Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Article
- Abraham, ein Vorbild echter Religiosität
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 M E N O R A H REMBRANDT ABRAHAMS OPFER Radierung 1. Mos. 38, 18 einen Siegelring trug, wie es im Hebräischen dort heißt, und wie Herodot (1, 195) von den Babyloniern sagt: „Ein Siegel hat jeder." Also zunächst die Möglichkeit, daß in der Patriarchenzeit die Schreibkunst bekannt war, läßt sich nicht bestreiten. Diese Fähigkeit, sich schriftliche Aufzeichnungen zunächst über wichtige Momente (zum Beispiel Stammbäume oder Besitzwechsel) zu machen, hat man im alten Israel nach allem, was wir wissen, auch gern verwendet. Denn dieses Volk besaß einen lebendigen Sinn für die Pflege seiner Erinnerungen. Oder lesen wir nicht, daß in dem Schrifttum Israels eine Menge Veränderungen notiert sind, die im geschichtlichen Leben dieses Volkes eintraten? Die erste derartige Notiz lautet: „Bela, die heißt Zoar" (1. Mos. 14, 2), das heißt Bela ist die Stadt, die jetzt den Namen Zoar trägt. Wer einmal auf diese Notizen über den Wechsel von Ortsnamen, Monatsnamen usw. aufmerksam geworden ist, findet leicht selbst ganze Reihen solcher Bemerkungen. Bei diesem interessanten Suchen wird er zugleich auch dies beobachten, daß das alte Israel sich gern Stützen seines Gedächtnisses verschaffte. Denn man pflanzte an den Orten, wo man sich einmal niederließ, langlebige Bäume, wie die Tamariske in Bersaba (1. Mos. 21, 33). Oder man stellte Säulen der Erinnerung an ein wichtiges Erlebnis, wie zum Beispiel „den Steinhaufen des Zeugnisses" (31, 47) auf, aus welchem Namen hervorleuchtet, daß man sich des Zweckes dieser Denkmäler auch schon bewußt war. Wer denkt unter diesem Gesichtspunkte nicht auch an die Grabhöhle zu Hebron? Eine reiche Sammlung diesbezüglicher Materialien gibt mein Kommentar zum 1. Buch Mose „Die Genesis usw." (1924/25), Seite 87 bis 89. Dieses Interesse für die treue Bewahrung der alten Erinnerungen gab das Volk Israel auch dadurch kund, daß es alte Quellenschriften anfertigte. Denn überraschenderweise werden zwei Bücher zitiert, die jetzt verloren gegangen sind: „Das Buch von den Kriegen des Ewigen" (4. Mos. 21, 14) und „Das Buch des Rechtschaffenen" (Jos. 10, 13 usw.). Die erstgenannte ältere Schrift erzählte nach ihrem Titel von den Kämpfen, die unter der unsichtbaren Führung des Ewigen (Jos. 5, 14) für die Freiheit seines Volkes ausgefochten worden sind, und die andere ältere Schrift war eine Sammlung von Gedichten, in denen dem treuen Israeliten vorbildliche Taten besungen waren, wie zum Beispiel Josuas glaubenskühner Gebetsruf: „O Sonne, stehe still zu Gibeon und, o Mond, im Tale Ajjalon!" Durch diese und andere Stützen des Gedächtnisses konnte das alte Volk Israel die Erinnerungen an seine Vergangenheit festhalten, und die Frucht seines lebendigen Interesses für Bewahrung seiner Überlieferungen ist nicht ausgeblieben. Dies wird uns durch eine Tatsache bezeugt, die freilich gar noch nicht unter diesem Gesichtspunkt gewürdigt worden ist. Dies ist die große Tatsache, daß Israel ein deutliches Bewußtsein von einem vor mosaischen Zeitalter seiner Geschichte besessen hat. Denn wie leicht hätte es nach der Analogie anderer Völker geschehen können, daß Mose bei der überaus großen Bedeutung, die er für die Entwicklung seines Volkes besessen hat, einfach zum Anfänger von dessen Geschichte gemacht worden wäre! Aber es ist eben nicht geschehen, daß die nationale und kulturelle Entwicklung Israels bloß bis auf Mose zurückgeführt worden ist. Aller Glanz, in welchem die Zeit Moses leuchtete, hat doch nicht das Licht der Erinnerung zum Erlöschen gebracht, das aus der vor mosaischen Zeit herüberfunkelte. Man hat eben gar wohl gewußt, daß die Anfänge dieses Volkes und seiner religionsgeschichtlichen Sonderstellung innerhalb der Menschheit bis in die Tage der Patriarchen zurückreichten. Und was für ein einfaches Dasein schreiben die hebräischen Geschichtsbücher dem ersten Patriarchen zu! Als ein bloß geduldeter Kolonist zieht er von Ort zu Ort, muß mit den einheimischen Großgrundbesitzern um die Brunnen kämpfen und schließlich für seine Frau um ein Erbbegräbnis bitten. Wie ganz anders würde das Bild Abrahams gezeichnet worden sein, wenn es ein Produkt der dichtenden Volkssage wäre! Man weiß doch, was für glänzende Gemälde entstehen, wenn die Volksphantasie zu Palette und Pinsel greift. Also ein Felsblock nach dem anderen kann herangerollt werden, um den Sockel aufzumauern, der das Standbild Abrahams als einer wirklich existierenden Person trägt. Auch wenn die Geschichtsbücher Israels mit wissenschaftlicher Kritik untersucht werden, steht die geschichtliche Wirklichkeit des ersten Patriarchen fest. Ja, auch die kritische Betrachtung der Geschichtsquellen, die zum Beispiel in bezug auf Livius, Polybius, Tacitus usw. von einem Lessing in seiner „Duplik" geübt worden ist (Reclam-Ausgabe VI, 233f.), führte zu diesem sicheren Ergebnis. Auch wer in Erneuerung seiner tiefschürfenden Kritik die Anfänge Israels erforscht, kann über einen Satz, wie diesen „Wenn es einmal einen Mann gegeben hätte, der Abraham hieß" (Gunkel) mit ruhiger Gelassenheit lächeln. II. Abrahams geistesgeschichtliche Bedeutung. Nach den Geschichtsquellen, deren Charakter im Vorhergehenden untersucht worden ist, ist es bei der Geburt der religiösen Eigenart Abrahams so zugegangen. Auf diesen Mann ist in einem hervorragenden Moment seines Lebens eine Kundgebung eingedrungen, die er durchaus nicht zu den gewöhnlichen Vorgängen der Naturumgebung rechnen konnte. Da muß er eine Erfahrung gemacht haben, die er nicht aus den im Weltgeschehen gewöhnlich wirksamen Kräften abzuleiten vermochte, und wir besitzen keineswegs das Recht, jenen alten Persönlichkeiten die Fähigkeit, das Gewöhnliche und das Ungewöhnliche zu unterscheiden, abzusprechen. Übten doch auch sie schon das Vergleichen, also die komparative Methode, und mehr Kritik, als der moderne Mensch in seinem Hange zur Überhebung anzunehmen geneigt ist. Man höre doch nur zum Beispiel eine solche Frage wie „Wer ist dir gleich, o Ewiger, unter den Göttern?" (2. Mos. 15, 11) und hauptsächlich die Mahnung „Geht hinüber nach dem Westen und hinüber nach dem Osten und sehet wohl z u, ob dort so etwas, wie bei uns, geschieht!" (Jcr. 2, 10 bis 13).