Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Das Wadi W
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
- Safed 1× ep/1046078
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88 MENORAH Schon seit längerer Zeit hatten ihn die häufigen Fieberanfälle geschwächt und entnervt. Im tiefsten Grunde seines Herzens hatte er den Glauben, ein Leben der Arbeit in dem geliebten Lande führen zu können, verloren. Noch wagte er aber nicht, dies sich und anderen einzugestehen. Und er haßte das Fieber, das sich bei ihm so unausrottbar eingestellt halte, wie einen persönlichen Feind. Einen Feind, der viel stärker war, dem er sich unterwerfen mußte oder vor dem er fliehen hätte müssen, weit fort in andere Klimate, wo Heilung leichter möglich war. Kaspi wollte nicht fliehen, wollte sogar keine leichtere Beschäftigung suchen. Es war auch fraglich, ob er eine solche gefunden hätte, denn trotz seines bald dreijährigen Aufenthaltes im Lande, kannte er dessen Lebensbedingungen außerhalb der Gemeinschaften, die dem Doppelzwecke Landwirtschaft und Gründung einer neuen Gesellschaft der Menschen, dienen sollten, nicht. Dies war ihm nicht unbewußt, er sah sich gefangen und aller Auswege beraubt. Krank und gereizt brach er in stille Tränen aus. Dies beruhigte ihn ein wenig; er schlief ein, doch erfüllten ihn schreckhafte Bilder: der Rebbe im Cheder schlug ihn; ein betrunkener Soldat bedrohte seinen Vater im Kramladen; er nannte bei der Grenzüberschreitung seinen wahren Namen, Silberfeld, während der Paß auf „Krenizki" lautete. (Als er dann nach Palästina gekommen war, hatte er seinen Namen auf Kaspi hebräisiert und war dadurch sowohl der nationalen Forderung nachgekommen, als auch der Unwahrheit ledig worden.) Ein heftiger Schreck durchzuckte ihn und er wachte auf. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, nicht ohne Anstrengung fand er den Weg zur Wirklichkeit, erkannte das Zimmer und tröstete sich nun, im Lande Israel zu sein. Die Schläfen pochten und die Ohren sausten im Fieber, doch kleidete er sich an, ging aus dem Zimmer und versuchte, einen ausgetretenen Pfad zum benachbarten Häuschen zu finden. Dort trat er in das gemeinsame Eßzimmer der Genossen. Es war schon ziemlich spät und es saßen nur zwei Kameraden beim Tisch, die noch Tee tranken. Jedoch berieten hier die drei Mitglieder der gewählten Verwaltung über den bevorstehenden Anbau. Noch einige andere Genossen beteiligten sich an dem laut geführten Gespräche, dessen Gegenstand demnächst einer allgemeinen Versammlung vorgelegt werden sollte. Kaspi trat zu ihnen und sagte: „Die Wege werden grundlos, das Wadi W. ist ungewöhnlich wasserreich, man kann morgen die Milch nicht nach Safed führen." Niemand achtete aber auf ihn und seine Worte. Er wandte sich nun besonders an Gabrieli, der die Arbeit im Rinderstalle und den Milchversand leitete. „Was? Unerhört! Was machen wir denn mit der Milch?!" Nun wurden auch die anderen aufmerksam. „Wir haben den Kontrakt mit dem Spitale, wir müssen ihn ausführen!" „Wir können den Ertrag des Milchverkaufes in S. nicht entbehren!" „Gut, mit dem Wagen fährt man schon drei Wochen nicht, aber daß man nicht reiten könnte . . ." Kaspi senkte unter diesem ßturm entrüsteter Anrufe den Blick und wiederholte leise: „ Ich kann nicht, niemand kann . . ." Da schrie Antkin, der die Kasse verwaltete: „Du mußt, es ist deine Tour!" „Es ist