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Menorah · 1925-03-01 · Heft 3 (März 1925) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 3 (März 1925)
Article
Jozef Israels in Spanien
Date
1925-03-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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M E N O R A H 55 JOZEF ISRAELS das ruhende größere Schauspiel des runden Theaterbogens zu betrachten, über den aus reiner, blauer Luft die Sonne jenen Schatten wirft, der das halbe Gebäude einhüllt. Dann kommen, von den Klängen der Musik begleitet, im prächtigen Aufzug die Teilnehmer am Kampfe, malerisch gekleidet, zu Fuß und zu Pferd. Es ist wie ein glänzender Hochzeitszug. Vor den Ratsherren macht er halt, der Anführer, der Espada, grüßt, wirft sein Samtbarett hoch in die Luft, eine Trompete kreischt auf — der erste Stier stürmt in die Arena. Man hält betroffen den Atem an beim Anblick des wüsten Ungeheuers, das aus der Öfinung springt. Es legt den gewaltigen Kopf mit den Hörnern bereit, aber ist zuerst verwirrt durch die Umgebung. Lmgeduldig stampft es mit den Hufen. Da sieht es ein erreichbares Etwas, es ist ein Mann, der ihm einen roten Lappen vorhält. Der Stier rennt darauf zu, die Gestalt flieht, der Stier holt sie ein und stößt seinen Kopf gegen den schwachen Körper — nein —■ der Stoß erreicht nur den roten Lappen, der Mann ist behende zur Seite gesprungen . . . Rasend stürmt der Stier auf einen andern los . . . Dann steht er vor einem Reiter. Das ist der Picador. Ein Stoß mit der Lanze reizt das Tier zur Wut, der Schaum läuft ihm aus dem Maul, mit einem einzigen Ruck wirft er Pferd und Reiter auf den Boden, daß es kracht. Der Picador liegt unter seinem Pferde und hat über sich die glühenden Augen des Stieres, der seine Hörner auf ihn richtet. Wund und hinkend werden die Angreifer aus dem blutigen Zusammenstoß fortgeschafft . . . Der Stier schnaubt und brüllt, rundblickend nach etwas, das er mit den Hörnern durchbohren könnte. Siehe, da stellt sich gerade mitten in die Arena ein schwächliches, fein in Seide gekleidetes Figürchen vor ihn hin. Es hebt beide Arme in die Flöhe, in jeder Hand ein Stäbchen, an dem Fähnchen hängen. Sie wehen lustig im Winde, aber an ihren Enden haben sie verräterische eiserne Widerhaken. Der Stier fliegt darauf zu, im selben Augenblick stößt ihm der Banderillo die Haken in den Nacken — der Stier fliegt vorüber, an SCHREIBENDER GREIS .SELBSTBILDNIS.. beiden Seiten seines starken Halses geflaggt. Ein ohrenbetäubender Applaus, Geschrei und Werfen mit Hüten und Zigaretten. Rasend schüttelt sich das Tier, aber es wird die beflaggten Haken nicht los . . . Da nähert sich bloßen Hauptes, langsam und ruhig, der Espada, in der linken Hand den roten Mantel, in der rechten den Degen. Erschrocken steht das wütende Ungeheuer vor dem Manne, der es so kaltblütig zu bedrohen wagt. Beide warten und prüfen. Jetzt geht der Mann einen Schritt zurück und gerade in dem Augenblick, als der Stier den Kopf niederbeugt, um den Verwegenen aufzuspießen, dringt ihm das Schwert des Espada tief in den Nacken. Zehntausende stehen auf, laufen, schreien und johlen durcheinander. Noch einmal rennt der Stier, das Schwert im Rücken, durch die Arena, ihm nach die Chulos und der Espada. Aber endlich, seht! Da sinkt der Gewaltige auf die Knie, die Kraft ist hin, das prächtige Tier, das soeben noch trotzig und herausfordernd in die Arena gestürmt, liegt bewegungslos auf der Erde. So ungefähr sieht und schildert der alte Israels. Es ist nicht das Sehen und Schildern, das wir von seinen Gemälden her gewohnt sind. Denn hier ist nichts zart, nichts zärtlich, es fehlt die menschlich beglückende, die rührende Teilnahme der Seele. Derselbe Mann, der in den „Beiden Kameraden", in der stummen Zwiesprache des alten Schäferhundes mit seinem Herrn, das Schicksal der Kreatur so gewichtslos und doch so ergreifend dargestellt hat, daß ein Vincent van Gogh davon im Herzen getroffen wurde, kann hier, am tödlichen Kampf der Menschen und Tiere, Augenweide finden. Von Mitleid kaum eine Spur. Das Auge ist alles und alles ist Impression. Nur der Sinnenmensch ist wach. Solange das Schauspiel währt, übersieht er den brutalen Exzeß und bleibt — froh und erhitzt — bei dem Schauspiel. Das spricht für den Maler, nicht gegen den Menschen. Denn was ihn mitreißt und im fliegenden Atem hält, ist nicht der Blutrauscli, der die spanischen Zuschauer orgiastisch überfällt, sondern die ungewohnte, ungeheure Sensation bewegter Körper.

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