Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1924)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL Ein Roman aus dieser und jener Welt Copyright 1924 by Hermann Blumenthal, Vienna Nachdruck verboten Alle Rechte gewahrt <5. Fortsetzung! Dann sah er den Mann in einem weiten Mantel gehüllt vor einem Scheiterhaufen stehen. Grell schlugen die Flammen zum Himmel empor und ein frohlockendes Lächeln umspielte die Lippen des Mannes. Doch plötzlich wurde sein Gesicht schreckensbleich. Er war dem Feuer zu nahe gekommen und seine Kleider brannten. Sein ganzer Körper brannte im Nu wie eine Pechfackel. Das Bild verschwand und eine andere Feuersbrunst tauchte auf. Ein einfaches Haus brannte lichterloh. Viele Menschen stürzten aus dem Hause. Elieser erkannte das Einkehrhaus in Kossow, in dem seine Hochzeit stattgefunden hatte. Mit Wehmut dachte er an seine Mutter und Judith. Eines Tages kam ein Bote zu Naftali, der ihn heimberief. Da sprach Naftali zu Elieser: „Es ist an der Zeit, daß wir zu den Menschen, zurückkehren. Lange genug haben wir der Einsamkeit gelebt." Elieser erwiderte: „Schon lange merke ich, daß dich die Stille hier bedrückt. Unsere Wege müssen sich jetzt trennen. Jeder gehe seinen vorgeschriebenen Weg." „Wie kannst du verlangen, daß ich dich allein lassen soll", sprach Naftali. „Anders ist mein Lebensweg als der deine", erwiderte Elieser. „Ich fühle, daß ein Geheimnis über meinem Leben schwebt und warte, bis mir die Erleuchtung kommt." „Ich will bleiben, bis du mit mir kommst", sagte Naftali. Draußen sank der blaue Abend auf die Schneedecke herab. Auf einem verschneiten Strauch vor dem Fenster saß ein Rabe, der krächzend aufflog. Schweigen ringsum. Da setzte sich Naftali hin und schrieb an seine Angehörigen: „Laßt mich nur noch einige Zeit hier. Ich werde bald zu Euch zurückkehren." Wieder vergingen ihnen Wochen und Monate wie früher, Leim Studium und Disput, und Elieser war zufrieden, daß der Freund an seiner Seite blieb. Der Winter ging vorüber und die Frühjahrsstürme brausten um die einsame Hütte. Bald lachte die Sonne von wolkenlosem Blau und es war wieder Frühling. Es war an einem sonnigwarmen Tage. Die Erde dampfte und der Sonnenuntergang tauchte die Bergspitzen in Flammen. Die Freunde saßen vor ihrer Hütte und studierten. Plötzlich erhob Elieser den Kopf und sein Blick folgte der untergehenden Sonne. Lange saß er unbeweglich, dann sprach er: „Ich fühle, daß ich dich verlassen muß, Naftali. Laß mich jetzt allein meine Straße ziehen." „Wohin willst du, Elieser?" fragte Naftali, vom Buche aufblickend. „Ich bedarf der großen Einsamkeit", erwiderte Elieser. „Die Kabbala weiß von Männern zu erzählen, die in der Verlassenheit durch Verzicht auf jeden Lebensgenuß in das Unendliche eindringen konnten. Die Einsamkeit ist die höchste Stufe, die der Mensch erreichen kann und jedem ist es gegeben, seine Seele bis zu dieser hohen Stufe emporzutragen. Ich will das Leben in den Dingen suchen. Vielleicht kommt auch mir die Offenbarung und ich finde mich selbst wieder." Allein Naftali schüttelte den Kopf und sprach: „Du hast dir Ungeheures vorgenommen, Elieser. Vergiß nicht, nur wenige sind berufen, die Geheimnisse zu schauen. Im Buche Sira steht geschrieben: »Forsche nicht über das, was dir unbegreiflich ist, und suche das, was dir verhüllt ist, nicht zu ergründen. Befasse dich nur mit dem, was dich umgibt.«" „Dieser Ausspruch bezieht sich nicht auf uns Kabbalisten", warf Elieser ein. „Ist doch das Sinnen und Trachten über die geheimsten Dinge unser Lebensberuf. Jeder geht den Weg, den er für den richtigen hält. Du kannst die Deinigen nicht länger warten lassen, Naftali, und darum muß jeder von uns jetzt seine eigene Straße ziehen." „Nenne mir wenigstens das Ziel deiner Wanderung, damit ich dich finden kann, wenn ich nach dir begehre", bat Naftali. „Weiß der Tropfen, wo er niederfällt, wenn er vom Sturm getrieben wird? Die Unruhe treibt mich, nur Gott weiß wohin.' „Und werden wir uns wiedersehen?" fragte Naftali. „Nenne mir Zeit und Ort, da wir uns wiederfinden." „Das steht nicht bei mir", sprach Elieser, und sein Blick suchte etwas in der Abenddämmerung. „Das Rufen ist da und nun kann die Erkenntnis nicht fern sein. Die Nacht sank herab und die Freunde saßen lange schweigsam im Dunkeln nebeneinander, doch in Gedanken fern voneinander. Sie sprachen nur wenig und begaben sich zur Ruhe. Elieser konnte jedoch kein Auge schließen. Er glaubte viele Stimmen in der Nacht zu hören. Rief ihn nicht jemand laut beim Namen? Er erhob sich und lauschte. Nichts, nur die Atemzüge Naftalis waren zu hören. Doch er fühlte, daß ihn eine Stimme rief. Aus weiter Ferne klang sie zu ihm. Als der Morgen graute, erhob er sich und legte seine Kleider an. Naftali erwachte und als er sah, daß der Freund sich zum Fortgehen anschickte, schüttelte er den Schlaf ab und sprach: KAIN ERHOB SICH GEGEN ABEL UND SCHLUG IHN NIEDER...