Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Ein Roman aus dieser und jener Welt
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 12 (sequence 1)
- Language
- German
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12 M E N O R A H HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL Ein Roman aus dieser und jener Welt Copyright 1924 by Hermann Blumenthal, Vienna Nachdruck verboten ■■' Alle Rechte gewahrt (3. Fortsetzung) X. Es begab sich, daß der Rabbi "von Kossow nach Jahren auf der Durchreise wieder in Gora weilte. Als er vom Tode Henochs und von der Not Gitels erfuhr, ließ er Elieser zu sich kommen, um sich vom Fortgang seiner Studien zu überzeugen. Viele Fragen stellte der Rabbi an Elieser, doch der Knabe wußte auf jede die richtige Antwort zu geben. Als die Prüfung zu Ende war, nahm der Rabbi einen Leugulden aus der Tasche, legte ihn vor sich auf den Tisch und sprach: „Noch eine letzte Frage, Elieser: Sag' mir, wo wohnt Gott? Dieser Gulden soll dein Lohn sein, wenn du die richtige Antwort weißt." Da antwortete Elieser: „Ich gebe zwei Gulden demjenigen, der mir sagen kann, wo Gott nicht wohnt." Lächelnd reichte der Rabbi dem Knaben das Geldstück und segnete ihn dann. Zu Gitel sprach er: „Ich wünsche Euch Glück zu Eurem Sohn, Frau. Er wird einmal ein Weiser in Israel werden. Ich selbst will zunächst für sein weiteres Studium sorgen und Ihr könnt mit ihm in meinem Hause bleiben." Voll Freude ging Gitel auf den Antrag ein, und schon nach kurzer Frist fuhr sie mit dem Knaben nach Kossow und sie wurden im Hause des Rabbi aufgenommen. Elieser bezog nun die Jeschiwah (höhere Talmudschule) in Kossow. Hier fand der Knabe einen Freund. Es war ein Junge in gleichem Alter wie Elieser, namens Naftali, der zu den besten Schülern der Jeschiwah gehörte. Elieser fühlte sich bald zu Naftali hingezogen und wenn die Lehrstunden vorüber waren, spazierten sie oft im eifrigen Gespräch in der Umgebung des Städtchens. Es bereitete Elieser Freude, dem Freunde seine Gedanken zu offenbaren, doch empfand er eine Scheu, ihm sein Inneres ganz zu enthüllen. Von seinen Träumen und Ausmalungen sprach Elieser kein Wort, als fürchte er, daß die geheime Welt, die ihm in seiner Phantasie erschienen, wenn er sie schildern wollte, ihm für immer entschwinden könnte. Auch jetzt schwebten ihm oft Bilder aus dem Leben jenes Mannes vor, den er „Elieser der Herr" nannte. Er sah den Mann in seinem großen Studierzimmer über einem Folianten sitzen. Da traten einige Männer in das Zimmer und der Reihe nach lasen sie einen Abschnitt in jenem Buche. Dann setzten sie sich um den Tisch und disputierten lange und heftig. Ein anderes Bild tauchte auf. Elieser sah einen ungeheuren gewölbten Saal mit Bogenfenstern. Viele vornehm gekleidete Männer füllten den Raum, während die Galerien von eleganten Damen, von Soldaten und Adeligen vollbesetzt waren. Es schien eine Versammlung der ersten Männer des Landes zu sein. Es war in der Dämmerstunde und durch die Bogenfenster sah man den hellen Schein einer Feuersbrunst auflodern. Auf einen Wink des Vorsitzenden trat „Elieser der Herr" auf die Rednertribüne und hielt eine Ansprache. Er sprach mit viel Wärme und die Versammelten klatschten ihm Beifall. Dann erhob sich ein anderer Mann in einem langen Gewände, mit wallendem weißen Bart und hielt eine Gegenrede, die anfangs Widerspruch fand. Doch je länger der Greis sprach, um so aufmerksamer wurden die Zuhörer. Die Dunkelheit nahm