Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Kol Nidre
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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A-f \aa/ ' <^ \ > M E N O R A H -. aA, . %./^~vi,p AAAKu 4 JV^'AyÄtwfö / At'lflU X ' 81 . „Ist sie nicht ein Engel?" flüsterte der kleine Student . Klara Blum / Kol Nidre Mit Illustrationen von CLARA EPSTEIN An einem schönen Sommerabend des Jahres 1635 spazierte Jan van Deeken mit seinem Freund, Manasse da Santos in den Straßen von Amsterdam umher. Sie drängten sich durch das bunte Gewühl von krausen Verkaufsbuden, kreischenden Marktweibern und geputzten Stutzern, bis sie schließlich an einer Straßenecke stehen blieben, wo sie, halb im Schatten des mächtigen Portals ungestörter sprechen konnten. Das Geschrei und Gedränge, die Fülle der grellen, saftigen Farben, der tausend grotesken Einzelheiten des Jahrmarkttrubels, all das drang gerade bis zu ihnen und machte dicht vor ihnen kehrt. Sie standen hart an der Grenze zwischen Lärm und Stille. Der kleine blonde Student war mit seinem Gefährten in einen spitzfindigen Disput über irgend eine schwierige Stelle des Aristoteles vertieft. Sie sprachen leise und heftig, altes und neues Testament, antike Philosophen, Rabbinen und Scholastiker des Mittelalters wurden zur Entscheidung des Streites herangezogen. Eben war dem jungen Juden ein besonders scharfsinniges Argument eingefallen, welches den Gegner vollständig überzeugen mußte. Er zögerte noch, bemühte sich hinter schmalgeschlossenen Lippen, den Gedanken in möglichst scharf geschliffenen Sätzen zu formulieren, um seinem Siege Glanz zu geben. In diesem Augenblick ging am Arm ihrer Freundin ein junges Mädchen an den beiden vorbei, Typus der holländischen Kaufmannstochter, blond, rosig, mit viel zu derben Formen. Jan van Deeken grüßte mit komischer Begeisterung und sie nickte ihm vertraulich lächelnd zu. Ehe sie weiterging, blieben ihre neugierigen Augen noch etwas länger als es schicklich war, an dem blassen Juden hängen. „Ist sie nicht ein Engel?*' flüsterte der kleine Student. Sehr ärgerlich, daß sie gerade jetzt gestört worden waren, sagte Manasse: „Meinetwegen, ein Engel. Aber um auf unser voriges Gespräch zurückzukommen . . ." „Vergib, Manasse, aber erst jetzt fällt es mir plötzlich ein. Hast du bemerkt, wie sie dich anschaute?" „Nein," sagte der Spaniole nachlässig und senkte die langbewimperten Lider, ängstlich, daß ihm sein Gedanke entgleiten könnte. ,,Das ist unmöglich! Das könntest du nicht übersehen haben", versetzte der andere mit kindischer Heftigkeit. „Und nun sagst du das noch so . . . so . . . und kannst mir dabei nicht in die Augen schauen. Manasse, wenn du mich belogen hast . . .! Wenn du vielleicht hinter meinem Rücken versucht hast, dich ihr zu nähern . . .!" Langsam schlug der Jude die dunkeln Augen auf. Sie trugen den Ausdruck einer unendlich schmerzlichen Überlegenheit. „Du blonder Christenknabe, meine Sorgen sind anderer Art als die deinen." „Du kannst leugnen, soviel du willst", versetzte der Kleine, krebsrot vor Erregung. „Wie soll ich nun mit diesem Verdacht in meinem Herzen dein Freund bleiben? Willst du mich von meinem Zweifel befreien, so schwöre, schwöre einen heiligen Schwur, daß du dich ihr nie, auch nur in Gedanken genähert hast. Dann, nur dann kann ich dir glauben." „Es ist mir gar nicht erlaubt, auf so nichtige Dinge zu schwören", sagte Manasse peinlich berührt. „Nichtig?" rief Jan van Deeken und seine Kinderaugen füllten sich mit Tränen. „So ist meine Liebe, mein Lebensglück in deinen Augen eine Nichtigkeit? So wenig gilt dir dein Freund, Manasse? Das habe ich nicht um dich verdient!" „Jan, so beruhige dich doch", ermahnte Manasse mitleidig. „Wenn es dir wirklich so um alles geht, nun gut, so werde ich schwören." Aber in diesem Augenblick ertönte hinter den beiden eine tiefe Stimme: „Mach' dich nicht lächerlich, Van Deeken. Was läßt du den Juden schwören. Der Jude hat keinen Eid." Van Swieten, Jans älterer Studienkollege, stand hinter ihnen, groß und höhnisch. Leichenblaß bis an die Lippen, erwiderte der Spaniole und seine Stimme klang eiskalt und messerscharf: „Würdest du die . . . Freundlichkeit haben, das noch einmal zu wiederholen?" „Mit Vergnügen", versetzte in demselben Tone Van Swieten. „Ich sagte, daß es zwecklos sei, euch Juden irgend etwas schwören zu lassen. Euer Eid ist ungültig, denn eure eigene Religion erlaubt euch den falschen Schwur." „Du solltest deine Verleumdungen wenigstens anstandshalber zu beweisen versuchen", spottete der Jude und seine schlanke, schwarz gekleidete Gestalt straffte sich mit der altspanischen Grandezza, die ihm noch in allen Gliedern steckte.