Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912828-2912838-2914798--01266-2914879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 M E N O R A H XVI. Nach dem Gebet begaben sich die Freunde zum Bai Schern. Still und demütig stand Elieser vor dem heiligen Mann und Naftali nahm für ihn das Wort. „Hier ist mein Freund Elieser, ein Talmudjünger", sagte er. „Ein harter Schlag hat ihn getroffen. Seine Mutter und seine Braut, die er über alles liebte, sind in Flammen verkohlt worden. So verlor er alle, die ihm nahestanden, denn auch sein Vater wurde ihm vor Jahren durch Mörderhand entrissen. Ich sprach ihm Trost zu, doch was sind Worte bei dem Schmerz, der sein Inneres peinigt. Ein Gewaltigerer als ich soll ihn aufrichten und darum brachte ich ihn zu Euch, Rabbi. Rettet ihn, denn er hat die Freude zum Leben verloren." Naftali schwieg und Elieser stand immer noch in seiner gebückten Haltung, den Blick zu Boden gerichtet, und es war nicht sicher, ob er die Worte des Freundes gehört und verstanden hatte. Doch auch der heilige Mann schwieg und tiefe Stille umfing die drei Männer in der Kammer. Endlich sprach der Bai Schern die Worte: „Es ist nicht gut, alle Schmerzen und Qualen von sich fernhalten zu wollen. Es gibt Menschen, die das Leid auf sich genommen haben und sie müssen ihren Weg gehen bis ans Ende, da die Schmerzen von ihnen genommen werden." „Vielen habt Ihr geholfen. Steht auch ihm in seiner Verzweiflung bei", bat Naftali. „Niemand stelle sich ihm in den Weg. Man lasse ihn seine vorgeschriebene Strecke zurücklegen", fuhr der Bai Schern fort. Dann ging er zum Wandschrank, holte ein dickes Buch hervor und vertiefte sich darin. Wieder trat Stille ein. Dann sprach der heilige Mann: „Im Buche Sohar steht geschrieben: »Es gibt Geheimnisse, an die man wegen Lebensgefahr nicht rühren darf.«" Der Bai Schern blätterte eine Weile in dem Buche und zeigte Naftali den zitierten Satz. Dann schlug er eine andere Seite auf, hielt den Finger an eine Stelle und Naftali las: „Alle Seelen müssen eine Seelenwanderung durchmachen. Die Menschen wissen nicht, was mit ihnen vorgegangen ist, bevor sie in die Welt gekommen sind, wie viele Seelenwanderungen ihnen noch bevorstehen, und wie vielen von ihnen es vergönnt sein wird, vor Gott zu erscheinen. Sie sind wie ein Stein, der von einer Schleuder geworfen wird. Wer weiß, wo er niederfällt?" „Man soll nicht klagen über Schicksalsschläge, denn es ist möglich, daß man die Sünden eines früheren Lebens büßt", sagte der Bai Schern, vom Buche aufblickend. Dann erhob er sich, trat auf Elieser zu und sprach: „Elieser, Sohn Henochs, es liegt nicht in meiner Macht, deinen Lebensweg zu ändern, doch wir werden uns wiedersehen und dann wirst du Erlösung von allen Leiden finden. Versenke dich in die Geheimnisse der Kabbala, dort wird dir die Erleuchtung kommen." Der heilige Mann schwieg und seine Gedanken schienen in weiter Ferne zu sein. Eine Weile standen die beiden unschlüssig da, dann zog Naftali den Freund mit sich fcrt. XVII. Wie von einem Traum befangen, verließ Elieser das Haus des Bai Schern. Er hatte jedes Wort, das der heilige Mann gesprochen hatte, verstanden. Eines war ihm klar: Ein Fremder war er auf Erden und blieb es, bis er den richtigen Weg gefunden. Die Welt, in die er gehörte, lag weit, irgendwo, doch wo war die Straße, wo das Tor, in das er eingehen sollte? „Wohin?" sprach er laut zu sich selbst. Da fühlte er, wie Naftali seinen Arm packte und nun gewahrte er erst den Freund, der an seiner Seite schritt. „Der Rabbi hat dir das Studium der Kabbala angeraten", sprach Naftali. „Befolgen wir seinen Rat und vertiefen wir uns in die Geheimwissenschaft. Vielleicht findest du in diesen Büchern deinen Seelenfrieden