Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1924)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
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12 M E N O R A H die ersten Menschen waren bis zum Sündenfall göttliche Wesen und alle Tiere fürchteten sie. Jetzt, da wir alles Körperliche abgestreift haben, gleichen wir jenen ersten Menschen und darum erschraken die Löwen, als sie uns gewahrten, denn sie erkannten an uns das Angesicht Gottes." Da merkte Elieser, daß er nicht mehr den übrigen Erdenkindern glich und große Freude erfüllte ihn. Sie durchwanderten ungeheure Landstriche und kamen durch viele Städte. Sie gingen an zahlreichen Menschen vorüber, doch niemand beachtete sie. Plötzlich mußte Elieser seinen Schritt hemmen. Sie befanden sich in einer Villenstraße, die mit Bäumen bepflanzt war. Eine Erinnerung erwachte in Elieser und er sprach zu seinem Führer: „Hier wohnt Elieser der Herr." Und Elieser suchte das Haus. Der Bai Schern zog ihn aber mit sich fort und sprach: „Du wirst bald hieher zurückkehren, doch heute ist es noch zu früh. Folge mir." Bald gelangten sie in eine Einöde, und über Gletscher und Krater führte der Weg in eine ungeheure Tiefe. Kein lebendes Wesen war hier zu sehen und vom Sturm entblättert hingen die Zweige an den kahlen Bäumen. Voll schweigender Finsternis war die Landschaft. Der Bai Schern grub mit seinem Stock in die Erde, und sie sanken in eine unermeßliche Tiefe. Finsternis erfüllte den Raum, und der Sturm heulte. Elieser konnte sich kaum auf den Füßen halten, er verspürte, wie ihm Kälte und Feuchtigkeit bis ins Mark drangen. Da zuckte ein Blitz auf, und Elieser erkannte, daß sie sich in einem endlosen unterirdischen Gang befanden. Ekles Gewürm wand sich an den Wänden und zu seinen Füßen. „Führt mich fort von hier, Rabbi", bat Elieser und packte den Arm seines Führers. „Wir wollen nur ein wenig hier verweilen", erwiderte der Bai Schern. „Es ist der dunkle Weg der Seelen, den wir alle einmal beschreiten müssen. Hier führt der Engel Dumah die Seelen der Verstorbenen vorbei, damit sie Rechenschaft vor dem höchsten Richter ablegen. Strenge deine Augen an, und du wirst sehen können." Elieser sah jetzt klar in der Dunkelheit, und von Entsetzen erfüllt folgte er seinem Führer. Plötzlich vernahm man lautes Jammern und Schreien. Es war eine verzweifelte Menschenstimme, die im höchsten Schrecken schrie. Elieser blickte um sich, und er erschauerte, denn er sah eine Gestalt, so groß und ungeheuer, daß er sich ihr gegenüber wie ein winziger Wurm vorkam. Das Gesicht und der ganze Körper dieses unterirdischen Wesens waren mit Augen besät und furchterweckend war sein Anblick. Dieser Schreckliche schien kein Mitleid zu kennen. In der einen Hand hielt er eine Kette, die zur Hälfte aus Eisen und zur Hälfte aus Feuer war, und mit dieser Kette schlug er eine Menschenseele und trieb sie vor sich her. Elieser konnte den Anblick nicht ertragen und verbarg das Gesicht an der Brust seines Führers. Da sprach der Bai Schern: „Das ist der Tausendäugige, von dem ich dir sprach. Kein Mensch kennt die Leiden des Grabes. Wenn ein Mensch begraben wird, hängt die Seele noch an seinem Körper. Da erscheint der Engel Dunach und zerreißt das unsichtbare Band. Wenn der Verstorbene ohne Sünde war, löst sich die Seele leicht vom Körper los, wie ein Faden, der aus der Milch gezogen wird. Doch beim Frevler ist es wie ein Dorn, der aus der Wolle gerissen werden muß, und unsagbar sind die Schmerzen, die die arme Seele dabei aussteht." Viele Seelen sah Elieser noch an sich vorüberführen, und er gewöhnte sich an das Furchtbare dieses Ortes, doch mit einem Male glaubte er sich in die Hölle versetzt: er sah sich von zahlreichen Dämonen umgeben, die