Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1924)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH 11 XXI. Als der dritte Tag seiner Wanderung zur Neige ging, befand sich Elieser auf einer Bergkuppe zwischen Kossow und Pisten. Da gewahrte er eine kleine verfallene Holzhütte. Elieser verspürte große Müdigkeit und setzte sich auf einen Baumstumpf. Die Eßwaren hatte er irgendwo im Walde liegen gelassen, und nur den „Sohar" hielt er fest an sich gepreßt. Er hatte die ganze Zeit keine Nahrung zu sich genommen, doch verspürte er keinen Hunger. Rot glühten die Berggipfel in der Abendsonne. Massige Felsen tauchten auf, kein Busch, kein Strauch war zu sehen; nichts als kahles Gestein. Elieser saß lange in Gedanken versunken. Als er aufblickte, sah er einen alten Huzulen vor sich, der sein Pferd an der Leine hielt. Schweigend zog der Huzule seine Schaffellmütze und betrachtete eine Weile aufmerksam den Jüngling, dann sprach er: ,,Ich bin der Huzule Matiey, und meine Hütte ist die nächste dort auf dem Berggipfel, wo Ihr die Tannen ragen seht. Ich wollte Euer Gesicht sehen und darum wartete ich, denn ich glaubte, den Besitzer dieser Hütte wiederzusehen. Er war ein Jude wie Ihr. Israel aus Okup nannte er sich und sieben Jahre hauste er hier." „Die Hütte des Bai Schern", durchzuckte es Elieser freudig. „Wohnte hier der Jude Israel?" fragte er den Huzulen. „Es sind an die fünfzehn Jahre her", erwiderte Matiey. „Er war ein gottesfürchtiger Mann. Ich war sein nächster Nachbar und oft traf ich ihn in den Bergen. Wir Huzulen lebten in Frieden mit ihm. Es heißt, daß er oft hieher zurückkehrt, um in der Abgeschiedenheit Gott näher zu sein, doch ich bin ihm seither nie wieder begegnet." „Er ist ein heiliger Mann", sprach Elieser. „Hier ist der Steg, der zu meiner Hütte führt," fuhr Matiey fort, „wenn Ihr meiner bedürft, so sucht mich auf." Er zeigte mit der Hand auf den schmalen steilen Pfad, bestieg dann sein Pferd und ritt langsam davon. Elieser beschloß, an dieser heiligen Stätte zu rasten. Er betrat die Hütte. Die Wände zeigten viele Risse, auch das Dach war beschädigt, und man konnte ein Stück Himmel sehen. Eine Holzpritsche und ein aus Brettern gehämmerter Tisch bildeten die Einrichtung der Hütte. Elieser setzte sich und blickte durch das Fensterchen auf die Felswände, die im roten Glänze der untergehenden Sonne glühten. Dann schlug er den Sohar auf und las den Satz: „Im Schlafe verkostet der Mensch den Geschmack des Todes, und es ist ihm vergönnt zu schauen, was der Seele nach dem Tode bevors t eh t." Immer wieder las Elieser die Worte, bis er sie auswendig hersagen konnte, und er kam ins Sinnen. Oft hatte er den Sohar studiert und nie vorher war ihm dieser Satz aufgefallen. Gewiß war er bisnun nicht fähig, den wahren Sinn dieses Ausspruches zu erfassen. Die Dämmerung kam, und Elieser saß unbeweglich und grübelte. So verrann Stunde um Stunde, und er schlief ein. Plötzlich fuhr er auf. Die Tür öffnete sich langsam, und eine Helle erfüllte den Raum. Dann trat der Bai Schern über die Schwelle und näherte sich Elieser. Der Bai Schern nahm den „Sohar" zur Hand und zitierte mit halblauter Stimme den Satz, den Elieser zuletzt gelesen hatte. Dann sagte er: „Du sahst bisnun nur das Äußere der Dinge, doch jetzt ist es dir vergönnt zu schauen, was allen verborgen bleibt; was vor uns war und was kommt. Nur das Letzte soll dir vorderhand noch verhüllt bleiben und wird sich dir erst, wenn du ganz von der Erde Abschied nimmst, offenbaren. Komm und sieh!" Und der Bai Schern nahm Elieser bei der Hand und führte ihn in den dämmernden Morgen hinaus. Abel Pann Bilder zur Bibel KAIN. DU SOLLST UNSTÄT UMHERIRREN . . . XXII. An der Hand des Bai Schern schritt Elieser dahin über einen schmalen Steig. Immer höher ging es, über Geröll, an Felsenklüften vorbei. Steil wie eine Wand war der Weg, doch sie schritten mühelos weiter. Unten gähnte der Abgrund. Wasser rauschten zu Tal und wie Donner grollte es in der Ferne. Große schwarze Vögel flogen kreischend hoch über ihnen. Doch mit einemmal war der Steg zu Ende und sie standen vor einem Abgrund. In einiger Entfernung stand ein zweiter Berg, doch kein Weg führte hinüber. Da war es Elieser, als wenn sich die beiden Berge gegeneinander bewegen würden. Plötzlich war der Abgrund verschwunden und sie betraten den gegenüberliegenden Berg. Eine fremde Landschaft tat sich vor Elieser auf, von südlicher Sonne beschienen. Zu seinen Füßen lag heißer Wüstensand. Plötzlich standen sie zwei Löwen gegenüber. Zu Tode erschrocken packte Elieser den Arm des Bai Schern. Da geschah ein Wunder, denn anstatt sich auf die beiden Männer zu stürzen, stießen die Löwen beim Anblick derselben ein klägliches Geheul aus und liefen mit den Anzeichen des größten Schreckens davon. Erstaunt blickte Elieser auf den Bai Schern, doch dieser sagte lächelnd: „Du wunderst dich, daß die Raubtiere uns nicht verschlangen, sondern im Gegenteil vor uns die Flucht ergriffen haben. Ich will dir hiefür die Erklärung geben: Es heißt in der Heiligen Schrift, daß der Ewige den Menschen nach seinem Ebenbild schuf und