Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Aus Lehre und Leben des Baalschem und seiner JÃ?nger
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 3)
- Language
- German
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M E N O R A H sitze und mein Nebenmensch keinen, so ist selbstverständlich, daß ich ihm einen Pelz gebe. Wie aber, wenn ich bloß einen habe? Heißt es doch im Gesetze: .Dein Leben und das Leben anderer — dein Leben früher.' " Da antwortete der Sandetzer: ,,J a, vom Gesetze aus, wer kann aber ans Gesetz denken, wenn man sieht, der Nächste friert?" Als derselbe Rabbi Chaim aus Sandetz in Wien war, da besuchten ihn alle Rabbiner der Gegend, auch der berühmte Ksaw Sojfer, der damalige Preßburger Row. Währenddessen meldete man die Ankunft des ebenfalls in Wien weilenden Rabbi Mendele aus Wiznitz. Da erhob sich der Sandetzer Row, ließ den Sojfer sitzen und ging dem Wiznitzer entgegen. Ksaw Sojfer fühlte sich beleidigt. Von seiner Umgebung darüber befragt, entgegnete Rabbi Chaim: „Warum hat man den heiligen Tempel auf dem Berge Moriah und nicht auf Sinai erbaut, denn auf Moriah ist Msirot-Nefesch (Aufopferung) eines Juden geschehen — die Opferung Isaaks — und die Selbstaufopferung eines Juden ist größer als die Thora. Dieser Wiznitzer hat Msirot-Nefesch, um einem Juden zu helfen." Die Selbstaufopferung ist das Symbol des Chassidismus. Sie ist dessen Gradmesser. Mit ihr steigt und fällt er. Ohne Selbstaufopferung gibt es keinen wahren Chassidismus. Die Selbstaufopferung, die gesteigerte Nächstenliebe, führte zur innigsten Verbrüderung der Chassidim. Man erzählt von Rabbi Rafael aus Berschet — dem Muster der Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit —, er sagte: „Wenn ein Mensch sieht, daß sein Gefährte ihn haßt, soll er ihn mehr lieben, denn die Gemeinschaft der Lebendigen ist der Wagen der Gottesglorie, und wo ein Riß im Wagen ist, muß man ihn füllen, und wo der Liebe wenig ist, daß die Fugen sich lösen, muß man Liebe hinzutun an dieser Stelle, um den Mangel zu erzwingen." Er rief einst einem Schüler zu, er möge zu ihm in den Wagen steigen. Darauf jener: „Ich fürchte, ich könnte es Euch eng machen." Da schrie Rabbi Rafael: „So wollen wir einander mehr lieben, dann wird uns bequem werden." LIEBE ZUM LANDE Sie ist von selbst in der Liebe zum Volke inbegriffen. Glücklich das Los dessen — sagt der Sohar — der gewürdigt ist, noch zu Lebenszeiten seinen Wohnsitz im Heiligen Lande aufzuschlagen, ja mehr noch, wer dazu gelangt, ist sogar gewürdigt, daß der heilige Geist ständig auf ihm ruhe. Die Mystiker in Israel hielten immer ihren Blick nach Erez Israel gerichtet und sahen alles in seinem Lichte. So sind Ramban, Rabbi Josef Karo, der Ori (Rabbi Ischok Lurja) die Begründer des alten Jischub. Im Chassidismus jedoch wird das Wandern nach Palästina zur Volkstümlichkeit. Nicht leicht gestaltete sich damals eine Reise nach dem Heiligen Lande. Bei Baalschem stellte sich noch eine Schwierigkeit in den Weg. Ihm war es das schwerste Hindernis. Er konnte sich nämlich nicht von seinen Jüngern losreißen, an denen er mit Leib und Seele hing. Sein Schwager, Rabbi Gerschon, schreibt ihm aus Erez Israel: Ich habe bereits die Hoffnung aufgegeben, dich hier z\i sehen, denn ich weiß, wie sehr du liebst, mit deinem Minjan zu beten. Allein auch dieses Hindernis wußte Baalschem zu überwinden. Über die Reise des Baalschem nach Palästina weiß die Legende so manches zu erzählen. Was ich hier mitteile, ist eine wortgetreue Überlieferung meiner Ahnen, die vom Baalschem stammen. Alljährlich pflegte ich in meinem Elternhause zu