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Menorah · 1925-03-01 · Heft 3 (März 1925) · p. Seite 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 3 (März 1925)
Article
Jozef Israels in Spanien
Date
1925-03-01
Page
Seite 58 (sequence 6)
Language
German
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58 MENORAH Rudolf Reti / Ein Vorschlag* für Palästina Ein Vorschlag für Palästina sei der jüdischen Öffentlichkeit übermittelt. Ein Vorschlag, der die geistige Entwicklung dieses Landes unserer Hoffnung aus dem Zufälligen emporheben und in eine Form überführen soll, die eine erfreuliche Lösung dieses überaus aktuellen Problems erhoffen ließe. Anlaß über diese Dinge nachzudenken, bot ein in den Tageszeitungen verlautbarter Aufruf, einer von vielen, die in letzter Zeit den Blätterwald durchrauschten. Es wurde darin zu Spenden für die Errichtung oder Ausgestaltung eines Musikkonservatoriums in Palästina aufgefordert. Dem Verfasser dieser Proklamation hatten sich einige hier geläufige publizistische Namen angeschlossen. So wie diese gewiß in bester Absicht und Glauben, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, die Benützung ihres Namens gestatteten, hat wahrscheinlich auch der größte Teil des Publikums darin nur eine erfreuliche, fördernswerte Angelegenheit gesehen. Nun soll hier niemandem im geringsten nahegetreten werden und der Zweck dieser Zeilen ist gewiß nicht der einer persönlichen Polemik. Dennoch muß um des Prinzips willen gezeigt werden, welche Gefahr, welch direktes Unheil ein Beginnen, wie das zitierte, unter Umständen in sich bergen kann. Man muß sich die wahre Lage nur einmal richtig vor Augen halten. Palästina, das jüdische Palästina von heute, ist doch eine völlige, gleichsam noch in den Kinderschuhen steckende, Neugründung. Von aller moralischen und Zukunftsbedeutung abgesehen, noch durchaus Kolonie, Provinz. Und wenn auch die intellektuelle Kapazität der jungen einwandernden Generation eine vielfach ganz hervorragende ist — an den normal-europäischen Durchschnitt nicht nur heranreichend, sondern ihn meistens noch übertreffend — fehlen doch der große Gelehrte, Künstler, Erfinder, Publizist fast vollständig. Müssen fehlen, weil die Möglichkeit eines angemessenen Fortkommens ebenso wie Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten, Laboratorien, Bibliotheken, Theater, Orchester mangeln. Daß bei dieser Sachlage der als Gast auftauchende europäische Name von auch nur bescheidenstem Rang leicht als Kapazität gelten wird, daß auch „Mandate" von palästinensischen Privaten, Behörden oder behördlichen Privaten unschwer zu erlangen sein werden, ist klar. Umgekehrt genügt bei uns die Devise: „Für Palästina", um beinahe jede Unterschrift zu beschaffen, vielleicht sogar — etwas Geld. Der weitere Verlauf ist dann: einige Instrumente, einiges Notenmaterial wird gekauft. In Jerusalem oder Tel-Awi w werden etliche Zimmer gemietet, vielleicht ein Haus gebaut. Schließlich werden zwei, drei Unterlehrer engagiert, die Hauptkraft aber bleibt der Gründer. Und dessen Tätigkeit wird sich nicht darauf beschränken, die musikbedürftige Jugend im Klavierspiel oder Generalbaß zu unterrichten, sein Einfluß wird vielmehr bald auf alle Zweige des dortigen Musiklebens übergreifen. Er wird Dirigent des jungen Amateurorchesters, der Chorvereinigung, die sich bildet, er fungiert als musikalischer Referent der wichtigsten Zeitung, er regt Aufführungen an, kontrolliert Programme, kurz er wird ein ausschlaggebender, vielleicht entscheidender Faktor für die ganze Gestaltung der Musikmentalität des jungen Landes. Diese aber wird dann — es ist nicht völlig sicher, immerhin hundert gegen eins zu wetten — ungefähr der von Laibach oder Brünn gleichen. Und was hier für einen Fall und für ein Gebiet gezeigt wurde, das gilt parallel für alle künstlerischen oder wissenschaftlichen Fälle, für jedes kulturelle Gebiet. Hier ergibt sich ein Problem, das in seiner Wichtigkeit kaum überschätzt werden kann. Kann man es doch geradezu als soziologisches Gesetz formulieren: im freien Spiel der Kräfte, das heißt, bei einer Entwicklung, die nicht von außen künstlich beeinflußt wird, werden in jedem jungen, kolonieartig emporwachsenden Gemeinwesen Träger rein geistiger Berufe keine oder fast keine Möglichkeit und