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Menorah · 1924-12-01 · Heft 12 (Dezember 1924) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 12 (Dezember 1924)
Article
Gilgul
Date
1924-12-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 M E N O R A H „Ist es nicht besser, wenn wir noch eine Zeitlang beisammen bleiben, Elieser?" Doch Elieser erwiderte: „Es zieht mich fort." Da widersprach Naftali nicht länger, sondern suchte etwas Eßwaren zusammen und packte sie in ein Bündel, das er dem Freunde übergab. Elieser nahm noch den „Sohar" an sich und drückte dem Freunde die Hand. Dann ging er schweigend von dannen. Lange saß Naftali unbeweglich, ohne einen Gedanken fassen zu können. Dann packte ihn ein Schmerz und er schrie nach Elieser. Er stürzte aus der Hütte und rief ihn laut. Langsam brach der Tag an und deutlich sah man die Umrisse der Berge aus dem Nebel auftauchen. Er verfiel in einen tiefen Schlaf und als er erwachte, war es schon heller Tag. Still war es im Bergwald und nur hie und da hörte er einen Vogelruf. Ihm war, als sei er ganz allein auf der Welt, als sei jedes Leben erstorben. Lange saß er da, seinen Betrachtungen hingegeben, dann sah er zu den Bäumen und Felsblöcken auf und rief: „Der heilige Bai Schern lehrt: »Gott ist überall, in jedem Wesen, in jedem Gewächs, im Rauschen des Wassers, im Säuseln des Windes offenbart er sich uns. Jedes Gräschen betet in seiner eigenen Melodie zu seinem Gott . . .« Mit meiner ganzen Seele fühle ich Gott in jedem Ding, das mich umgibt. Hier zwischen dem Keimen der Erde rufe ich euch an, höret auf mich, irrende Seelen im toten Gestein, in Pflanzen und Holz verbannt, offenbart euch mir, gebt mir ein Zeichen." ABELS BEGRÄBNIS Naftali bedauerte, daß er den Freund hatte ziehen lassen. „Was wird aus ihm werden?" fragte er sich und nahm sich vor, ihn einzuholen. Er rannte auf die Straße und in den Ort. Kein Mensch war zu sehen. Die einzelnen kleinen Hütten schliefen in der Morgendämmerung. Naftali weckte einige Leute und schickte sie nach allen Richtungen aus. Nach Stunden kehrten sie zurück, ohne eine Spur von Elieser gefunden zu haben. XX. Elieser ging dem Gebirge zu. Ohne Ziel wanderte er dahin und bald standen die schwarzblauen Berge vor ihm. Immer höher, immer steiler führte der Weg, doch er gönnte sich keine Rast, sondern schritt immerzu, betrachtete die Bäume und den Himmel hoch oben und suchte etwas, was ihm selbst nicht recht klar war. Als die ersten Sterne aufblitzten, sank er vor Müdigkeit hin. Um ihn war das Schweigen des Waldes und er hörte nur das Sausen der Bäume und das Rauschen ferner Bäche, die zu Tal stürzten. Elieser erhob sich und stand mit ausgebreiteten Armen da. Dann trat er zu einem Baum, drückte sein Gesicht an den Stamm und sprach zu ihm wie zu einem lebenden Wesen. Da war es ihm, als wenn sich die Zweige bewegen und er wartete auf ein Zeichen, doch bald erkannte er, daß nur der Wind die Äste bewegt hatte; die Dinge um ihn her blieben tot und stumm. Und Elieser bückte sich nieder, streichelte die Blumen und Gräser und sprach: „Auch ihr wäret einst lebende Wesen wie ich und lebt auch jetzt euer eigenes Leben. In euch wie in mir wohnt der Geist Gottes, offenbart euch mir . . . Ich rufe dich, Judith . . . Vielleicht ist deine Seele in einer dieser Blumen oder in einer Pflanze. Hast du dich in ein Lebewesen verwandelt oder ist deine Seele erstarrt in den Felsen über mir . . ." Ein Weinen schüttelte ihn und er lag viele Stunden auf der Erde, den Blick zum Himmel gerichtet, doch keine Antwort auf seine Fragen drang zu ihm, nur der Wind sang sein Lied in den Bäumen. Die Dunkelheit kam und eine wundervolle Nacht war über ihm. Elieser lag auf der Erde, merkte auf jeden Vogelruf und Tierschrei und wunderte sich, daß er kein Zeichen sah und kein Erwachen wahrnahm . . .

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