wieder." Willenlos folgte Elieser dem Freunde. „Wir wollen zusammen die Kabbalistenschule besuchen", fuhr Naftali fort. „Da wir die Erlaubnis des Bai Schern haben, wird man uns nicht abweisen. Beim Magid in Lesnia sind, wie mir bekannt ist, viele weise Männer versammelt, die die geheimen Wissenschaften studieren. Ich glaube, daß du dich selbst wiederfinden wirst, wenn du deinen Geist wieder beschäftigst." Elieser nickte zustimmend und die Freunde verließen zur selben Stunde Miedziborz, um sich nach Lesnia zu begeben. Der Magid machte keine Schwierigkeiten. „Es heißt zwar, daß man vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr nicht an das Studium der Kabbala gehen soll, aber wenn euch der Bai Schern zu mir schickt, so seid ihr gewiß für diese Lehre reif", sprach er und wies ihnen Plätze in der Lehrstube an. Das Haus des Magid war voll von Männern, die ihre Familie und ihre Geschäfte verlassen hatten, um sich der Kabbala zu widmen. Von früh bis spät saßen sie Tag für Tag und lasen im Sohar, dem Buche der jüdischen Mystik, das der Geheimnisse voll ist, die auf und über der Erde sind. Mit Eifer widmeten sich die Freunde der Geheimlehre und suchten sich die schwierigsten Stellen zu erklären. Wie weit war jetzt die Welt, in der sie bisnun gelebt hatten und in der jedes Ding seine Erklärung hatte! Sie begannen mit dem „Buche der Schöpfung", und der Reihe nach wurden die kabbalistischen Bücher durchgenommen. Jedes dieser Bücher war eine Welt für sich, voll von dunklen Stellen, der Vortrag des Magid war wie ein Licht, das ihnen in dem finsteren Gedankengang voranleuchtete, doch mancher Abschnitt war klar wie ein Kristall und jede Erklärung schien überflüssig. Da war der „Schloh" von Jesaia R. Hurwitz, in dem die Einsamkeit als höchstes Gut gepriesen wird. „Nur wenig kann ich den weisen Lehren der großen Geister, die dem »Sohar« folgten, hinzufügen", schrieb Reb Jesaia, der sich „ein Junger und Kleiner an Jahren und Einsicht" nannte. „Der Mensch darf nie vergessen, daß sein Heim im Himmel ist. Nur als Vorhalle betrachte er die Welt. Fremd ist er auf Erden und er soll alle Genüsse verachten, damit er die Seele über den Körper erhebe. In der Jugend soll er an das Alter denken, auf der Höhe des Lebens an die Niederungen desselben; im Reichtum soll ihm das Elend vorschweben. Speise und Trank soll er nur so viel zu sich nehmen, um sich am Leben erhalten zu können, und er soll alle unnützen Gespräche vermeiden." „Lebe einsam, dann wirst du in die Welt der Gedanken eingehen", lautet die Lehre des „Schloh". „Einsamkeit ist mehr als Studium. Einsam und verschlossen soll der Mensch in den vier Ellen seines Weges bleiben. Und wenn er daraufkommt, daß er gesündigt hat, soll er Buße tun, und dann wird Gott an ihm Wohlgefallen finden." Wie eine Offenbarung wirkte der „Schloh" auf Elieser, und er trachtete sein Leben ganz nach der Lehre dieses Weisen einzurichten. Er mietete eine verlassene Hütte am Ende des Städtchens und dort wohnte er mit Naftali, abgeschieden von den übrigen Ortsbewohnern. Ringsum waren nur Äcker und Wiesen, und ganz nahe ragten die Karpathen wie eine schwarze Wand zum Himmel empor. Den ganzen Tag verbrachten die Freunde im Hause des Magid und studierten, bis sich die Sonne neigte und die Schatten des Abends die Erde bedeckten. Dann wurden die großen Bücher zugeschlagen und sie kehrten zur Wirklichkeit zurück. Langsam gingen sie durch die dunklen Gäßchen ihrer Behausung zu und dort saßen sie noch lange beim Schein einer Kienfackel und sprachen davon, was ihre Gedanken erfüllte. HUBNERS KURSALON-RESTAURANT K FÜR HOCHZEITEN, BANKETTE UND DINERS STEHEN HERRLICHE SÄLE ZUR KOSTENLOSEN VERFÜGUNG TÄGLICH 5-UHR-TEE MIT TANZ. TELEPHON NR. 758.