Veranlassung, sich anzusiedeln, finden. Diese einfache, allzu deutliche Regel bedarf allerdings einer Ergänzung. Sie gilt nämlich nur für „Repräsentanten der Geistigkeit" von wenigstens einigem internationalen Rang und Bedeutung. Dagegen werden weniger bedeutende Erscheinungen, solche, die in der großen Welt nicht recht vorwärts kommen — und namentlich solche, die mit der Zeit nicht mitkönnen und zurückzubleiben, zu veralten fürchten — vielleicht gerade hier einen günstigen Boden wittern, um sich obenauf zu halten. Nun ist aber Palästina, dieser singuläre Fall in der Staatengeschichte, schließlich doch noch etwas ganz anderes, als eine der vielen, aus Übervölkerung und wirtschaftlicher Not hervorgegangenen Überseeprovinzen, wenn es auch einer solchen vorläufig in mancher Beziehung gleicht. Und — so naheliegend es auch ist, Geistiges zurückzustellen, solange das elementarste wirtschaftliche Begehren nicht befriedigt werden kann: wenn ein Siebzehnmillionenvolk, dessen Vertreter auf den verschiedensten Gebieten zu den Großen unserer Zeit zählen, darangeht, sich eine Heimstätte zu schaffen, so muß dafür gesorgt werden, daß dieser Schritt ein Vorwärts und kein Zurück bedeute. Diese Gefahr aber besteht, wenn, wie hier ausgeführt wurde, die Dinge sich selbst überlassen bleiben. Da ferner an eine Lösung dieser Fragen durch die palästinensische Regierung und die dortigen öffentlichen Organisationen vorderhand nech lange nicht zu denken ist, bleibt nur eine dritte Möglichkeit. Nämlich, wie es mit den wirtschaftlichen Kräften bereits der Fall ist, nunmehr auch die geistigen Kräfte der Juden der ganzen Welt dem kulturellen Aufbau des Landes nutzbar zu machen. Zu diesem Zweck müßten Direktorien von Autoritäten aus den jeweils hervorragendsten jüdischen Repräsentanten der einzelnen Geistesgebiete gebildet werden, denen die ehrenamtliche Aufgabe zufiele, die Entwicklung in Palästina durch Rat, Kontrolle und Hilfe in richtige Bahnen zu lenken. Diese einzelnen Fachdirektorien sollen sich dann zwanglos so viel Mitarbeiter als möglich und wünschenswert koordinieren. Ein kleines, mit geringen Mitteln zu führendes Zentralbureau in Palästina selbst hält den gemeinsamen Kontakt. Dort mögen von überall Vorschläge, Anerbieten von Künstlern und Gelehrten, die sich für Vorträge oder sonst in einer realisierbaren Art zur Verfügung stellen wollen, aber auch Bücher, Musikalien, Zeitschriften, wissenschaftliche Behelfe, kurz alle denkbare Hilfe einlaufen. Als konkrete Illustration, wie dies gemeint ist, sei das dem Schreiber dieser Zeilen speziell naheliegende Gebiet der Musik herangezogen. Es will nur ein vorläufiger, zu nichts verpflichtender Vorschlag sein, wenn drei Namen genannt werden: Ernest Bloch, Darius Milhaud, Adolf Weißmann. Zwei Komponisten und ein Musikschriftsteller, Namen von internationalem Ruf, alle drei von warmem, tätigem Interesse erfüllt für die jüdische Idee. Deren Aufgabe wäre es, einen Plan auszuarbeiten und fortlaufend der Verwirklichung zuzuführen, was an musikerzieherischen und künstlerischen Maßnahmen notwendig, der jeweiligen Bevölkerungszahl entsprechend und mit den vorhandenen Mitteln realisierbar wäre. So würden sich zwei Probleme ergeben: ein künstlerisches und ein wirtschaftliches. Ein künstlerisches, für dessen Lösung Fernhalten von aller Schablone und Lebendigkeit Hauptbedingung wäre. Weil es sich für Palästina im gegebenen Moment und wahrscheinlich noch für lange Zeit nicht darum handeln kann, Künstler und Virtuosen heranzubilden, sondern darum, intelligenten, geist- und kunsthungrigen, aber zu harter Arbeit gezwungenen jungen Menschen den Kontakt mit der Musik der Vergangenheit ebenso wie mit der unserer Tage zu ermöglichen. So müßte auch ein eventuelles Konservatorium, eine Lehranstalt in vieler Beziehung mehr dem ähneln, was wir in unseren Großstädten als Volksuniversitäten und gleichgerichtete Institutionen besitzen, als, Gott behüte, den üblichen Klavier- und Gesangschulen. Kammermusik, Vierhändigspiel, Vom-Blatt-Singen einzeln und im Chor, Musikgeschichte, Verstehenlernen der klassischen Meisterwerke und der Strömungen der Gegenwart — das müßten die Hauptdisziplinen sein. Und dann erst — in der Perspektive der Weltliteratur — ergäbe sich

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