Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Das Wadi W
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 89 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912840-2912845-2915459--01731-2915527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MENORAH 89 waren. Es war ihm geradezu unmöglich, eine andere Lösung der Judenfrage als auf dem Boden Altneulandes nur zu diskutieren. Wenn er hörte, wie Gesinnungsfreunde Argumente gegen den Zionismus zu entkräften versuchten, deuchte ihm dies eine unnütze Spielerei. Gut, es gibt Gegner, Verständnislose, man muß sie durch die Tat beschämen. Am Erfolg zweifelte er keine Minute. Die Eindrücke, die er in Palästina empfing, hätten ihn einigermaßen enttäuschen müssen. Er bemühte sich, nichts zu sehen und zu hören, was seinen Theorien und Hoffnungen entgegenstand. Übrigens schien er sich vollkommen gerechtfertigt, wenn er nur den „philanthropischen" und „bürgerlichen" Zionismus verwarf und nunmehr die Kolonisation Palästinas auf sozialistischem Wege, der ihn ja immer angezogen, den er aber kaum jemals durchdacht hatte, zu verwirklichen glaubte. Diese Entwicklung nahm Jahre in Anspruch und erfolgte so allmählich, daß der Gesinnungswechsel überhaupt nicht fühlbar wurde. Doch von allem Anfange an, von den ersten Monaten, die er in Palästina verbrachte, zwang ihn der Umstand, daß ihn die Mittel des Zionismus in Palästina ideologisch nicht befriedigen konnten, seiner wahren Leitidee zu folgen: aus sich und allen Menschen einfache russische Bauern zu machen. Er blieb ja nicht vereinzelt, wenn er mit der Zionsliebe ein Muschikideal verband. Auch bemerkte er nicht den Widerspruch zu seiner sozialistischen Orientierung. Vielmehr war ihm die Rückkehr zum einfachen Leben Vorbedingung für eine gesunde Kolonisationsbewegung und Grundlage des Sozialismus. Er übersah völlig die industrielle Basis des marxistischen Programms, mit dem er sich nach und nach irrtümlich identifizierte. Ebenso, daß Kropotkin ausdrücklich mit intelligenten beweglichen Menschen unter Zuhilfenahme höchstintensiver Landwirtschaft und Gartenkultur das „Brot erobern" wollte. Bei allem würde man sich sehr täuschen, wenn man sich ihn als Freund der Diskussion, als eifrigen Leser sozialistischer und revolutionärer Literatur, als Grübler vorstellen würde. Ihm war jeder Gedanke Axiom, Dogma, der nach der erfüllenden, erlösenden Tat schrie. So ging er denn bald nach seiner Ankunft im Lande in eine der getreidebauenden Kolonien Untergaliläas — die Pflanzungen Judäas verachtete er — um dort als Knecht die Wirtschaft von Grund aus zu erlernen. Er war hocherfreut, als sich ihm die Möglichkeit bot, bei einem „echten" Bauern, einem russischen Ger (Konvertiten) Arbeit zu finden. Nun zeigte sich seine gewaltige Energie. Er zwang seinen arbeitsungewohnten Körper vom frühen Morgengrauen bis in den sinkenden Abend zur Tätigkeit und hatte eine außerordentliche Genugtuung daran, daß er mit der Zeit allen Anforderungen gewachsen war, geschickt und flink die nötigen Handgriffe ausführte und sich als tüchtiger Knecht erwies, um den mancher Bauer seinen Herrn beneidete. Er wurde ungemein still, beteiligte sich jedoch bei gelegentlichen Lustbarkeiten, weil dies dazugehören mochte. Wenn er aber auf seinem Maultiere zur Pflugarbeit am tauigen Morgen hinausritt, dann summte er ein Lied, wohlgelaunt und innerlich befriedigt. Er nahm die Manieren seines Bauern an und fühlte rieh schließlich, schon ohne bewußte Nachahmung, in jeder Beziehung wie ein geborener Landarbeiter. So verwahrte er in seinem Koffer ein Dutzend neue Taschentücher, die man ihm einmal mit anderen nützlichen Dingen von daheim gesandt hatte, in ihrer Schachtel, ohne