Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Jozef Israels in Spanien
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 53 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 53 JOZEF ISRAELS IN SPANIEN Von Univ.-Pro f. MAX EISLER Es war, wenn ich mich recht erinnere, bei meinem ersten Besuch im Atelier an der Koninginnegracht im Haag, daß ich auf einer Staffelei das merkwürdige Aquarell „Erinnerung an Venedig" sah. Im Vordergrund eine schwärzliche Barke — schwarz, aber auch braun und violett, von dem unbestimmten Reichtum der späten Farbigkeit des Israels — lautlos gleitend durch das graue Wasser der Lagune, das bei dem trüben Zustand der Luft mit dem Himmel in eins verschwamm, und, kaum abgelöst davon, die getürmte Silhouette der Stadt, nur wie ein zarter, schwingender Schleier. Im Lauf des Gespräches kam der Meister auch auf die Entstehung des Bildes zurück. Er war im letzten Sommer, trotz seiner achtundachtzig Jahre, in Venedig gewesen und erzählte nun mit dem Behagen eines Fünfzigers von den mannigfachen Ehrungen, die man ihm dort anläßlich einer Ausstellung seiner Werke bereitet, mit dem Nachgenusse eines Dreißigers von der Augenlust, die er auf dem Ausflug in den sonnigen Süden gefunden. Aber das Blatt auf der Staffelei strafte dann seinen jubilierenden Bericht doch wieder einigermaßen Lügen. Denn das war nicht das farbig schimmernde Venedig, das uns so viele Bilder südlicher Maler vertraut gemacht, nicht das Märchen aus Tausendundeiner Nacht, als dessen holde Verwirklichung uns selbst die Stadt erschienen, sondern das war eine holländische Angelegenheit. Zugleich nüchtern und geheimnisvoll. Niemals vorher war dieser Anblick so sehr ins Nördliche transponiert worden, niemals so restlos aufgegangen in der wesensfremden Art eines Künstlers, dessen Heimat — außen und innen — der Bezirk der Dämmerungen gewesen. Als ich dann sein Reisebuch „Spanien" in die Hand bekam, hat mir jene Begebenheit schon die erste Lektüre erleichtert und mich vieles besser verstehen gelehrt. Denn auch hier wandert der Maler im Süden. Auch hier nimmt er mit ungemeiner, nie ermüdeter Frische die verschiedensten sinnlichen Sensationen auf, auch hier müssen sie durch sein reifes, beständiges Temperament hindurch, um schließlich anders, gefärbt von der Betrachtung einer Persönlichkeit, getränkt von ihrem Wesen, zu erscheinen. Wirklichkeit und Wahrnehmung, Impression und Seele stehen miteinander im fortwährenden Widerstreit. Und aus ihrem Kampfe erwächst das beglückende Erlebnis dieses Buches. „Alles hat so seine Eigentümlichkeiten", schreibt Israels. „Was man malt, kann durch kein Musizieren oder Schreiben erreicht werden. Wenn man dagegen eine Geschichte erzählen oder seine Ansichten über das eine oder andere zu erkennen geben will, muß man sprechen oder schreiben. Und so habe ich denn dieses einzige Mal den geschmeidigen Pinsel mit der stählernen Schreibfeder vertauscht und die bunten Farben beiseite gelegt, um mich mit der einfachen Tinte zu behelfen." Der Meister möge verzeihen, wenn ich ihm, nun schon zum zweitenmal, widerspreche. Aber was er da, im Vorwert zu seinem spanischen Buche behauptet, kann, wenigstens zum Teil, nicht vvortwahr genommen werden. Ich will ihm seine ziemlich häufigen Versuche in Versen nicht nachrechnen, die ja auch mit Feder und Tinte geschrieben sind. Denn für sie hatte er je später je mehr nur ein Lächeln — ein Lächeln zwischen Spott und Liebe — übrig. Und so darf auch ich sie diesmal beiseite lassen. Auch von der Niederschrift seiner Bekenntnisse zu zwei Malern, die ihm besonders nahestanden, von der ehrfürchtigen Huldigung für Rembrandt und von dem gefühlvollen Nachruf für Millet, soll hier weiter nicht die Rede sein. Aber zwei Schilderungen von Streifzügen im Parkland um den Haag und an der Küste von Scheveningen müssen aus dem Versteck, in das sie durch unbekannte Umstände geraten, aus den Jahrbüchern des Altertums- JOZEF ISRAELS SELBSTPORTRÄT Vereines „De Haaghe", heraus, um Zeugnis abzulegen für die prächtige, fast sachliche Beobachtungsgabe des Schriftstellers. Denn hier zeigt sich Israels geradezu als Impressionist. Oder könnte man ihn anders benennen, wenn er uns Toet, den alten, wetterfesten Toet mit seinem Sandkarren und dem rostbraunen Klepper vorführt, wie sie jahraus jahrein unter den herbstlichen Himmeln der Nordsee in das seichte Strandwasser trotten, um den Schlamm und Schlick ans Land zu holen? Was ergötzt, was ergreift ihn an diesem simplen Motiv, wenn nicht die Wirklichkeit, die wahre Gebärde des Lebens inmitten einer kraftvollen Landschaft? Allerdings ist es das Leben und die Landschaft der Heimat. Und eben damit gewinnen wir auch für das Unternehmen des Malers auf romantischen Boden festen Grund. Auch im fernen Spanien und Marokko bleibt er heimatstreu. Als ich ihm das erstemal begegnete, hielt ich das „wir", das er im Gespräch zuweilen gebrauchte, für eine Kundgebung des jüdischen Gemeinschaftssinnes. Ich hörte: „Wir Juden." Aber bald kam ich darauf, daß er es anders verstand und sagen wollte: „Wir Holländer." In seinem Bewußtsein — nicht auch in seinem schaffenden Instinkt — war Israels mit Haut und Haaren Holländer. Und nur in diesem geselligen Element hat er sich ganz wohl gefühlt. Bei der Table d'hote in Cordova, nachdem der Tischnachbar mit dem stolzen Namen — Marquis de Guaranja stand auf seiner Karte — zur hellen Schadenfreude der Beteilig- {