Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Aus Lehre und Leben des Baalschem und seiner JÃ?nger
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 M E N O R A H sondert, geht in Schuld von dannen. Der Heilige aber vermag an der Sünde eines Menschen zu leiden." So tat auch Rabbi Sussie. Er kam zu ihnen, ließ sich auf den Boden nieder und schrie: „Sussie, du hast gesündigt, das und das hast du verübt!" bis die Frevler darin ihre eigenen Sünden erkannten und reumütig um Vergebung baten. Der wahre Zaddik, der vollkommene, an dem nicht das geringste vom Bösen haftet, sieht im Menschen auch nichts Böses. Ihm sind alle gleich Zaddikim und deshalb liebt er sehr das Volk. Rabbi Wolf aus Zbaraz nannte jeden einen Zaddik. Bei einem Streite wollte man ihn von der Schuld des einen über- DAS BETH-MIDRASCH DES BAALSCHEM VON AUSSEN zeugen, da sagte er: „Wie kann man zwischen zwei Zaddikim urteilen?" Eines Frühmorgens erwachte er, als ein Dieb nach seiner Taschenuhr vom offenen Fenster aus die Hand ausstreckte. Da erhob sich Rabbi Wolf, nahm die Uhr und reichte sie dem Diebe hin, indem er sprach: „Es soll sich der Zaddik nicht zuviel bemühen." DEMUT Die wahre Nächstenliebe erlangt man durch die Demut. Der Talmud sagt: „Demut ist größer als alles." Baalschem aber sagt: „Demut führt zu allem." In der Tat machten die Chassidim von dieser Eigenschaft alles Gelingen abhängig und verwendeten hiefür ihr größtes Bemühen. Demut muß der Gottergebenheit vorangehen, denn wer seiner selbst voll ist, in dem hat Gott keinen Raum. Rabbi Pinchas aus Korec sagte, er habe sich im Kampfe gegen Lüge und Ingrimm jedes Beinchen verbrochen und habe die beiden in der Tasche. Gegen Hochmut jedoch muß man sein Leben lang kämpfen. Sabbatai Zwi — meinte er — war mit allen Eigenschaften des Messias zur Welt gekommen. Nur wurde ihm auch eine Haarbreite Hochmut beigegeben und diese habe ihn dann so tief herabgezerrt. Den großen Maggid Rabbi Beer aus Mizricz fragte einmal ein Schüler: „Rabbi, wie erlangt man Hitlahwut (Begeisterung)?" Da sprach der Maggid: „Wer Feuer haben will, muß es in der Asche suchen." Nur ist Demut nicht als eine servile Erniedrigung zu denken. Im Gegenteil ist die Erkenntnis des eigenen Wertes heiligstes Gebot. Jedermann ist verpflichtet zu sagen: Meinetwegen ist die Welt erschaffen worden. Er muß wissen, daß er in sich eine kleine Welt einschließt, daß er einzig in der Welt ist und kein gleicher zu ihm je war auf Erden. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, alle Himmel sind ihm offen und alle Welten Untertan. Der Zaddik ist das Fundament der Welt, Engel sind ihm ergeben, und er greift hinein in das Weltgeschehen. Allein dieses „gnoti sauton", dieses egozentrische Bewußtsein hat auch seine Kehrseite; denn das Gottähnlichsein ruft eben eine göttliche Bescheidenheit hervor. Womit soll man sich überheben, wenn man sich so unbegrenzt sieht? „Ein wahres Glück," sagte Rabbi Pinchas, „daß Demut eine Tugend und Hochmut eine Untugend ist, denn wäre es umgekehrt, womit könnte ich mich überheben?" Die Erkenntnis hinwieder, daß in einem jeden Menschen etwas Auserwähltes ist, das in keinem anderen ist, gebietet, den Nebenmenschen wie sich selbst einzuschätzen und schließt von