ebenso in Rußland — unermüdlich in seinem Geschäft tätig gewesen; er war der erste österreichische Wollhändler, der australische Wolle auf den Markt brachte und ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß es keinen Zweiten in meiner Heimat gegeben hat, der ein solcher Wollkenner gewesen wäre wie er. Ich erinnere mich, daß er nur ein winziges Stückchen Wolle zu prüfen brauchte, um angeben zu können, das sei eine Potozkyschc Wolle aus dem oder dem Gouvernement, oder um mit größter Sicherheit bestimmen zu können, wieviele Prozent sie, gewaschen, geben würde. Gar oft fragten ihn Bekannte um Rat, bevor sie ein großes „Los" kauften und die Fabrikanten wußten sehr gut, wie zuverlässig seine Angaben waren. Mußte es ihn da nicht schmerzen, wenn die mühsame Arbeit von fünfzig Jahren in Rauch aufgehen sollte? Er führte sein Geschäft — mit Ausnahme von wenigen Jahren, wo er einen Kompagnon hatte — ganz allein, schrieb alle seine Briefe, führte seine Bücher allein; erst in den allerletzten Jahren hatte er einen Buchhalter. Welche Leistung für