Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Kol Nidre
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 M E N O R A H „Warum auch nicht?" Er sprach mit verächtlicher Absichtlichkeit nur mehr zu Van Deeken. „Jan, du bist noch jung, du kennst die Bräuche dieser Juden nicht, du mußt dir schon eine Belehrung gefallen lassen. Einen Festtag haben diese Juden, den sie Versöhnungstag nennen und an diesem Tage beten sie ein Gebet und in diesem Gebete stehen die Worte: ,A11 unsre Eide sind keine Eide.' Siehst du nun, daß ich recht habe? Daß der Jude ehrlos ist und daß er keinen Schwur haben kann und auch kein Ritterwort und keine Ritterehre? Es würde mir besser anstehen, Van Deeken, und würde auch deinen guten Eltern und deinen wohlgesinnten Freunden erfreulicher sein, wenn du dir künftighin deinen Umgang sorgsamer wählen würdest." Manasses Hand war blitzartig nach der Stelle gefahren, wo er einst das Schwert getragen hatte. Dann aber besann er sich, senkte nachdenklich den Kopf. ,,Manasse, liebster Manasse, er lügt doch, nicht wahr, er lügt?" flehte der kleine Student. Da sagte der Jude sanft: „Er spricht die Wahrheit." * Weißes Sonnengleißen lag noch auf den Buden des Marktes, auf den hellblonden Köpfen und rosig weißen Hälsen der drängenden Menschenmenge. Dort aber, wo stillere Straßen abbogen, unter den alten überhängenden Portalen breitete die Dämmerung ihre ersten grauen Samtschatten. Die beiden Studenten standen regungslos und vermochten sich nicht vom Fleck zu rühren. Die leise Stimme des Juden bannte sie unwiderstehlich in ihr geheimnisvolles Dunkel. „Er spricht die Wahrheit. Es gibt ein solches Gebet. — Es sind schon einige Jahre her, seit ich es zum ersten Male hörte. Dicht aneinandergedrängt standen wir, beklemmende Heimlichkeit umgab uns, siedende Angst vor Entdeckung. Da stieg das Gebet vor uns auf, langsam stieg es auf . . . klirrenden Sporen an den Füßen wie sie (solch ein schönes, kindersiolzes Gefühl empfand man bei diesem Klirren und Blitzen) und ich konnte reiten und fechten wie sie und sie sagten meinen Schwestern Artigkeiten, wie ich den ihren. Und ich betete in ihren Kirchen und war sehr fromm und bekreuzigte mich bei jedem Anlaß, denn das gehörte zum guten Ton . . . Einmal an einem schimmernden Frühlingstag kam ich auf meinem andalusischen Rappen heimgeritten. Kleine weiße Blütenzweige waren an meinen Kleidern und Sporen hängen geblieben, heiß war ich vom rasenden Ritt und müde und sehr selbstzufrieden. Aber an der Türe empfing mich unsere alte Dienerin und führte mich, den Finger an den Lippen, in das entlegenste Zimmer unseres Hauses, schloß sorgsam hinter mir die Türe, vor der ihr kleiner Sohn Wache hielt. Und da geschah es, daß ich meinen Vater Passah feiern sah. Noch nie hatte ich dergleichen gesehen. Urplötzlich war ich hineingekommen, ohne Übergang, aus einer Welt der Schwerter und Guitarren, der rauschenden Seidengewänder und blitzenden Edelsteinkreuze und was ich sah war häßlich und fremd, waren Speisen von lächerlich ungewohntem Aussehen, groteske Zeremonien, krause Formeln, kläglicher, unverständlicher Singsang. War das wirklich mein Vater, der stolze, finstere Don Diego, der hier im Kreise seiner Familie diesen lächerlichen Spuk trieb, tausend kleinliche Dinge mit umständlicher Sorgfalt vollführte und in singendem Ton, große Tränen in den Augen, alte Geschichten erzählte, deren Sinn ich nur halb verstand? Ich wollte mich schämen, wollte empört sein in meinem Spanierstolz, aber ich vermochte es nicht. Ich saß beim Tisch, ohne recht zu wissen wie, fand ich mich in den Verlauf der vorgeschriebenen Formeln, aß das flache Brot, aß die bitteren Kräuter. Vielleicht träumte ich nur, ganz gewiß aber hatte ich das alles schon einmal geträumt, dieses heimliche Zimmer, dieses krause Fest, diesen angenehm trockenen Geschmack des Brotes, den und führte mich, den Finger an den Lippen, in das entlegenste Zimmer unseres Hauses" Bis zu jener Zeit bin ich ein Spanier gewesen, ahnungslos, daß ich etwas anderes hätte sein können. Sie hatten mich erzogen wie man die Söhne der spanischen Ritter erzieht. Und den Söhnen der spanischen Ritter fiel es nicht ein, in mir etwas Fremdes zu sehen. Wenn ich durch die Straßen von Saragossa schritt, trug ich den blitzenden Degen an der Seite und die bitteren des Krautes, den süßen des Weines. Eine schmerzhaft tiefe Zärtlichkeit erfüllte mich, ich wußte nicht wie mir geschah, ich liebte sie plötzlich alle, die kleinen sonderbaren Dinge, lieble ihre verschnörkelte Häßlichkeit, ihren rührenden Duft, ihre erinnerungsschwere, schmerzlich-listige Zeichensprache. Heimatwärme fühlte ich.