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Menorah · 1925-04-01 · Heft 4 (April 1925) · p. Seite 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 4 (April 1925)
Article
Das Wadi W
Date
1925-04-01
Page
Seite 90 (sequence 5)
Language
German
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90 M E N O R A H stammte eben nur der Liebe zum einzigen Sohne und jüngsten Kinde neben zwei älteren Schwestern. Sie hielten es für töricht und widersinnig, den Erben des Geschäftes in die Fremde ziehen zu lassen. Allerdings waren schon früher einige junge Leute aus guten Häusern der Stadt nach Erez Israel gereist, um sich dort niederzulassen und so empfanden die Bekannten und mit ihnen bald die Eltern den Schritt Schabseis nicht als besonders außergewöhnlich und sie hofften auf eine glückliche Lösung. Er schrieb wohl nicht häufig, doch regelmäßig; seine Briefe erweckten den Eindruck, daß er von seinem Aufenthalte durchaus befriedigt war. Als er schon der Kwuzah angehörte, kehrte er für ganz kurze Zeit in die Heimat zurück und freute sich des Wiedersehens mit Eltern und Schwestern, die beide schon verheiratet waren und deren Männer in dem großen Geschäfte, das auch nach dem Kriege blühte, tätig waren. Alle bemühten sich, ihn im Elternhause zurückzuhalten, er blieb aber irgendwie fremd und mit allen Fasern seines Herzens zog es ihn nach Erez Israel. Er fuhr dahin zurück, weil es ohne ihn überhaupt nicht ginge, wie er in Selbstironie scherzend zu sagen pflegte. Seine Mutter vor allem war nach der überstürzten Abreise in ständigen Briefen bemüht, ihn in die Heimat zu berufen und begab sich schließlich mit einer Gruppe Touristen ins Land, um ihren Sohn aufzusuchen. Ihre Anstrengungen scheiterten, sie mußte allein umkehren. Schabsei war diesmal nicht so glücklich, alle widerwärtigen Gedanken zu verscheuchen und sich auszureden. Die mögliche Bedeutungslosigkeit aller seiner Plage trat ihm vor die Augen und der Umstand, daß er sich für das Leben im Galuth unfähig fühlte, war ihm keineswegs ein Trost. Vor vierzehn Tagen hatte er die Mutter zum Schiffe begleitet und war im Innersten tief gerührt, die alternde Frau einsam die Rückreise antreten zu lassen. Noch hatte er das seelische Gleichgewicht nicht gefunden und war sehr bedrückten Herzens. Während er warme Unterwäsche für den morgigen Tag zusammenstellte, dachte er kaum an sein Vorhaben, nur an das Zusammensein mit Mutter mit den vielen unausgesprochenen Worten. Als er die Lampe löschte, rauschte von neuem der Regen auf die Ziegeldächer. Das Firmament erhellte sich unter zuckenden und flächenden Blitzen. Die Konturen der Berge traten hervor, um sich hinter schwarzen Wolkenfetzen zu verbergen. Wütende Donnerschläge folgten einander unaufhörlich. Der Wächter kontrollierte die Ketten des aufgeregten Viehes, das das Wiederkäuen eingestellt hatte. Kaspi sprach im Fieberschlafe und murmelte mit dem leise gewordenen Regen: „Ich kann nicht, niemand kann!" Und der Chederrebbe antwortete mit Donnerstimme: „Ein jüdischer Junge muß können!" Chajah, Antkins schwangeres Weib richtete sich im Bette auf und schrie: „Ach, Mutter, Mutter!" Antkin warf sich mit einem Flucheherum. Chajah hob zu weinen an. Antkin zischte: „Überall Weichherzige und Schwächlinge!" Plötzlich wandte er sich zu seiner Frau: „Unser Sohn soll Jair heißen, wie ein Blitz soll er die dumme Welt erleuchten!" Chajah lächelte verweint und zwang sich zur Ruhe. Die meisten schliefen; nur manche redeten aus dem Schlafe wenige Worte, von trüben Erinnerungen geplagt. Die Maultiere fraßen ziemlich ruhig die Reste ihres Futters. Joktan und Jajad, die beiden Hunde, machten es sich bei ihnen im Stalle bequem. „Bei solchem Wetter kommen weder Schakale noch