selbst einen jeden Hochmut aus. Wenn heute Eliahu der Prophet käme — meinte ein Zaddik — und mir sagte: du bist besser als die anderen, so sagte ich ihm: „Du bist nicht Eliahu." Zwei extremste Gegensätze strömen also im Chassidismus wunderschön harmonisch zusammen. Stolzestes Selbstbewußtsein und äußerste Selbstlosigkeit. Sie ergänzen einander und gehen Hand in Hand zusammen. Bezeichnend für die Bescheidenheit der Chassidim ist ihre göttliche Verschwiegenheit sowie ihre Ruhmesscheu. Die Bildung der Dynastien, die Vererbung des Zaddikstuhls ist eine Ausgeburt der Entartung der Nachperiode im Chassidismus. Nicht einmal Baalschem hat seinen Sohn zum Nachfolger bestimmt. Ursprünglich war der Rebbe von den Jüngern gewählt oder durch eine Verheißung aufgetaucht. Dieses Erkanntwerden jedoch betrachteten sie als Strafe und die meisten zogen sich mit Selbstbezwingung unter den dürftigsten Verhältnissen in die Verborgenheit und Namenlosigkeit zurück. Viele wieder nahmen den Wanderstab, um auf entlegenen Orten Seelen aufzurichten. Viel bewunderungswürdiger ist ihr Schweigen. Baalschem hat nichts Schriftliches zurückgelassen. Alle Worte, die seinen Namen tragen, sind Nachtragungen mancher seiner Jünger. Rabbi Pinchas Schapira aus Korec, den man den göttlichen Philosophen nannte, hat kein Werk zurückgelassen. Die wenigen nachgetragenen Worte seines Namens gehören zu den Perlen der chassidistischen Literatur. Rabbi Jakob Schamschon aus Schepetowka war ein Genie der Gelehrsamkeit, hat aber nichts geschrieben. Sooft ein neues Buch erschienen war, pflegte er es im Nu durchzulesen und nachzuweisen, wo dasselbe bereits geschrieben steht. „Wozu also Bücher machen?" Schweigen und Verschwiegenheit, denen Thomas Carlyle Altäre erbauen ließ, sie sind mehr denn je Eigentum des Chassidismus gewesen. WOHLTÄTIGKEIT Hat man erst die Stufe der Demut erreicht, so gelangt man zur Ausübung der Liebe, zur Wohltätigkeit. „Die Hilfe", sagt Buber, „ist bei den Chassidim keine Tugend, sondern eine Ader des Daseins. Lieben heißt das Bedürfnis des anderen als sein eigenes fühlen. Lieben heißt miterleben." Der Sassower Zaddik, Rabbi Moische Leib, erzählte, daß er Nächstenliebe von einem Bauern gelernt habe. Er hörte einmal in einer Schenke, wie zwei Bauern, vom Weine angeheitert, zueinander sprachen: „Liebst du mich?" „Gewiß, ich liebe dich sehr." „So sage mir, was mir fehle." „Wie soll ich das wissen?" „So liebst du mich nicht, denn hättest du mich in Wahrheit geliebt, so müßtest du es wissen." Die Liebe zu den Lebendigen ist die Liebe zu Gott und sie ist zumal höher als irgend ein Dienst. Rabbi Moische Leib pflegte in der Nacht der ersten Selichot, als alle im Bethause versammelt waren, plötzlich zu verschwinden. Die Chassidim sagten, er sei im Himmel, er aber ging in dieser Zeit in den nahen Wald, spaltete Holz und trug es zu irgend einer armen kranken Wöchnerin, der er auch den Ofen heizte, wobei er das Gebet verrichtete. Die Chassidim meinten, er sei im Himmel, einer aber, der es wußte, bemerkte dabei, er sei noch höher als im Himmel. Lieben heißt, sich für den Nächsten aufopfern. Rabbi Jecheskiel aus Siemiara fragte einst seinen Vater, den Sandetzer Zaddik: „Vater, wenn ich im Winter zwei Pelze be-