auch meine Tour zum Fieber", entgegnete Kaspi bitter und wandte sich ab. „So geh zum...! Wer kommt nach ihm? Levi hat die Wache. Lubliner ist gleichfalls krank. Also Ben-Moscheh! Abrascha, verständige ihn." Abrascha setzte seinen Teetopf auf den Tisch: „Ich glaube, Kaspi hat recht; solche Regen hat es voriges Jahr nicht gegeben. Mit Gewalt läßt sich nichts machen!" Einzelne, die unterdessen sich eingefunden hatten, um die Ursache des Streites zu erfahren, äußerten ähnliche Ansichten. „Wir können die Milch noch allein konsumieren." „Wir können Butter schlagen! Wenn der Regen nur einen Tag nachläßt, kann man wieder nach S. reiten, die Butter ist auch verkäuflich." „Es ist aber ein Verlust", schrie Antkin. Erregt antwortete nun Abrascha: „Du hörst aber doch, die Fahrt ist unmöglich." Nun sprang Schabsei Gurwicz auf, dessen Meinung in Fragen des Getreidebaues stets kaum angefochten galt: „Unmöglich ist nur, dieses Gequatsche anzuhören! Ihr seid selbst aus Butter! Hier ist kein Platz für Muttersöhnchen! Wer an der Tour ist, bringt die Milch nach S." „Ich bin an der Tour, bin kein Neuer, sicher nicht aus Butter, hab' manche Regennacht auf dem Rücken meines Pferdes gewacht. Ich sage dir, es ist wirklich ein Ausnahmswinter. Ich bleibe morgen zu Hause und die Milch wandert in den Separator", mischte sich erst jetzt Ben-Moscheh, der unter den neu Hinzugekommenen war, in die Debatte. „Also reite ich, es ist leider nicht zum erstenmal, daß ich den Genossen zeigen werde, daß kein Ding dem Willen widersteht", antwortete Schabsei auffallend ruhig. Die Genossen verstummten. Ben-Moscheh nur erwiderte unsicher: „Es ist kein Unglück, wenn einmal unser Maultier in S. ausbleibt. Laß ab!" „Übrigens hört der Regen auf", ließ sich noch Gurwicz vernehmen, der sich schon versöhnlich gestimmt fühlte. * Tatsächlich hatte sich der Himmel ein wenig aufgeheitert und einige Sterne waren sichtbar, als man zu den Fenstern hinausblickte. Man begab sich zur Nachtruhe. Auch Schabsei ging schnell in sein Zimmer, wo bereits zwei Mitglieder der Kwuzah schliefen. Schabsei Gurwicz entstammte einer reichen angesehenen Familie einer südrussischen Gouvernementstadt. Knapp vor Beendigung seiner Gymnasialstudien fuhr er wider den Willen seiner Eltern über Odessa im Zwischendeck nach Jaffa. Er war fast häßlich zu nennen, sein Körper fast schwächlich. Doch besaß er einen eisernen, unbeugsamen Willen. Die Richtlinien, denen er bei seinem Entschlüsse, sich im Lande Israel niederzulassen, folgte, waren: Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Väterlande und die Rückkehr zur natürlichen Lebensweise und zur Feldarbeit. Letztere Forderung stellte er nicht nur an sich und sein Volk, sondern an die ganze Menschheit. Immerhin fühlte er sich nur als einen Anhänger der zionistischen Bewegung. Kropotkin und Tolstoi kannte er wohl, glaubte sich aber ihnen nicht verpflichtet. Und nicht mit Unrecht. Zwar wollte er Ideologe sein, gleich diesen fürstlichen Russen und des letzteren Gestalten, jedoch er kannte keine Zweifel — wenigstens solange er nicht in Palästina war. Er dachte überaus einfach und geradlinig und es kostete ihn keine nennenswerten inneren Kämpfe, das Elternhaus im Streite mit Vater unter Tränen der Mutter zu verlassen. Es erschien ihm durchaus unverständlich, wie seine Thesen, für die er so wenig Gründe brauchte, nicht Allgemeingut der Judenheit