hören: Rabbi Israel Baalschem fühlte sich seiner Aufgabe im Golus entledigt und fuhr mit seiner Familie und Rabbi Hirsch, dem Schreiber, nach Erez Israel. An einem der Pessachwochenfesttage bestiegen sie in Konstantinopel das Schiff, Baalschem, sein Sohn, Rabbi Hirsch, seine Tochter Hudel, deren Mann, Rabbi Jechiel, und Rabbi Hirsch, der Schreiber. In der Nacht des siebenten Pessachtages (wo einst die Juden das Rote Meer überschritten) strandete das Schiff in einer Meerenge der Dardanellen. Alles ging unter, Baalschem und die Seinen blieben auf einer Sandbank gerettet. Bis zum Gürtel im Wasser, standen sie dort bis zur Morgendämmerung. In dem bergigen Ufer nächst dieser Stelle hielten sich Piraten auf, die die öfteren Schiffbrüche zu Raubzügen benützten. Schon sah man sie mittels eines Kahnes herannahen. Schon vernahm man ihre Raubpläne und rechnete ab mit dem Leben, als Baalschem seinen Mund auftat und sagte, er höre ein Kol Jeschiah (Stimme der Hilfe). Rabbi Jechiel pflegte dann zu bemerken: Wenn ich Freitag abends bei Schwiegervater zu Tisch sitze, und er sagt, er höre ein Kol Jeschiah, lasse ich es mir gern gefallen. Anders aber hier. Da stehen wir, kaum, daß wir atmen können, im Wasser und vor uns die Seeräuber, und er sagt, er höre eine Hilfesstimme! Allein es dauerte nicht lange, da vernahm man Schüsse, und die Räuber ergriffen die Flucht. Der Pascha der nächstliegenden Stadt kam mit einem Schiff herbei. Baalschem und seine Familie DAS BETH-MIDRASCH DES BAALSCHEM VON INNEN wurden an Bord gebracht, aber Hudel, die Tochter, fiel zurück ins Meer, da erschien plötzlich ein Türke und rettete sie aus dem Wasser. (Das war Eliahu, der Prophet.) Sie wurden alle zur Erwärmung in ein Dampfbad gebracht, und Baalschem sang noch am selben Frühmorgengebete die Meereshymne mit einer Inbrunst, wie sie nur einst Moses gesungen hat. Zum Andenken an dieses Ereignis wird noch heute bei den Nachkommen des Baalschem alljährlich am letzten Tage des Pessachfestes ein Gedenkmahl abgehalten, wobei die Erzählung vom N e ß wiederholt und der große Knödel gegessen wird. Baalschem versuchte nicht mehr, nach Erez Israel zu fahren. Aber seine Jünger haben das Werk fortgesetzt. Rabbi Mendel aus Witebsk, Rabbi Israel aus Sluck, Rabbi Israel Plouskar sowie Rabbi Jakob Schamschon, der Gaon von Schepetowka und Hunderte von Chassidim, die sich ihnen anschlössen, waren die ersten chassidischen Pioniere, die das Heilige Land aufsuchten. Am markantesten jedoch zeigte sich die Liebe zum Lande bei Rabbi Nachman von Braclaw, einem Enkel des Baalschem. „Solange ich noch einen Atemzug in mir habe." sagte Rabbi Nachman, „werde ich mich aufopfern und nach Erez Israel fahren." Seiner Frau, die abwehrend fragte, wovon sie denn dort leben werden, sagte er: „Du wirst eine Köchin sein und die Töchter Hausmägde." Und so fuhr Rabbi Nachman dahin, hielt es aber dort nicht lange aus, zumal seine Jünger seiner bedurften. In der Absicht, zurückzukehren, kam er nach einem Jahre zurück. Wo er aber ging und stand, sah er vor sich das Land. „Das Heilige Land", sagt Rabbi Nachman, „ist das Hirn der Welt; es ist die Stätte der wahren Weisheit." Das von Achad Haam gebrauchte Wort „geistiges Zentrum" hat Rabbi Nachman geprägt. Als ihn seine Jünger fragten, ob er denn nicht damit das Symbolische Land meine, antwortete er erregt: „Nein, ich meine das Land mit seinen Häusern und Feldern, das wirkliche Land." So wirkte der Chassidismus durch die Liebe zum Volke und zum Lande vereinigend und festigend und erhielt mit seiner freudigen Liebe die große Masse des Ostjudentums in der schweren Goluszeit.