Diebe", trösteten sie sich ob ihrer Nachlässigkeit. Eine Stunde vor Sonnenaufgang erhob sich Schabsei von seinem Lager. Das Gewitter war vorübergezogen, der Regen fiel noch immer unablässig in die Pfützen. Schabsei war vom Schlafe durchaus nicht erfrischt und er brauchte lange Zeit, um sich anzukleiden. Die wenigen Schritte zum Stalle genügten, seine Schuhe zu durchnässen. Als er in das schlechterleuchtete Gebäude trat, drückte eben Gabrieli die Milchkannen zu und seine Frau, die mit ihm zusammen arbeitete, erhob sich mit dem letzten Eimer zwischen den Schatten der Kühe. Levi, der Wächter, trat auf Schabsei zu: „Waschti frißt nicht, man ruiniert sogar die Tiere bei diesem Wetter. Bleib lieber zu Hause." Auch Gabrieli und sein Weib rieten ihm ab, verschlafen, und bemüht, möglichst schnell zur Ruhe sich zu begeben, nachdem sie seit Mitternacht in der Molkerei und im Stalle gearbeitet hatten. Schabsei antwortete nicht, ging in den Pferdestall, führte den Maultierhengst Denikin heraus und begann ihn zu satteln und aufzuzäumen. Levi und Gabrieli halfen ihm, die schweren Kannen in die ziegenhärenen Satteltaschen zu heben. Schließlich schwang er sich selbst in die Bügel und ritt mißmutig Schritt für Schritt an den Baulichkeiten vorbei, während im Osten ein schwaches Licht von der eben aufgegangenen Sonne Kunde gab. Als er sich dem Abgange, der zum Wadi W. herabführt, näherte, hörte er ein ungewohntes Geräusch, das Brausen und Zischen der Wasser, die die Talsohle füllten. Es faßte ihn ein dumpfer Groll gegen seine Umwelt, von der er sich irgendwie verfolgt und ausgenützt vorkam, gegen sich selbst, indem sein eigenes Handeln und Denken ihm fremd und den feindlichen Naturgewalten ähnlich deuchte. Doch fehlte ihm die Kraft, seine Gedanken zu Ende zu denken. Im Sattel zurückgelehnt, ließ er das Maultier herabsteigen. Sein Hirn wälzte dabei ein Wort — Palästina — das ihm in russischen Lettern die Oleanderbüsche, deren blätterreiche Zweige auf den Wellenkämmen wogten, entgegenhöhnten. An der gewohnten Furt stutzte das Maultier und war nicht hinüberzubringen. Mit Mühe trieb er es längs der überschwemmten Sträucher bachaufwärts und versuchte mehrmals vergeblich den Hengst ins Wasser zu lenken. An einer Stelle, wo der felsige Grund eine natürliche Schleuse bildete, wo das Wasser sich staute, um dann über die Schwelle eine mannshohe Wand hinabzustürzen, trat das zitternde Tier in die Flut, die ihm nur bis über die Köte ging, aber mit großer Gewalt gegen seine Hufe schlug. Beim nächsten Schritt glitt ein Vorderhuf in einen Spalt und das Maultier stürzte. Der Sattel schlug über. Die Kannen polterten in den gischtenden Kessel. Schabsei fiel kopfabwärts, während seinen Händen die Zügel entglitten, gegen einen Stein und verlor das Bewußtsein. Denikin, von seiner Last befreit, sprang auf und mit einem ungeheuren Satze entwand er sich den wirbelnden Wogen. Schabsei war beim Sturze mit einem Fuße unter dem Leibe des Hengstes hängen geblieben, nun trug ihn der Strudel. Er erwachte aus der Ohnmacht, stieß wieder an einen Fels und während ihn nun liebliche Bilder umgaukelten, seufzte er fast lautlos: „Erez Israel" und sank blutend. Denikin raste auf der andern Seite talaufwärts und überquerte schließlich mit sicherem Instinkte nochmals das Wadi. Trabend wandte er sich zum Hofe. Es war unterdessen licht geworden und die Wolken begannen sich zu zerstreuen. Abrascha kehrte den Dünger im Stalle zu Häuf, als er Denikin führerlos heimkehren sah. Von der Gewißheit eines Unglückes entsetzt, schrie er auf: „Chewre! (Kameradschaft) zu Hilfe! zu Hilfe!" Und in der Ahnung der Nutzlosigkeit lehnte er sich an einen Wagen und atmete schwer. —---

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