unheimlich schrien und ihre Krallen nach ihm ausstreckten. Sie versuchten ihn zu packen und mit sich fortzureißen, und er fühlte schon den Pesthauch ihres Atems. „Rabbi", schrie Elieser auf, und fast bewußtlos sank er in die Arme seines Führers. Der Bai Schern erhob die eine Hand schützend über Elieser und die andere drohend gegen die bösen Geister. Und siehe, die Dämonen zogen sich pfauchend zurück und wagten es nicht mehr, in ihre Nähe zu gelangen. Da fand Elieser seine Sprache wieder: „Seht, sie weichen uns aus", sagte er freudig. „Sie fürchten Euch, Rabbi." „Sie fürchten das Wort Gottes und jedes gute Werk", erwiderte der Bai Schern. „Mit der Heiligkeit des Gedankens und mit der Kraft des Gebetes kann man sie leicht bezwingen. Besser ist es aber, wenn man sie gar nicht beachtet, dann trägt man am ehesten zu ihrer Ausrottung bei." Die Finsternis wich jetzt einer Dämmerung, und Elieser konnte deutlich seine Umgebung betrachten. Die Dämonen verkrochen sich und belästigten ihn nicht mehr. Da war es ihm, als wenn er über seinem Kopfe ein leises Geräusch vernehmen würde. Er blickte auf. Wie Schneeflocken, vom Winde getrieben, oder wie eine Insektenschar bewegte sich etwas kaum sichtbar hoch oben. „Seht die Wolke über unseren Köpfen", sprach Elieser. Der Bai Schern erhob seinen Blick und erwiderte: „Hier siehst du die hartgestraften Seelen, die vor dem Herrn nicht erscheinen' dürfen und zur Irrfahrt durch den Weltenraum verurteilt sind. Endlose Weiten müssen sie durchmessen, unzählige Gestalten annehmen — wer weiß wie lange — bis sie aus dem Gilgul befreit werden und Erlösung finden." „Wohin nehmen sie ihren Weg?" fragte Elieser. „Ihr Weg ist ihnen bestimmt. Du sollst auch die »Welt der Wirrsal« zu sehen bekommen", erwiderte der Bai Schern. Nach einiger Zeit gelangten die beiden Männer in einen ungeheuren Kessel, der von einem ohrenbetäubenden Lärm erfüllt war. „Unsere Wanderung ist vorläufig zu Ende", sprach der Bai Schern. „Komm und sieh." Sie betraten das Tal, das zwischen ungeheuren Felsblöcken eingeklemmt war. Kaum hatte Elieser einen Blick auf den großen Platz geworfen, da wandte er rasch sein Antlitz von Entsetzen gepackt, denn hier schien der Schrecken zu hausen. Schreien und Jammern unzähliger Seelen, die im Halbdunkel zusammengepfercht standen, erfüllte den Raum. Der Donner grollte immerfort und Blitze in allen Farben zuckten, Dämone von verschiedener Art und Größe stürzten sich auf die Seelen wie Abendwölfe, um sie mit sich fortzureißen, und schlugen ihnen schwere Wunden. Vergebens suchte Elieser den Eingang zum dunklen Weg, und der Bai Schern sprach zu ihm: „Das fünfzigste Tor liegt hinter uns und es gibt kein Zurück. Hier ist die Stelle, wo sich die Straßen zu Gott und der Hölle teilen. Der Böse sucht alle Seelen in die Hölle zu werfen, aber Gott schützt die Seelen, die ohne Makel sind und der Engel des Verderbens sieht sie nicht." Und der heilige Mann führte Elieser, der seine Füße kaum bewegen konnte, mit sich fort und da sah Elieser, was noch kein menschliches Wesen vor ihm gesehen hatte: Er sah die Stelle, die von Flammenschwertern bewacht wird, wo die reinen Seelen zum ewigen Licht eingehen dürfen, während die anderen vom Engel des Verderbens wie ein Fangball aufgefangen werden, um sie dem Engel des Grauens zuzuwerfen, der sie in die Holle schleudert. Und Elieser sah auch die große Zahl Seelen, die weder zur Hölle noch zur Ewigkeit eingehen dürfen und zum Gilgul verdammt sind, zur Irrfahrt durch die Welten, bis sie in einen neuen Körper eingehen dürfen. (Fovisetzung folgt.) HUBNERS KURSALON-RESTAURANT S FÜR HOCHZEITEN, BANKETTE UND DINERS STEHEN HERRLICHE SÄLE ZUR KOSTENLOSEN VERFÜGUNG TÄGLICH 5-UHR-TEE MIT TANZ. TELEPHON NR. 758.