zu, der Feuerschein von der Gasse her leuchtete immer greller auf und der Saal selbst war bald wie in Feuer getaucht. Auch dieses Bild verschwand und neue Szenen tauchten in der Phantasie Eliesers auf, in denen jener Mann die Hauptrolle spielte, und immer wieder warf sich der Knabe die Frage auf: „Wer ist jener Mann?" XI. Die Residenz des Rabbi befand sich außerhalb von Kossow. Sie bestand aus dem geräumigen Wohnhaus und einigen Holzhäusern, die für den Aufenthalt der Fremden bestimmt waren. Elieser fühlte sich vom ersten Tage an im Hause des Rabbi heimisch und er war von großer Ehrfurcht vor dem heiligen Mann erfüllt. Von nah und fern kamen fromme Männer nach Kossow, um dem Rabbi ihre Klagen und Wünsche vorzubringen. Unter den Anhängern des Rabbi befand sich ein reicher Handelsmann aus Rymanow, Reb Joel, der, so oft es ihm seine Geschäfte erlaubten, nach Kossow kam, um den Rat des Rabbi in gelehrten Sachen einzuholen. Reb Joel wurde bald auf Elieser aufmerksam und eines Tages bat er den Rabbi, ihm sein Urteil über Elieser mitzuteilen. „Ein Waisenknabe ist er", erzählte der Rabbi. „Ein seltener Kopf. Es gibt keine noch so schwere Frage, die er nicht zu beantworten weiß. Er ist über sein Alter hinaus reif." „Also ein Iluj" (junger Gelehrter), sagte Reb Joel. „Ich interessiere mich für den jungen Mann." Am Sabbat hörte Reb Joel Elieser über gelehrte Dinge sprechen und am Sabbatausgang hatte er vor seiner Abreise noch eine lange Unterredung mit dem Rabbi. Am nächsten Tage begab sich der Rabbi in den rückwärtigen Trakt seines Hauses, in dem Gitel eine Kammer innehatte. „Ich bringe Euch gute Botschaft über Elieser", sagte der Rabbi. „Von allen Lippen könnt Ihr sein Lob hören. Ich schätze ihn als meinen besten Schüler und liebe ihn wie einen Sohn. Sein Wohl liegt mir sehr am Herzen. Glaubt Ihr nicht, daß es Zeit ist, ihm eine Braut, die seiner würdig ist, zu suchen?" Aufmerksam hörte ihm Gitel zu, ohne ein Wort zu erwidern. „Ich denke an ein Mädchen, das eine Perle unter Zions Töchtern ist", fuhr der Rabbi fort . . . „Ihr Vater ist einer der angesehensten und reichsten Handelsmänner Pokutiens. Auch Ihr sollt in das Haus Eures Sohnes kommen und nicht mehr auf die Mildtätigkeit anderer angewiesen sein." Tränen kamen Gitel in die Augen und sie erwiderte: „Er ist noch so jung, Rabbi." „Wer denkt auch gleich an die Heirat", sagte der Rabbi. „Er soll noch lange an der Quelle des Wissens sitzen. Das Mädchen ist auch noch jung. Ich denke aber, daß es gut ist, wenn er schon jetzt der Verlobte von Reb Joels Tochter wird. Dann ist für sein weiteres Studium und für Euch gesorgt." „Tut, wie Ihr es für richtig haltet. Meinen Segen sollen die Kinder haben", erwiderte Gitel. „Ich weiß, daß Euch nur das Wohl Eliesers leitet." „Ihr werdet mit meiner Wahl zufrieden sein", erwiderte der Rabbi zum Abschied. „Ihr seid die Mutter und Ihr sollt zuerst selbst urteilen, ehe Ihr Euer Einverständnis gebt. Reb Joel wird in den nächsten Wochen seine Kalesche herschicken und er läßt Euch bitten, ihm die Freude zu machen und mit Elieser kurze Zeit unter seinem Dache zu weilen. Dann aber kehrt Ihr in mein Haus zurück und Ihr und Euer Sohn dürfen es nicht eher verlassen, bis Elieser in allen Zweigen des Wissens bewandert ist. Doch darüber werden Jahre vergehen, und so lange müßt Ihr mit meiner Gastfreundschaft vorliebnehmen." * Zum Laubhüttenfest, als das Obst schwer und voll von den Bäumen hing, fuhr Gitel mit Elieser nach Rymanow.