Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Jozef Israels in Spanien
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 57 JOZEF ISRAELS DE PANNENKOEKENBAKSTER (1911 Des Meisteis letztes Gemälde Im Besitze des Herzogs von Marlborough einer Gardine gegenüber, die sich im Winde hin- und herbewegt. Ihm ist recht beklommen zu Mute, er zögert, das Abenteuer weiterzuführen. Da hört er zu seinem Erstaunen eine Stimme: „Ma mewakschego?" „Salom allichem, onoughi jehudi me eerets Hollande", antwortet er und tritt ein. „Aber ich muß erzählen, was ich sah und wer dieser Mann war. Ich war in einen dunklen Raum eingetreten, erleuchtet durch ein kleines, längliches, horizontal liegendes Fensterchen, das heißt, ein viereckiges Loch, das nachts oder bei Unwetter mit einer Lücke verschlossen werden konnte. Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich auf dem Steinflur ab. In der Nähe dieser Öffnung stand ein langer Tisch mit schiefen Beinen, und darüber lag ein großes weißes Pergament, das beinahe ganz den Tisch bedeckte und mit einer Rolle nach unten hing. Da saß hinter dem Tisch der jüdische Gesetzesschreiber, beide Arme auf das Pergament gestützt, und wandte sein fürstliches Haupt mir zu. Dieses Haupt schien viel zu groß für den Körper, der unter dem langen Tisch im Schatten nur schwer zu unterscheiden war. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsichtig, bleich wie Alabaster; Falten, kleine und große, liefen um die kleinen Augen und die große gekrümmte Habichtsnase. Ein schwarzes Käppchen bedeckte den weißen Schädel und ein langer, weißgelber Bart lag in großen Strähnen über dem beschriebenen Pergament. Er saß in einer Art Lehnstuhl ohne Rückenlehne, und zwei Krücken lagen neben ihm auf der Erde. Wie gerne hätte ich mein Skizzenbuch hervorgeholt, der edle Kopf mit dem Bart, der mit dem Pergament und dem Licht des Fensters eins war, umgeben von dem Dunkel des finsteren Raumes — aber vor dem strengen Blick des Gesetzes-' Schreibers wagte ich nicht, mein Vornehmen zur Ausführung zu bringen. Er zeigte mir mit Stolz die Schönheit seiner Schrift, die Herrlichkeit der großen Buchstaben und wie alles gleichmäßig ohne Linien geschrieben war. Er nahm würdevoll den großen Gänsekiel, tauchte ihn tief in das schwarze Fläschchen, das neben ihm stand und zeigte mir dann, wie er schrieb. „Nachdem ich ihm (so gut und schlecht es ging, denn stark im Hebräischen war ich durchaus nicht) meine Bewunderung ausgedrückt hatte, bat er mich, ihm seine Krücken zu reichen, und er humpelte mit mir nach dem offenen flachen Dache, das auf gleichem Flur mit seinem Zimmer lag. Hier lagen Matten, worauf er sich niederließ und mich ersuchte, mich neben ihn zu setzen. Beide genoßen wir nun das Panorama von Tanger, das unter uns lag, die Hügel und die See in der Ferne. So sitzend, das fremde Land vor mir, neben mir den bärtigen Alten, auf den Matten des flachen Daches in Marokko, überkam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblick in einer Welt lebte, von der ich einmal geträumt hatte." Wirklich-unwirklich wie das Erlebnis ist nach der Kreidezeichnung auch das Bild des Geselzesschreibers gewcrden. Es beschließt am besten die Betrachtung dieses Reisebuches, das vom Anfang bis zum Ende wunderbar durchpulst ist \on dem reichen, reifen Naturell seines Autors. Groß und ruhig, ganz Ton und Stimmung, tritt die Szene in der Dachstube vcn Tanger der anderen, der färb- und bewegungsvollen in der Arena von Sevilla, entgegen. L>nd zeigt so nach dem Exzeß der Malersinne, den Aufschwung einer Seele, die immer bereit ist, in ihre Heimat, in den jüdischen Blutkreis zurückzukehren. Das ist auch der Weg, der zum Künstler führt. Denn auf der elementaren Mischung dieses nur scheinbar Gegensätzlichen beruht die vom Innigen bis zum Monumentalen reichende Einheit auch seines gemalten Lebenswerkes.