Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Kol Nidre
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 83 Und ich verstand ohne Mühe, daß ich ein Knecht gewesen war im Lande Ägypten und daß ich ein Verfolgter gewesen war im Lande Spanien und daß sie uns mit Feuer und Schwert gezwungen hatten, unser Judentum abzuschwören, und daß wir doch Juden geblieben waren, damals und heute. Und daß mein Vater, der stolze Don Diego, die Zierde der spanischen Bürgerschaft, heimlich und in Todesangst vor der unermüdlich forschenden Inquisition, doch an den verbotenen, alten, sonderbaren Überlieferungen festhielt und nun zum ersten Male seine Kinder einweihte, widerstrebend und gegen seine bessere Vernunft, aber er konnte nicht anders. Von dem Tage an führte ich, wie all die unzähligen heimlichen Juden Spaniens, ein qualvolles Doppelleben. Lüge wurde mir zur Angewohnheit und List und Verstellung. Ein ungesunder Scharfsinn nistete sich in meiner Seele ein und der unterdrückte Jähzorn des heißen, peinvoll gedemütigten Blutes machte sich in heimtückischem Spotte Luft. Es war ein Leben der tiefsten Erniedrigung und doch qualvoll schön in seiner heimlichen, zu Tode geängstigten Liebe zum alten oft verleugneten Judentum. Es war eine zähe sinnlose Liebe, die sich blind an die kleinsten Dinge klammerte, an den Duft des warmen Mazzahbrotes, an den Schimmer der zarten Chanukakerze. Du glaubst nun, Van Swieten, daß dieses schmachvolle Lügenleben endlich eine wirksame Waffe war gegen den unbeugsamen Starrsinn des alten trotzigen Volkes, an dem sich jahrhundertelang Priester und Könige die Köpfe wundgerannt hatten. Glaubst, daß wir doch jetzt mit unfehlbarer Sicherheit so werden mußten, wie ihr uns haben wolltet: willensschwach, feige, unzuverlässig, ehrlos. Ich wundere mich nicht darüber. Ich habe es selbst geglaubt, einen heißen, schweren Sommer lang. Dann aber kam der Herbst mit seinen düsterernsten Festen. Unter tausenderlei unwürdigen Listen und Vorsichtsmaßregeln trafen sich am Versöhnungstage die heimlichen Juden von Saragossa. Dicht aneinandergedrängt standen wir, beklemmende Heimlichkeit umgab uns, siedende Angst vor Entdeckung. Da stieg das Gebet vor uns auf, langsam stieg es auf. . . Leise bange Traurigkeit. Stille, angstvoll verhaltene Klage. Langsam enttauchte der Melodienflut ein schmerzlicher Gedanke. Was habt ihr uns getan? Was habt ihr den armen frommen Kindern Judas getan? Eide zwangt ihr sie zu schwören, die keine Eide waren . . . keine Eide . . . keine Eide . . . Drohung, Folter, Blut. Ratlos steht die gepeinigte Judenschar, Menschenschwäche siegt, sie murmeln mit bleichen Lippen die Paternoster, die sie der Henker lehrte. Das waren keine Eide . . . keine Eide . . . Der Sang ward stärker, wand sich leise in quälender Erinnerung . . . Eisiger Wasserstrom . . . kahlgeschorene Priester . . . düsteres Glockengeläute . . . rote Lämpchen vor beängstigenden Marienbildern . . . metallharte Kreuze . .. Kreuze . . . Kreuze . . . Kreuze . . . keine Eide . . . nein — nein . . . keine Eide . . . Und das gepeinigte Lied schwoll hoch und hell in befreiendem Sturm. All die schmachvollen Eide ... sie waren keine Eide. Sie waren erzwungen und das Herz, das alte zähe Judenherz hatte keinen Teil an ihnen. Kein Priester, keine Taufe war je imstande, einen Juden in einen Christen zu wandeln. Meineidig, befleckt, mit Schmach und Sünde beladen, blieb er was er war. Das Gefühl, daß er entehrt war, stumpfte nicht seinen Heldenmut ab, die hartnäckige Treue für sein Judentum. Mir aber fiel mein halbvergessener Spanierstolz ein, meine einstigen Begriffe von Mannesehre und Rittertum. All das war mir nun genommen worden. Ich lächelte. Es erschien mir so unsäglich albern und barbarisch neben dem gigantischen Heldentum dieser armen erniedrigten Menschenschar. Ich erkannte die höhere, die höchste Ehre, die in unserer Schmach lag. Sieh her, Van Swieten, es ist ja nicht notwendig, daß du mich verstehst. Ich verstehe dich jedenfalls vollkommen. Auch ich habe einst auf einen Ehrenkodex geschworen, dem das Blutvergießen eine edle Sache war und der den verachtete, der nicht nach genauen Gesetzen eine jede Beleidigung ihrer Schwere gemäß mit entsprechenden Wunden bezahlte. Da kannst du wohl mein Volk ehrlos nennen, denn mehr Böses ist ihm zugefügt worden, als es in hunderttausenden von Zweikämpfen wettmachen könnte. Aber lächeln muß ich, daß du glaubst, du hättest unseren eisernen Judenstolz gebrochen, weil du uns die kleine Ehre nahmst, die dem Manne ein liebes Spielzeug ist: Die Ehre der Formeln und Worte. Du irrst. Ihr alle irrt. Ihr habt euch verrechnet. Ihr wolltet uns zwingen, Verräter zu werden, Verräter an unserem Judentum. Wir aber wurden damals lieber Verräter an einem edlen Gute des Menschenherzens, am Eid. Wir zerbrachen fast unter der Last dieser Schande, aber wir beteten unser schmerzenreiches Heldenlied, unser Kol Nidre — und blieben Juden. ,,Die Skizze Klara Blums nützt das Kol Nidre-Motiv zu einer dichterischen Verklarung der spanischen Scheinchristen. In Wirklichkeit hat das Kol Nidre-Gebet damit wahrscheinlich keinerlei Zusammenhang. Vielmehr bezieht es sich ausschließlich auf kultische, allein die eigene Person bindende Gelübde, die man nach talmudischer Rechtslehre sowohl in der Form des sogenannten Neder wie auch in der des Eides auf sich nehmen kann. Eide jedoch, die gegenüber anderen Personen insbesondere auch vor Gerichten geschworen werden, sind — von Füllen der Ungültigkeit bei Lebensbedrohung oder sonstigem körperlichen Zwange abgesehen — auch nach talmudischer Lehre niemals auflösbar. Das Kol Nidre-Gebet ist daher der Ausfluß höchster Gewissenhaftigkeit vor Gott hinsichtlich jeder Form unwissentlicher Entheiligung des gelobten Wortes." Anm. d. Red. i 4tl nr. -; teää&B^^ f. .^üi^^—'t:'!'^ ■ r^^^ao v" , *>*ti4^'*Z&r&&*^ - .-,...VM».Wf'—V-.:•• ^^rV V^vv - Du stieg Jas Gebet vor uns auf langsam stieg es auf . .