sich ihrer zu bedienen, kramte sie immerhin zuweilen hervor und betrachtete sie, ob sie nicht Schaden gelitten. Er war dem Bauern treu und gehorsam, die Saisonarbeiter beaufsichtigte er strenge und hätte sich schwer beleidigt, hätte ihm jemand vorgehalten, daß auch dies mit den Ideen von Gleichheit und Verbrüderung nur schwer vereinbar sei. Sechs Jahre verbrachte er bei dem Ger. Die Kriegswirren verursachten allerdings eine vorübergehende Unterbrechung: er mußte als Zivilkutscher dem österreichischen Train folgen. Auch hier erwies er sich als überaus brauchbar, denn es war ihm zur Natur geworden, alle Arbeiten ordentlich durchzuführen. Er war geradezu dankbar, außerdem gewisse andere Methoden der Pferdepflege zu lernen, doch glaubte er sich als Muschik nicht verpflichtet, tägliches Pferdeputzen als wirklich unumgänglich zu betrachten. Etwa ein halbes Jahr nachdem er zu dem Ger zurückgekehrt war, gründete er mit einigen Freunden eine Gruppe landwirtschaftlicher Arbeiter, die von einer Kolonisationsgesellschaft einen Wirtschaftshof mit dem dazugehörigen Boden in Pacht nahm. Als besonderer Kenner der sogenannten „arabischen" Methoden des Getreide- und Hülsenfrüchtebaues erwarb er rieh unter den Genossen eine geachtete Stellung. Diese hinwiederum stellten fast durchwegs andere Charaktere vor. Es gab da romantische Abenteurer, die schon viele Jahre im Lande als Wächter herumgezogen waren, ehe sie sich zur Bodenarbeit und relativen Seßhaftigkeit entschlossen. Andere, die sich hauptsächlich geistig oder politisch betätigten, die sich mit der hebräischen Sprache und ihrer Literatur, sozialwissenschaftlicher oder philosophischer Lektüre befaßten oder in den großen Cliquen, die sich innerhalb der knapp tausend Köpfe zählenden palästinensischen Arbeiterschaft gebildet hatten und die sich als Parteien gebärdeten, eine Rolle spielten. Im Interesse der Partei blieben sie der Kwuzah oft monatelang fern. Weilten sie am Platze, waren sie im allgemeinen mehr dazu geneigt, eine Anzahl Stunden im Tage bei den Pflanz- und Schwerarbeiten in den neuangelegten Frucht- und Nutzbaumhainen zu verbringen und im übrigen frei und unverpflichtet zu bleiben, als verantwortliche Stellen in Ackerbau und Wirtschaft einzunehmen, die Monate hindurch ständige Wachsamkeit erheischten. Einzelne vervollkommten sich in modernen Methoden der Milchwirtschaft, des Gemüsebaues, der Geflügel- und der Bienenzucht und bemühten sich, diese Zweige auf die Höhe zu bringen. Gegenüber allen diesen bewahrte Schabsei sein Muschikideal. Er richtete sein Augenmerk auf Saat und Ernte des Getreides und entfaltete seine ganze Willenskraft, auf die Genossen einzuwirken, daß sie sich diesen Arbeiten in der erforderlichen Weise widmeten. So, wie er gegen sich hart und strenge war, war er es gegen andere. Er verlangte vollkommene Ergebenheit a:i die Arbeit und. wollte keine Halbheiten dulden. Auch, wenn er sonstwo in der Wirtschaft eine Lauheit und Nachlässigkeit bemerkte, legte er sich ins Mittel. Es war heute abends tatsächlich nicht zum erstenmal, daß er durch sein eigenes Beispiel zu überzeugen trachtete, aber er hatte dies sonst nicht ausgesprochen. Er war heute in der Angelegenheit der Milchabfuhr eher nachgiebig gewesen. Erst die Schlaffheit des größten Teiles der Genossen hatte ihn gereizt und er war dann gewohnheitsgemäß für die Durchführung unter allen Umständen eingetreten und hatte sich ohne weitere Überlegung exponiert. Was hatte aber seine ursprünglich weichere Stimmung veranlaßt? Wie erwähnt war er zwar wider den Willen seiner Eltern nach Palästina gefahren, trotzdem hatte er sich mit ihnen niemals eigentlich entzweit. Die ablehnende Haltung der Eltern ent-