Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Jozef Israels in Spanien
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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54 M E N O R A H JOZEF ISRAELS AUS DEM REISETAGEBUCH „SPANIEN" Kreiilc7cicl,nunS Len als ein Weinreisender entlarvt war, geschieht es, daß sich plötzlich ein Gast erhebt und mit dem Glas in der Hand die kleine Reisegesellschaft auf gut Holländisch begrüßt. Das wirkt wie ein elektrischer Schlag. Man schüttelt einander die Hände, rückt zusammen, im Nu ist ein kleines holländisches Fest improvisiert. Die Flasche wird entkorkt, ein Klavier in Betrieb gesetzt, der Landsmann hämmert nacheinander das „Wilhelmus", „Niederländisch Blut" und „Ist unser Prinzchen noch so klein". Und unser Israels? „Wir sangen laut mit, leerten unter Erzählen und Lachen den Inhalt des Margaux und unterhielten uns über Holland und seine Bewohner. Niemals waren wir in unserem eigenen Lande solche ausgezeichnete Patrioten gewesen als hier in dem alten Spanien, im fernen Cordova." Man wird diesen Nachsatz nur der aufgeräumten Stimmung des Meisters, seinem feinen, unverwüstlichen Humor auf die Rechnung stellen dürfen. Denn auch zu Hause ist er immer ein höchst verläßlicher Patriot gewesen. Noch mehr: Selbst in der Heimat galt ihm das Nächstgelegene am meisten. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung über die verschiedene Schönheit von Landschaften. Die Sache begann mit einer kühlen, wenn auch rühmlichen Erwähnung auswärtiger Sehenswürdigkeiten. Doch Israels lenkte schnell ein: Er war schon wieder zu Hause, in Holland. Aber auch hier machte er einen Unterschied. Den romantischen Osten, das Bergland von Bentheim, das der große Jacob van Ruisdael verherrlicht, und das Waldgebiet von Oosterbeek, wo sich mit Willem Roelofs die Schule der modernen Realisten festgesetzt, das ließ er nur gerade zur Not passieren. Das Herz ging ihm erst auf, als er bei seinem Stück Heimat, bei den Dünen und Dörfern um Zandvoort und Katwijk angekommen war. Und so bleibt er auch unten im Süden. Das Neue, nie vorher Gesehene kann, so übermäßig schön es auch erscheinen mag, ihm nur für eine Weile den Atem rauben. Dann lenkt er ein und ist immer wieder zu Hause. „O Holland! Holland!" denkt er während einer Fahrt bei Sevilla, „es ist doch viel schöner, eine Reise in dir zu machen als in diesen großen Ländern, wo es auf einige Meilen nicht ankommt. Ich verglich diese Reise mit einem Abstecher längs der Amstel nach dem ,rCalfje' oder längs des Reichsweges von dem Haag nach Delft. Welche herrlichen Bäume, Felder und Wasser!" Man wird sich dieses intensive, herzensfrohe Heimatsgefühl, dieses völlige Verwachsensein mit Land und Leuten immer gegenwärtig halten müssen, will man in Israels, nicht nur den Maler, sondern auch den Menschen, richtig verstehen. Und man wird sich ihn so, mit einem Ranzel voll liebenswerter heimatlicher Hartnäckigkeiten vorstellen müssen, als es im Frühjahr 1900 an die Reise ging. In dieser Hinsicht ist er nun einmal unverbesserlich. Man nimmt zu dritt — der Meister, sein Sohn Isaac und der Dichter Erens — Platz im Wagen, ruft dem Kutscher noch ein frohgelauntes: „Vorwärts, geradeaus nach Spanien!" zu und sitzt dann in der Eisenbahn, auf dem Weg nach Brüssel. Die Stimmung schlägt um. Über die Wiesen gleiten die Wolkenschatten, in blanken Wassern spiegeln sich die Bäume. Die drei sind ganz still geworden. Sie denken: „Es ist doch nirgends so schön wie bei uns." Aber das dauert nicht lange. Sie sind beileibe keine Kopfhänger, sie wollen nicht denken, sondern genießen, allerdings jeder auf seine Weise. Schon in der ersten Station trennen sich ihre Wege, die beiden Jüngeren verschwinden unbemerkt aus dem Opernhaus, um in irgend einem Cafe chantant zu landen, nur Israels bleibt zurück. Musik! Sie war für ihn immer ein Quell gewesen. Daß er schon als Junge die Violine gekratzt hatte, bis er infolge seiner zunehmenden Kurzsichtigkeit das Notenlesen lassen mußte, ist nicht so wichtig. Wohl aber, daß er melodischen Wohllaut zeitlebens tief empfand und ihn als letzte Wirkung seinen Malwerken verwoben hat. Freilich, er hätte auch jetzt lieber Mozart gehört. Aber man gab „Tristan und Isolde". Und so wurde er wider seinen Willen von einer ungewohnten und fremdartigen Tonwelt gefangen. Verträumt, benommen geht er im Mondschein nach Hause. „Hatte ich mich amüsiert, war ich entzückt von dem Zauber, der mich umgeben hatte? Ich konnte mir keine genaue Rechenschaft davon geben, ich stand unter einem unbeschreiblich nervösen Eindruck durch die Musik von Liebe und Verlangen, die mich noch umrauschte, so daß ich im Bette lag, ohne es zu wissen, und einschlief in dem Gedanken, ganz bestimmt die edle Isolde bei meinem Erwachen am Kopfende meines Brüsseler Bettes wiederzufinden." Welch -wache, rüstige Gesundheit der Sinne bei diesem Alter! V/er hätte sich nach einem solchen Leben fortwährender Arbeit und Erschütterungen die gleiche Naivität und jene Bereitschaft erhalten, die jeden Augenblick nach seiner Art empfängt und empfindet, so daß er restlos zum Erlebnis wird! Aber das war nur ein Anfang, bei dem Musik, also auch geheime Sympathien der Seele noch mitwirkten. Wird sich diese wunderbare Sinnlichkeit, die Wurzel des malerischen Naturells, auch vor dem reinen Anblick, vor der unmittelbaren Augenlust behaupten? Oder wird sie hier, was man von dem jüdischen Wesen des Israels erwarten dürfte, versagen, um durch den oder jenen Notausgang ins weite Land der Seele zu entweichen? Das kann nur die härteste Probe entscheiden, auf die sie im Verlauf der Reise gestellt wird. Und diese bietet sich bei dem Stierkampf auf der Plaza de Toros unfern von Sevilla . . . Auf dem Platz Puerta del Sol und in der Straße von Alcala ist alles in Aufruhr. Stellwagen, mit Maultieren bespannt, werden erstürmt, Kutscher schreien und jagen vorbei, fliegende Händler ihnen nach, mit bunten Bildern der Stiere und der Toreadors. Es ist ein höllisches Leben auf der langen Straße, ein Drängen und Stoßen vor den Eingängen zur Arena — aber über den Tausenden thronen unbeweglich die großen Alguazils auf ihren Rossen. Endlich ist man angekommen. Während die suchende, kletternde, schwatzende Menge sich mit dem Werfen von Apfelsinen, Geldmünzen und Papierchen belustigt, während die Trupps von Männern mit vielen Gebärden die Vorzüge der Kampftiere besprechen und die lachenden Senoritas ihre Fächer nicht schnell genug bewegen können, um sich Kühlung zu verschaffen, hat man Zeit,