Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Ein Roman aus dieser und jener Welt
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 13 (sequence 2)
- Language
- German
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MENORAH 13 Goldener Sonnenschein lag auf den Feldern und der Himmel war immer blau. Es war ein großes, vornehmes Haus, das Reb Joel bewohnte, mit vielen Zimmern, kostbaren Teppichen und Möbeln. Als der Wagen vorfuhr, trat Reb Joel vor das Haus, um die Gäste zu begrüßen, und geleitete sie ins Haus. „Hier ist meine Tochter Judith", sagte Reb Joel, nahm das Mädchen bei der Hand und führte es zu Gitel hin. „Als Kind hat sie ihre Mutter verloren und führt jetzt schon ganz allein die Wirtschaft." Gitel küßte Judith auf beide Wangen. „Hier ist Elieser, gib ihm die Hand"', sprach Reb Joel zu Judith. „Er soll dir ein Kamerad werden und bleiben." Elieser drückte die kleine weiße Hand und ein beseligendes, nie geahntes Gefühl durchströmte ihn. Er sprach zu Judith wie zu einem lieben guten Freund und sie sah zu ihm mit ihren großen schwarzen Augen auf. Elieser gefiel ihr ausnehmend und sie hatte nichts dagegen, daß Elieser ihr Kamerad werden sollte. Gitel blickte schweigend auf die Kinder und hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie dachte: „Wenn das Henoch erlebt hätte, wie stolz wäre er auf seinen Sohn gewesen." Nach den Feiertagen kehrten Gitel und Elieser nach Kossow zurück und es war abgemacht, daß Elieser der zukünftige Gatte ludiths werden sollte. Mit der Hochzeit hatte es aber noch gute Weile. XII. Es kam der Tag, da Elieser vor Naftali auch seine geheimsten Gedanken offenbarte. Eines Nachmittags trat Naftali in das Gärtchen vor dem Hause und erblickte Elieser, der unter dem Schatten eines Kastanienbaumes saß und seinen Träumereien nachhing. Naftali beobachtete schweigend den Freund. Dieser schien in Gedanken der Gegenwart weit entrückt zu sein. Naftali setzte sich und wartete. Viertelstunde um Viertelstunde verstrich, ohne daß sich Elieser auch nur bewegte. Es war ein heißer Tag und im Hause hörte man keinen Laut. Kein Blatt bewegte sich an den Bäumen, und die Landstraße schlief in der Nachmittagsonne. Naftali hatte das Gefühl, als wenn die Zeit stillstünde. Endlich erhob sich Elieser und bemerkte den Freund. „Du bist hier, Naftali?" sagte er. „Ich habe dich nicht kommen hören." „Du warst in Gedanken versunken", erwiderte Naftali. „Ja, ich träumte mit offenen Augen. Sag', ergeht es dir auch so, daß plötzlich die Welt um dich versinkt und du dich im Geiste in eine ganz andere Umgebung versetzt fühlst?" „Auch ich grüble viel, aber anders als du. Du bist ein Träumer, Elieser", sprach Naftali. „Oft ist es mir, als wenn meine Stirn die Pforte zu einer anderen Welt wäre. Komm und laß dir erzählen. Ich habe noch zu niemand davon gesprochen." Naftali setzte sich zu Elieser, und dieser begann: „Ich sehe in meiner Phantasie Menschen und Straßen, die mir im Leben noch nie erschienen sind, und alles ist so lebenswahr, als wäre es Wirklichkeit. Dann erscheint mir ein Haus, vernehm und prächtig eingerichtet. In diesem Hause sehe ich einen Mann. Er studiert viel und ist ein bedeutender Mann. Mit einem Viergespann fährt er aus, und viele beugen sich vor ihm. Ich sah diesen Mann, als ich noch ein Kird war, und immer wieder erscheint er mir. Da ist auch ein Palast, der von Soldaten bewacht wird. Dort geht der Mann ein und aus. Er muß sehr gelehrt sein und groß ist seine Macht. Stets frage ich mich: Wer ist dieser Mann? Wo wohnt er? Wie kommt es, daß ich ihn immer wieder sehe? Kannst du dir diese Erscheinung erklären und siehst auch du ähnliche Bilder im Geiste?" DAS NEUJAHRSFEST G. Eichlcr inv. et dcl. G. P. Nusshiescl sc. aus Bodenschatz, Kirchliche Verfassung der heutigen Juden. Erlangen 17-18. Fit;. VII. Inneres Bild: Blick in die Synapse (venu. Fürth i. B.). Das aus Gründen der Deutlichkeit nach rechts verschobene Thema mit dem Schofarbliiser schürt auf den Unterteil in der Mitte. Dort ein Jude vor geöffneter Tora; rechts vorne 1 ländewaschen des Priesters, vor dem geöffneten (!) Arnim hakatidesch'; Priestersegen; links unten rituelles Tauchbad, rechts unten Ta«chlicli. (Aus den Sammlungen d. Ges. zur F.rf. jüd. Kuiistdenkni. Frankfurt a. M.). Elieser hielt inne, und auch Naftali schwieg lange; dann sagte er: „Du bist anders als ich geartet, Elieser. Niemals träume ich mit offenen Augen. Schön ist es, wenn man wie du träumen kann. Wenn man will, versinkt die Wirklichkeit, und man erlebt Abenteuer im Geiste. Wenn du mich aber nach einer Erklärung fragst, meine ich, daß du vielleicht etwas siehst, was irgendwo ist oder war oder sein wird, und nur du hast die Gabe, es zu sehen. Niemand kann sagen, ob es wirklich ist und ob alles sich zugetragen, aber du trägst das Bild in dir, und vielleicht ist es eine Widerspiegelung tatsächlicher Geschehnisse. Wenn es wahr ist, daß viele Menschen Seelenwanderungen durchmachen, dann ist es möglich, daß jene fremde Welt, die dir in einem schwachen Abglanz erscheint, in einem früheren Leben deine Umgebung war." „Das kann sein, das wird es sein!" rief Elieser heftig und drückte das Handgelenk des Freundes. „Auch ich sagte mir das schon. Wenn man nur schon älter wäre und Einblick in die geheimen Lehren bekommen könnte. Vielleicht würde man da einen Wegweiser finden. Die Bücher, die wir bis nun studiert haben, geben mir kein klares Bild." „Wir gehen mit offenen Augen umher und glauben alles zu sehen, aber um uns und in uns ist ein Dunkel, das unser Blick nicht durchdringen kann", sagte Naftali nachdenklich. Menschen traten aus dem Hause, und Naftali verstummte. Es kam jetzt Leben in die Gasse. Die Freunde saßen noch lange da, während sich die Sonne zum Untergang neigte. Es war, als wenn das, was sie sagen wollten, jetzt nicht mehr über ihre Lippen kommen könnte. XIII. Wie ein Knabenerlebnis erschien Elieser das Verlöbnis mit Judith und er dachte voll Zärtlichkeit an sie. Mit der Zeit ver-