Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Abraham, ein Vorbild echter Religiosität
Date
1925-01-01
Page
Seite 5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912842-2915051--01415-2915123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M E N O R A H 5 In einem Erlebnis, das nach seinem vergleichenden Urteile völlig von der gewöhnlichen Erfahrung abwich, erkannte Abraham ebendeshalb eine Wirkung aus einer höheren Welt, eine Mahnung der Gottheit, und wer den Kampf der Propheten der hebräischen Bibel für die Wahrheit ihrer Erlebnisse kennt, wie dieser Kampf zum Beispiel in meiner Schrift „Die messianischen Weissagungen" (1924), Seite 19, nach den Quellen dargestellt ist, der wird jenes Erlebnis Abrahams, der auch ein Prophet genannt ist (1. Mos. 20, 7), mit um so ernsteiem Auge betrachten. Wie sagt doch auch Shakespeare in seinem ,,Hamlet"? „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als in eurer Philosophie geträumt werden." Jedenfalls fühlte Abraham jenes entscheidende Erlebnis als den Drang, sich von der Religion seiner Verwandten loszusagen, von denen es in den Quellen heißt: ,,Eure Väter wohnten vormals jenseits des Stroms (das heißt des Euphrat) und dienten anderen Göttern" (Jos. 24, 2). Also Abraham hat seinen religiösen Besitz nicht, wie neuerdings oft gesagt wird, aus Babylonien mitgebracht. Nein, die religiöse Stellung Abrahams war etwas Neues in der Menschheitsgeschichte. Als die Menschen, wie es in der Geschichte vom Turmbau zu Babel grell zutage tritt, sich in titanischer Selbstüberhebung auf den himmlischen Thron der Gottheit schwingen wollten, da schleuderte diese nicht ihre Blitze, um die Himmelstürmer niederzustrecken. Vielmehr strebte sie, nun auf einem neuen Wege das sich verirrende Menschengeschlecht zu sich zurückzuführen. Wie auch ein menschlicher Erzieher, wenn er einen hohen Gedanken verbreiten möchte, ihn zunächst in einem engeren Kreise lebendig werden läßt, so haben die göttliche Heiligkeit, Gnade und Weisheit in bewunderungswürdiger Harmonie den Weg zur Hinausführung ihres Erziehungsplanes gewählt, daß ein engeres Gottesreich gegründet und Abraham zu dessen erstem Bürger berufen wurde. In diesem Gnadenreiche Gottes sollte die wahre Religion und Sittlichkeit wie in einer Pflanzschule als ein gottentsprossenes Gewächs gepflegt werden und schließlich zu einem Baume heranwachsen, der mit dem Segen seines Schattens und mit seinen köstlichen Früchten zuletzt alle Völker der Erde erfreuen solle, wie es in 1. Mos. 1 2, 3 in Worten an den ersten Patriarchen lautet. Auf die göttliche Anregung, die dieses große Werk mit Abraham beginnen wollte, ging dieser nun auch bereitwillig mit gläubiger Hingabe ein. Aber Wc.s doch für Eigenschaften mußte er besitzen, um dies leisten zu können? In allererster Linie mußte ihn Demut zieren, so daß er bereit war, einer höheren Weisung zu folgen. Er muß von dem Hochmut fern gewesen sein, mit dem jetzt manche meinen, daß sie selbst eine Religion (Verbindung mit Gott) schaffen könnten. Er kann auch nicht die Einbildung gehegt haben, mit der viele in unseren Tagen denken, daß das Gewöhnliche der Maßstab des Möglichen sei und darum alles das bestreiten, was über das gewöhnliche Niveau hinausgeht. Neben dieser Demut muß in Abrahams Herzen eine große Fähigkeit zur Aufopferung für ideale Dinge gewohnt haben. Denn welche gewaltige Verzichtleistung wurde durch die ihm zuteil gewordene religiöse Erleuchtung von ihm gefordert! Nicht bloß von seinem Vaterland, sondern auch von seiner Verwandtschaft und sogar von seiner Familie (1. Mos. 12, 1) hatte er sich zu trennen. Da waren viele Fäden zu zerreißen, die seine Seele an liebgewonnene Statten und Personen knüpften. Da sind natürlicherweise auch in seinem Herzen viele blutende Wunden gerissen worden. Aber seine Seele glühte am heißesten für die Sache der Religion. Ihr zuliebe hat er auch sogar die nächsten Verwandten verlassen, um in der Fremde der erste Vertreter einer höheren Religionsgemeinschaft zu werden. Diesen aus demütigem und idealgesinntem Herzen geborenen Glauben hat der erste Patriarch ferner auch tapfer festgehalten. Die Ausführung des Entschlusses, den er um seines Gottes willen gefaßt hatte, erwies sich ja als überaus schwierig. Da war zuerst eine lange, mühselige Karawanenreise zu machen. Wir sehen ihn mit seinen Herden den Euphrat überschreiten, dann bei Damaskus vorbei und endlich über den Jordan ziehen. Dann fand er Kanaan dicht bevölkert, so daß er immer weiter in REMBRANDT ABRAHAM MIT ISAAK SPRECHEND Radieruns die südliche Gebirgsgegend des Landes wandern mußte. Auch eine Hungersnot trat damals in diesen Gegenden ein und trieb ihn in ,,die Kornkammer der alten Welt". Als er nach Kanaan zurückgekehrt war, quälten ihn Zänkereien seiner Hirten mit denen seines Neffen Lot, und dann wurde das Land gar durch ostländische Herrscher mit Krieg überzogen. Was aber am schwersten auf Abrahams Seele lastete, war das Ausbleiben von Nachkommenschaft, auf die er seine neue Religion natürlicherweise zunächst vererben wollte. Unter einem solchen Druck widerwärtiger Verhältnisse hätte gewiß mancher andere Geist das Glauben aufgegeben. Doch Abraham glaubte weiter (1. Mos. 15, 6). Er war es deshalb, der mich zur Aufstellung folgender Lebensparole bewog: Laßt schreiten uns in frohem Glauben Auch über dieses Jahres Schwelle 1 Kein Mißgeschick soll uns ihn rauben. Kein Angriff treiben von der Stelle. Der Wahrheit Glanz am Ziel uns blinkt. Der Tugend Preis von dort her winkt. Entfalte, Treue, dein Panier. Geh du voran 1 Wir lolgen dir. Aber auch diese Beständigkeit im Glauben war noch nicht alles, was der erste Patriarch in religiös-sittlicher Hinsicht leistete. Er steht in den Geschichtsberichten endlich auch als ein solcher da, der aus dem Glauben viele Tugenden hervorsprießen ließ. Wie hell glänzt zunächst seine Bescheidenheit bei seiner Verhandlung mit Lot! Es kann ja gar keinen deutlicheren Beweis der selbstlosen Verzichtleistung geben, als er in Abrahams Worten „Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten" (1. Mos. 13, 9) liegt. Oder ist er ferner wegen seiner besonderen Gemeinschaft mit Gott etwa stolz und hartherzig gegen ihm fernstehende Menschen geworden? Um die Antwort darauf zu finden, brauchst du nur die großartige Szene zu betrachten, worin Abraham als Fürsprecher für die Bewohner von Sodom mit Gott gerungen hat, um von dessen Heiligkeit und Gnade das größtmögliche Maß von Verzeihung zu erlangen (1. Mos. 18, 23 ff.). Also trotz seiner hohen Stellung in der Religionsgeschichte ist er doch ein Muster im demütigen Erbarmen gegen grob

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.